NFL:Der Brady-Effekt hilft den Buccaneers

NFL Playoffs 2021: Tom Brady von den Tampa Bay Buccaneers

Erfolgreich durch Verzicht und Verbissenheit: Tampa Bays Quarterback Tom Brady (r.).

(Foto: Butch Dill/AP)

Mit 43 Jahren reißt der Quarterback alle mit und führt sein Team ins Halbfinale. Die Chiefs bangen dagegen um den Einsatz von Patrick Mahomes - er erlitt eine Gehirnerschütterung.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Die Diagnose war noch nicht gestellt, die Viertelfinal-Partie zwischen den Kansas City Chiefs und den Cleveland Browns längst nicht entschieden, und dennoch debattierten die Zuschauer bereits kontrovers auf sozialen Medien: Chiefs-Spielmacher Patrick Mahomes taumelte nach einem Zusammenprall vom Rasen, als hätte ihm Mike Tyson einen linken Haken verpasst. Gehirnerschütterung, keine Frage, das wurde kurz darauf offiziell bestätigt; Mahomes kehrte nicht aufs Spielfeld zurück.

Und nun, nachdem die Chiefs sich auch ohne Mahomes zu einem knappen 22:17-Sieg retteten, war die dringendste Frage: Kann er im im Halbfinale gegen die Buffalo Bills auflaufen? Es folgte eine Debatte, bei der Beleidigungen ebenso ausgetauscht wurden wie wissenschaftliche Studien, eine Kontroverse, die in dieser Woche noch intensiv geführt werden dürfte. Die Entscheidung wird wohl nicht vor Freitag feststehen, und sie dürfte einen Einblick liefern, wie die Liga mittlerweile mit diesem brisanten Thema umgeht.

Die Quarterbacks Brady und Brees sind zusammengerechnet 85 Jahre alt

Dieses NFL-Wochenende stand im Zeichen der Quarterbacks, weil es da ein paar höchst interessante Duelle gab, die zu ebenso spannenden Begegnungen beim Halbfinale führen können. Am Sonntagabend etwa duellierten sich die legendären Spielmacher Tom Brady, 43 Jahre alt, und Drew Brees, 42. Bradys Tampa Bay Buccaneers gewannen überraschend mit 30:20 und fahren nun zum nächsten Legenden-Duell: Im eisig kalten Wisconsin erwartet sie Aaron Rodgers: Der Spielmacher führte die Green Bay Packers zu einem 32:18 gegen die Los Angeles Rams, er ist gerade mal 37 Jahre alt.

Die Buccaneers profitieren derzeit vom Brady-Effekt, der viel damit zu tun hat, dass er gerade zu Beginn seiner Karriere heftig unterschätzt worden war. Zur Erinnerung: Die New England Patriots wählten ihn bei der Talentbörse im Jahr 2000 an 199. Stelle, er war damals Ersatzmann des Ersatzmanns des Ersatzmanns. Die sechs Quarterbacks, die einst vor ihm gewählt wurden, arbeiten mittlerweile als Viehzüchter oder Curling-Spieler, Brady gilt mit nun 18-Playoff-Teilnahmen und sechs Super-Bowl-Siegen als der beste Quarterback der Geschichte, die beiden wichtigsten Gründe dafür sind in Tampa Bay zu bestaunen: Verzicht und Verbissenheit.

Brady war in seiner Karriere nie der bestbezahlte NFL-Profi, auch beim Wechsel aus New England hätte er mehr verlangen können als die 15 Millionen Dollar, die er nun kriegt. Zum Vergleich: Mahomes verdient aufgrund seines Mega-Vertrages mit den Chiefs im Schnitt 45 Millionen Dollar pro Spielzeit. Doch es geht nicht darum, ob jemand das wert ist (Mahomes jeden Cent), sondern wie viel Geld einem Klub innerhalb der Gehaltsgrenze noch für andere Spieler bleibt.

Die Buccaneers hatten mit Mike Evans und Chris Godwin bereits zwei grandiose Passfänger. Nachdem Brady seinen Wechsel verkündet hatte, kam Laufspieler Leonard Fournette (zwei Millionen) aus Jacksonville, der einstige Patriots-Kamerad Rob Gronkowski (Tight End, neun Millionen) unterbrach seinen Ruhestand, und selbst Wide Receiver Antonio Brown (750.000) erkannte, dass er viel besser Football spielen als mit Polizisten und Frauen streiten kann. Diese Spieler passten ins Gehaltsgefüge, ohne dass der Klub einen wichtigen Akteur abgeben musste.

Sie kamen alle wegen Brady, und was genau das bedeutet, war in den beiden bisherigen Playoff-Spielen zu bestaunen: Gegen Washington erzielten Brown, Godwin und Fournette jeweils einen Touchdown; gegen New Orleans waren es Fournette und Evans, den dritten schaffte Brady mit einem kurzen Lauf selbst. Es hätte einer mehr sein können, wäre Godwin ein 29-Yard-Wurf von Brady nicht aus den Händen geschlüpft; genau das führt zur zweiten Eigenschaft des Brady-Effekts.

Der Star hat, seit er am College (University of Michigan) um seinen Stammplatz bangen musste, das Gefühl, ständig etwas beweisen zu müssen: Die ersten drei Super Bowls in New England, nörgelten einige, habe er nur wegen der grandiosen Defensive gewonnen - überhaupt sei er nur wegen der Genialität von Patriots-Trainer Bill Belichick so erfolgreich. Wer Brady kennt, der weiß, wie sehr ihn so was schmerzt und wie verbissen er daran arbeitet, das zu widerlegen - auch deshalb ist er ja nach Tampa Bay gewechselt: Er will unbedingt einen Titel ohne Belichick gewinnen.

Wenn die Leute behaupten, alternde Quarterbacks könnten keine Pässe über lange Distanzen an den Mann bringen (den langen Touchdown der Saints warf Brees' Kollege Jameis Winston) - dann wirft Brady eben diese erstaunlichen Pässe auf Brown und Godwin, weil er in der Sommerpause genau daran gearbeitet hat. Wenn es heißt, er könne nicht mehr selbst laufen - dann zeigt er mit dem so genannten "Quarterback Sneak" im dritten Viertel, dass er noch immer einer der Besten in dieser Kunst ist.

Dieses Ständig-was-beweisen-Müssen färbt auf die Mitspieler ab: Wer würde sich trauen, es auch nur einen Moment locker angehen zu lassen, wenn der Beste der Geschichte im Alter von 43 Jahren andauernd Vollgas gibt? Das gilt übrigens auch für Rodgers, der sich und seine Kollegen unnachgiebig und oftmals grimmig zu Höchstleistungen treibt (und dafür zum wertvollsten Spieler der Saison gewählt werden dürfte). Das Spiel am Sonntag wird ein Duell der Verbissenen.

Mahomes könnte am Fünf-Stufen-Protokoll scheitern

Das zweite Halbfinale soll die Begegnung der Jung-Stars Josh Allen (Buffalo) und Mahomes (beide 25) werden, doch da ist nun diese Gehirnerschütterung. Die NFL hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Regeln geändert - nicht nur, um die Gesundheit ihrer Spieler zu schützen, sondern auch, damit die spektakulärsten Spieler an den bedeutsamsten Partien teilnehmen können. Eine Regel lautet: Nach einer Verletzung wie dieser dürfen weder Mahomes noch die Chiefs entscheiden, ob er spielen darf. Mahomes muss ein Fünf-Stufen-Protokoll absolvieren, das von völliger Ruhe bis Training mit dem Team reicht, er darf keine Symptome aufweisen.

Der Teufel steckt, wie so häufig, im Detail. Die Chiefs können ihn für spielfähig erklären, diese Entscheidung wird von einem unabhängigen Arzt überprüft - der von der NFL beauftragt wird. Die hat freilich ein Interesse daran, dass der aufregendste Spieler der Liga beim Halbfinale auf dem Feld ist. Die Prognose deshalb, bei allen Debatten: Mahomes dürfte spielen. Chiefs-Trainer Andy Reid beruhigte die Fans nach einem Gespräch mit seinem Quarterback vorsorglich: "Patrick geht es großartig."

© SZ/mp/chge
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