Süddeutsche Zeitung

Proteste im American Football:"Die NFL hat in der Vergangenheit falsch gelegen"

Die Football-Liga legt einen extremen Richtungswechsel hin: Plötzlich unterstützt sie Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. Auch Quarterback Drew Brees gibt sich geläutert - ganz zum Unmut von US-Präsident Donald Trump.

Von Tim Brack

In den USA versuchen Demonstranten gerade, Strukturen aufzubrechen. Seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd durch den weißen Polizisten Derek Chauvin in Minneapolis erheben sie ihre Stimme gegen Rassismus und Polizeigewalt. Die Botschaft hat auch den Sport erfasst. Und es scheint so, als wären die Stimmen zu den Verantwortlichen der Football-Profiliga NFL durchgedrungen. Das ist bemerkenswert, denn die NFL war zuletzt ein sturer Verhinderer solcher Proteste in den eigenen Reihen.

Als der Quarterback Colin Kaepernick 2016 während der US-Hymne, die vor jedem Spiel erklingt, auf die Knie ging, um gegen Diskriminierung und Polizeigewalt zu protestieren, verurteilte die NFL diese Geste. Kaepernick wurde zur Persona non grata und sucht seither vergeblich einen Platz in einem Klub. 2018 verabschiedeten die Teambesitzer eine Regel, wonach die Spieler während der Hymne entweder stehen oder in der Kabine bleiben müssen. Nur wegen des Einschreitens der Spielergewerkschaft wird die Regel nicht forciert, doch sie spiegelte bislang die Haltung der Liga wider.

Die Kehrtwende der NFL folgte auf eine Aufforderung einiger Spieler

Was NFL-Chef Roger Goodell nun in einer Videobotschaft sagte, darf daher als extremer (und unerwarteter) Richtungswechsel bezeichnet werden. "Wir, die NFL, geben zu, dass wir in der Vergangenheit falsch gelegen haben", sagte Goodell. "Wir haben unseren Spielern nicht zugehört und haben sie nicht ermutigt, sich zu äußern und friedlich zu protestieren." Die Kehrtwende der NFL folgte auf eine Aufforderung einiger prominenter schwarzer Spieler, darunter Super-Bowl-Gewinner Patrick Mahomes und der junge Quarterback Deshaun Watson; sie hatten - ebenfalls in einer Videobotschaft - eine klare Positionierung der Liga gefordert. "Es ist eine schwere Zeit für unser Land, speziell für die schwarzen Menschen in unserem Land", sagte Goodell weiter. "Wir, die NFL, verurteilen den Rassismus und die systematische Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung. Ich persönlich protestiere mit euch und möchte Teil des dringend nötigen Wandels in unserem Land sein."

Wie schnell sich ein Umdenken teilweise vollziehen kann, zeigt auch das Beispiel Drew Brees. In einem Interview hatte der Quarterback der New Orleans Saints mit fragwürdigen Aussagen zu den Protesten auch seine schwarzen Mitspieler verärgert. "Ich werde niemals zustimmen, wenn jemand die Flagge der USA oder unser Land nicht respektiert", ließ Brees noch vor wenigen Tagen wissen. Auch bei ihm stellte sich ein Sinneswandel ein. Er entschuldigte sich öffentlich für sein Interview. Das kam nicht bei allen gut an - auch nicht bei Donald Trump.

Quarterback Drew Brees antwortet US-Präsident Trump

Der US-Präsident war und ist ein großer Gegner von knieenden schwarzen Spielern bei der Hymne. Er instrumentalisierte die von Kaepernick initiierten Proteste und lenkte den Diskurs auf die Frage nach Nationalstolz. Darf man die Flagge und das Land so missachten? 2017 empfahl er bezüglich der protestierenden Profis: "Holt diesen Hurensohn sofort vom Feld. Raus! Er ist gefeuert!" Auch auf die Aussage von Brees hatte Trump eine klare Antwort. "Ich bin ein großer Fan von Drew Brees", schrieb der Präsident: "Ich glaube, dass er wirklich einer der größten Quarterbacks ist, aber er hätte seine ursprüngliche Aussage über unsere großartige amerikanische Flagge nicht zurücknehmen sollen." Bei der Hymne solle man "aufrecht stehen, idealerweise salutieren oder die Hand aufs Herz legen. Es gibt andere Dinge, gegen die man protestieren kann, aber nicht gegen unsere großartige amerikanische Flagge - UND KEIN KNIEEN".

Brees erwiderte: "Durch meinen andauernden Dialog mit Freunden, Teamkollegen und Führern der schwarzen Gemeinde habe ich erkannt, dass es nicht um die amerikanische Flagge geht. Es ging nie darum." Man könne nicht länger die Flagge missbrauchen, um Menschen von den wahren Problemen der schwarzen Gemeinde abzulenken. "Wir haben das 2017 getan, und leider habe ich es mit meinen Äußerungen in dieser Woche wieder getan", schrieb der Quarterback. "Wir müssen aufhören, über die Flagge zu sprechen und uns endlich den realen Problemen der systematischen rassistischen Ungerechtigkeit, wirtschaftlicher Unterdrückung, Polizeigewalt sowie einer Rechts- und Gefängnis-Reform zuzuwenden" Er schlussfolgerte: "Wir sind an einem kritischen Punkt in der Geschichte unserer Nation."

Das ist vielleicht der größte Unterschied zu den Protesten, die Kaepernick 2016 auslöste. Es melden sich viel mehr Personen aus der NFL zu Wort und auch vermehrt Weiße. Der Colts-Manager Chris Ballard sagte: "Das ist kein schwarzes Problem, das ist ein weißes Problem." Man müsse darüber sprechen und könne nichts schönreden: "Wir können nicht in unsere Blase zurück." Diesmal scheint auch die NFL-Führung gewillt zu sein, diesen Weg zu unterstützen.

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