Süddeutsche Zeitung

American Football:Die NFL stellt sich gegen Trump

Die weißen Quarterbacks Brees, Rodgers und Brady solidarisieren sich mit ihren schwarzen Kollegen, die friedlich protestieren wollen - daraufhin gibt die US-Footballliga wohl erstmals in ihrer Geschichte einen Fehler zu.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Drew Brees hat verstanden. Er hat einfach mal zugehört, sagt er, und ist nun sogar bereit, selbst dem Präsidenten der Vereinigten Staaten die Meinung zu sagen. "An Donald Trump", schreibt der weiße, als sehr konservativ bekannte Spielmacher der New Orleans Saints in ein Bild auf dem sozialen Netzwerk Instagram: "Ich habe verstanden, dass es nicht um die US-Flagge geht; dass es nie um sie gegangen ist. Wir müssen aufhören, über die Flagge zu reden - und unsere Aufmerksamkeit der rassistischen Ungerechtigkeit, Polizeigewalt und ökonomischer Unterdrückung zuwenden. Wir Weiße müssen jetzt zuhören und lernen."

Wer verstehen will, warum diese Worte so bedeutsam sind für die US-Footballliga NFL und das Land, der sollte wissen, wer Peter Norman gewesen ist. Es gibt den wunderbaren Film "Salute", er ist auf Amazon zu sehen, es geht um den Protest der amerikanischen Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko. Die beiden Medaillengewinner im 200-Meter-Lauf streckten während der Siegerehrung beim Abspielen der US-Hymne jeweils eine Faust in den Himmel, das Bild ist eines der bekanntesten der Sportgeschichte - und Norman ist der dritte Athlet auf dem Treppchen.

Er war gerade das Rennen seines Lebens gelaufen und hatte mit persönlicher Bestleistung von 20,06 Sekunden (die er nie mehr erreichen sollte) die Silbermedaille gewonnen - und er war bei dem stillen Protest nicht zufällig dabei. Smith und Carlos hatten ihn nach dem Rennen in ihre Pläne eingeweiht. Norman hörte zu und fragte, wie er sich beteiligen könne. Er blieb dann auf dem Podest, hob seine Faust aber nicht, sondern trug den Anstecker mit der Aufschrift "Olympic Project for Human Rights". Er zeigte sich solidarisch mit den Kollegen. "Das war nicht sein Kampf", sagt Carlos im Film: "Er war nicht schwarz, er war kein Amerikaner - er hätte das nicht tun müssen. Aber er war ein ganzer Kerl."

Es wird über Kaepernicks Protestform diskutiert

Es brennt derzeit in den USA, nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd gab es in der vergangenen Woche Proteste in mehr als 200 US-Städten; bisweilen gewaltsame, weshalb sich die Leute an den stillen Protest von Colin Kaepernick erinnerten. Der Quarterback der San Francisco 49ers hatte 2016 und 2017 beim Abspielen der Nationalhymne vor den Partien gekniet, um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu demonstrieren. Trump schimpfte ihn deshalb einen "Hurensohn" und forderte, dass er entlassen werden und das Land verlassen solle - zumindest Ersteres trat ein, Kaepernick ist bis heute arbeitslos.

Nun debattierten die Leute angesichts der Gewalt auf den Straßen (die sehr häufig auch von Polizisten ausgegangen war), ob Kaepernick nicht genau die richtige Form gewählt hatte. Nein, hatte Brees zunächst in einem Video gesagt: "Ich werde nie einer Meinung mit jemandem sein, der die Flagge der Vereinigten Staaten nicht respektiert." Nach Kritik von Mitspielern und Fans - es versammelten sich Hunderte vor dem Stadion in New Orleans und brüllten: "Fuck Brees!" - veröffentlichte Brees, der seit dem Super-Bowl-Sieg der Saints 2010, fünf Jahre nach dem katastrophalen Hurrikan Katrina, als Stadtheiliger galt, eine halbherzige Entschuldigung, die alles nur noch schlimmer machte.

Brees' Teamkamerad Michael Thomas, einer der besten Passempfänger der Liga, organisierte daraufhin ein Video mit den wichtigsten afroamerikanischen NFL-Profis, das jedem, der es sah, nahegehen musste. Patrick Mahomes (Kansas City Chiefs), Saquon Barkley (New York Giants), Odell Beckham Jr. (Cleveland Browns) und viele andere sprachen die Namen der Opfer aus, dann sagten sie: "Wir werden nicht mehr zum Schweigen gebracht werden, sondern wir bestehen auf unserem Recht, friedlich protestieren zu dürfen."

Die weißen Quarterbacks Brady und Rodgers marschieren nicht, sie bleiben aber auch nicht ruhig

Die Gemüter erhitzten sich auch auf der anderen Seite. Zum Beispiel bei Laura Ingraham, als Fox-News-Moderatorin bekannt geworden dadurch, dass sie dem dunkelhäutigen Basketballspieler LeBron James von den Los Angles Lakers einst geraten hatte, den Mund zu halten ("shut up and dribble"). Über Brees sagte sie nun: "Es sollte ihm erlaubt sein zu sagen, was die Flagge und das Knien für ihn bedeuten - es geht schließlich um mehr als Football." Präsident Donald Trump schrieb seinerseits bei Twitter: "Ich bin ein großer Fan von Drew Brees, aber er hätte seine Haltung zu Ehren unserer glorreichen Flagge nicht zurücknehmen dürfen."

Es hätte nun einiges passieren können, doch was geschah, das hatte viel mit Peter Norman zu tun. Zunächst meldete sich Brees: "Es tut mir leid. Ich werde es künftig besser machen und Teil der Lösung sein." Dann veröffentlichten die weißen Quarterbacks Tom Brady (Tampa Bay Buccaneers) und Aaron Rodgers (Green Bay Packers) Erklärungen, Bilder und Videos. Sie marschierten nicht, wie es fast 50 Spieler der Denver Broncos getan hatten. Sie blieben aber auch nicht ruhig. Sie zeigten sich solidarisch, und Brees wurde nun zum verlorenen Sohn, der geläutert umkehrt und Trump zum Zuhören und Lernen einlädt - wobei bezweifelt werden darf, dass der Präsident die Einladung annehmen wird.

Die größten afroamerikanischen Spieler dieser Liga protestierten, und sie wurden erstmals unterstützt von den größten hellhäutigen Spielern. Das konnte die Liga nicht länger ignorieren. NFL-Chef Roger Goodell, bei Kritik gewöhnlich glatt wie eine Teflonpfanne, wiederholt in einem Video genau die Worte, die die schwarzen Spieler von ihm gefordert hatten: "Wir, die NFL, verurteilen Rassismus und systematische Unterdrückung von Schwarzen. Wir, die NFL, geben zu, dass es falsch gewesen ist, unseren Spielern nicht früher zugehört und sie ermuntert zu haben, sich zu äußern und friedlich zu protestieren. Wir, die NFL, glauben daran: Black Lives Matter."

Die Konfrontation mit Trump hat Goodell bislang stets vermieden

Es ist wohl das erste Mal in der Geschichte der NFL, dass sie einen Fehler zugibt - eine Liga wohlgemerkt, die 2016 eine Milliarde Dollar dafür bezahlt hatte, trotz eindeutiger Beweise für den Zusammenhang zwischen Kollisionen und Kopfverletzungen keine eigenen Fehler zugeben zu müssen. Das Statement von Goodell, das er als Angestellter der 31 Vereinsbesitzer (von denen 30 weiß sind und kein einziger Afroamerikaner ist) von den 32 Klubs hatte absegnen lassen müssen, ist auch deshalb bedeutsam, weil es sich direkt gegen Trump richtet - eine Konfrontation, die Goodell bislang stets vermieden hat.

70 Prozent der NFL-Profis sind schwarz, ihr Protest ist bedeutsam. Ebenso bedeutsam jedoch, und das führt noch mal zurück zu Norman und Olympia 1968, ist die Solidarität der weißen Spieler; schließlich sind 80 Prozent der NFL-Zuschauer hellhäutig. Diese Solidarität ist ein Zeichen, dass es nicht um die US-Flagge geht und schon gar nicht um Trump. Sondern um dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel. Die Botschaft ist: Sie haben verstanden.

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SZ vom 09.06.2020/tbr
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