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Colin Kaepernick:Die NFL zahlte zehn Millionen Dollar an Kaepernick

Man kann von Kaepernick halten, was man möchte, und wer ihm begegnet ist, der weiß, dass er stolz und stur sein kann - nur: Man darf ihm nicht vorwerfen, dass er seinen Protest leichtfertig gewählt hätte. Er hatte sich mit dem ehemaligen Soldaten und NFL-Spieler Nate Boyer getroffen, der ihm riet zu knien. Bei den ersten Protesten hatte er auf der Ersatzbank gesessen, das hatte nur kaum jemand bemerkt. Boyer erklärte ihm dann, dass das zu lapidar sei.

Kaepernick kniete also schweigend, und wenn er sprach, dann erklärte er deutlich, dass sich dieser Protest keineswegs gegen Soldaten oder Polizisten richte: "Es geht um ein System, das Dunkelhäutige unterdrückt." Es sei ihm 2016 auch egal gewesen, ob Trump oder Hillary Clinton die Wahl gewinnen würde. (Vielleicht war Trump auch deshalb so erbost - das Gegenteil von Liebe ist ja nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.) Um zu zeigen, dass es ihm auch nicht ums Geld ging, spendete Kaepernick eine Million Dollar und gründete die Stiftung Know Your Rights Camp, die nun übrigens Leuten hilft, die wegen friedvoller Proteste juristische Probleme haben und sich keinen Anwalt leisten können.

Mehr noch: Es kam heraus, dass die Entscheidung der NFL-Franchises, Kaepernick nicht mehr zu beschäftigen, keine sportliche war und auch keine politische - sondern eine finanzielle. Die Verantwortlichen hatten einen Rückgang der Einnahmen wegen des Fan-Furors befürchtet, schrieb der ehemalige NFL-Manager Joe Lockhart am Wochenende bei CNN: "Ich dachte, wir hätten damals richtig gehandelt - aber wenn ich mir nun ansehe, was in Minneapolis passiert ist, verstehe ich, wie schrecklich falsch wir lagen." Bei einer außergerichtlichen Einigung musste die NFL knapp zehn Millionen Dollar an Kaepernick bezahlen.

Der wird nun deutlich positiver gesehen als zu Beginn seiner Proteste - auch angesichts dessen, was gerade in mehr als 150 US-Städten passiert. Wer sich umsieht, dürfte bemerken, wie Kaepernick das gesellschaftliche Engagement von Profisportlern weltweit beeinflusst hat; ob es Botschaften auf Shirts sind wie in der Fußball-Bundesliga, deutliche Worte einflussreicher und bislang eher unpolitischer Leute wie Michael Jordan ("Wir haben genug") oder die Kaepernick-Hommage des FC Liverpool, bei der sich alle Spieler am Mittelkreis versammelten und knieten.

Auch die NFL - eine Meisterin in der Kunst, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren, wenn es dem Geschäft dienlich ist - hat ihre Einstellung zu Kaepernick geändert. Liga-Chef Roger Goodell, bei politischen Themen gewöhnlich eher mit einer Dreifachschicht Teflon überzogen, schrieb in einem Statement: "Es braucht ganz dringend Maßnahmen."

Na dann: Die NFL änderte den Status von Kaepernick auf ihrer Website am Montag von "retired" (in Rente) zu "Unrestricted Free Agent": zum vertragslosen Spieler also, der sofort von jedem Team verpflichtet werden darf.

© SZ vom 03.06.2020
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