bedeckt München 22°
vgwortpixel

San Francisco in der NFL:Steaks für die Schachspieler

San Francisco 49ers - Seattle Seahawks

San Francisco 49ers Quarterback Jimmy Garoppolo (l.) in Aktion mit Seattle Seahawks Jadeveon Clowney.

(Foto: dpa)
  • Nach acht Siegen verlieren die San Francisco 49ers erstmals in dieser NFL-Saison.
  • Doch die Mannschaft ist nach wie vor sehr stark, das Spiel gegen die Seattle Seahawks war eines der spannendsten und qualitativ besten der Geschichte.

Und plötzlich entdeckte Russell Wilson eine Lücke in der Defensive der San Francisco 49ers. Die komplette Spielzeit über war er bedrängt, belästigt und bearbeitet worden, doch kurz vor dem Ende der Verlängerung wirkte der Spielmacher der Seattle Seahawks wie der weiße König bei der legendären Schachpartie zwischen Nigel Short und Jan Timman: Er lief nach vorne, immer weiter, bis er genügend Raumgewinn erzielt hatte, um Kicker Jason Myers das entscheidende Field Goal aus 42 Yards Entfernung zu ermöglichen.

Es war die erste Niederlage dieser Saison für die 49ers nach zuvor acht Siegen, und doch war klar zu sehen: San Francisco ist qualitativ so hochwertig besetzt, wie es die Bilanz andeutete; und Football wird völlig zu Recht immer wieder als Rasenschach bezeichnet. Wer verstehen will, warum das so ist, der sollte zunächst die Defensive der 49ers betrachten. Für Laien wirken Akteure der Verteidigungslinie wie Bauern beim Schach, die denen des Gegners gegenüberstehen.

San Francisco hat in dieser Saison jedoch zwei Läufer (Nick Bosa und Arik Armstead) und zwei Türme (Dee Ford und DeForest Buckner) auf diesen Positionen. Gegen Seattle erzwangen sie bei elf Spielzügen jeweils Raumverluste, dreimal stibitzten sie den Ball und trugen ihn ein Mal sogar in die gegnerische Endzone. Viel mehr geht nicht gegen diese Offensive, die vom derzeit wohl besten Footballspieler der Welt orchestriert wird, von Wilson eben.

Die taktischen Kniffe von Defensiv-Chef Robert Saleh sind beeindruckend

Der permanente Druck erzwingt taktische Veränderungen beim Gegner: einen zusätzlichen Beschützer für den Spielmacher etwa oder einen weiteren Wegfreiräumer für die Läufer. Die 49ers kamen so in der Verlängerung zu einem Ballgewinn, der nur deshalb nicht zum Sieg führte, weil ihr Ersatzkicker Chase McLaughlin derart weit danebenschoss, dass der Ball im Spielertunnel in der Stadionecke landete.

Die Defensive der 49ers provoziert Vergleiche mit den besten Teams der NFL-Geschichte: den Chicago Bears (1985), den Pittsburgh Steelers (1976) oder den Baltimore Ravens (2000), doch sind all die Verweise unsinnig. Die NFL hat die Regeln in den vergangenen Jahren immer wieder geändert - um die Sportart weniger gefährlich zu machen, aber auch, um den Zuschauern mehr Offensivspektakel zu präsentieren. Es ist deshalb heute umso schwieriger, Angriffsserien des Gegners zu stoppen.

Die taktischen Kniffe von Defensivtrainer Robert Saleh - einem formidablen Schachspieler übrigens - sind deshalb umso beeindruckender, die 49ers wirken trotz aller Restriktionen einschüchternd. Und die Offensive kann im Wissen um die Zuverlässigkeit der Defensivkollegen ähnlich agieren. Die Laufspieler Matt Breida, Tevin Coleman und Raheem Mostert bearbeiten die gegnerische Defensive abwechselnd, die deshalb meist einen zusätzlichen Spieler an der vorderen Linie positionieren muss. Wenn Spielmacher Jimmy Garoppolo - vor ein paar Jahren bei New England als Nachfolger von Tom Brady gehandelt, dann aber auf Druck von Brady zu den 49ers abgegeben - das erkennt, behält er den Ball und wirft dann für meist nur geringen Raumgewinn zu George Kittle.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite