NFL-Playoffs:Ein bisschen wahnsinnig

Lesezeit: 4 min

NFL Playoffs 2022: LA-Rams-Kicker Matt Gay trifft zum Sieg gegen die Tampa Bay Buccanneers.

Das Ei fliegt zum Sieg: LA-Rams-Kicker Matt Gay trifft drei Sekunden vor Schluss zum Sieg gegen Tom Brady und die Buccanneers.

(Foto: John Raoux/AP)

Die US-Footballliga erlebt eines der verrücktesten Wochenenden ihrer Geschichte, alle vier Playoff-Partien entscheiden sich in letzter Sekunde. Titelverteidiger Tom Brady und die Buccaneers sind trotz einer spektakulären Aufholjagd raus.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Natürlich musste diese Partie so enden. Und das Erstaunliche daran war, dass tatsächlich ein paar Leute verblüfft waren über den Wahnsinn, den Tom Brady mal wieder veranstaltete. Er hatte das ja schon so oft getan in seiner Karriere - beim ersten Super-Bowl-Sieg zum Beispiel vor, ja wirklich, 20 Jahren, als er die New England Patriots entgegen aller Expertenmeinungen zum Erfolg führte. Oder 2017, als er im Endspiel einen 3:28-Rückstand gegen die Atlanta Falcons aufholte. Oder - ach, es passierte viel zu oft, um alle Beispiele zu nennen.

Diesmal holte Brady, mittlerweile Spielmacher beim Super-Bowl-Sieger der vergangenen Saison, den Tampa Bay Buccaneers, im Playoff-Viertelfinale einen 3:27-Rückstand gegen die Los Angeles Rams auf und - nein, Moment, die Partie endete nicht, wie sie immer endet: mit einem Sieg von Brady. Sie endete, wie alle Spiele der US-Footballliga an diesem Wochenende endeten: verblüffend und verrückt. Alle vier Partien wurden in letzter Sekunde entschieden, es war eines der bewegtesten Wochenenden in der Geschichte dieser Liga. Vermutlich werden die Leute noch lange darüber debattieren, was denn nun das wildeste Ende gewesen ist.

In Tampa Bay legte Rams-Spielmacher Matthew Stafford, vor der Saison erst von den notorisch erfolglosen Detroit Lions gekommen, eine Vintage-Brady-Spielzugserie hin: In nur 42 Sekunden führte er die Rams 63 Yards nach vorne, entgegen aller Expertenmeinungen, die nach dem missglückten ersten Spielzug rieten, die Rams sollten die Uhr runterspielen und eine Verlängerung erzwingen. Taten sie aber nicht, nach einer 44-Yard-Bombe von Stafford auf Cooper Kupp ("Den Ball werfe ich bei hundert Versuchen normalerweise kein einziges Mal in seine Arme", sagte Stafford) traf Kicker Matt Gay drei Sekunden vor Schluss aus 30 Yards zum 30:27. Macht neun von zehn Punkten auf der Brady-Skala.

Die Rams können sich nun im eigenen Stadion für einen Super Bowl dahoam qualifizieren

Die Rams stehen also im Halbfinale, und sie müssen dafür nicht wie erwartet in die Kälte von Wisconsin, sondern haben am kommenden Sonntag Heimrecht. Das lag an der zweiten verrückten Partie dieses Wochenendes: Es war nicht wirklich ein Football-Spiel, das in Green Bay stattfand. Bei Temperaturen von bis zu minus 18 Grad war es eher ein grotesker Wettbewerb im Weniger-Fehler-Machen, bei dem die San Francisco 49ers am Ende 13:10 gegen die Packers gewannen, ohne dass die Offensive nur einen Touchdown schaffte. So etwas hatte es in den Playoffs seit zwölf Jahren nicht mehr gegeben, den Sieg für San Francisco sicherte Kicker Robbie Gould mit einem Tritt zwischen die Stangen aus 45 Yards: acht von zehn auf der Brady-Skala.

NFL-Playoffs: Geschlagener Champion: Tom Brady geht nach der Niederlage vom Feld.

Geschlagener Champion: Tom Brady geht nach der Niederlage vom Feld.

(Foto: Mark LoMoglio/AP)

Die an eins und zwei gesetzten Mannschaft der NFC, einer der beiden Conferences, aus denen sich die NFL zusammensetzt, sind also überraschend ausgeschieden, und die Rams können sich nun im eigenen Stadion für einen Super Bowl dahoam qualifizieren - erst zum zweiten Mal in der NFL-Geschichte nach den Buccaneers in der vergangenen Saison. Das Endspiel wird am 13. Februar im neuen Stadion in Los Angeles ausgetragen, eine Teilnahme der Rams würde die Aufregung um die Partie noch größer werden lassen. Die Halbzeit-Show gestalten Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige und Kendrick Lamar; ein 30-Sekunden-Spot wird 6,5 Millionen Dollar kosten.

Packers-Spielmacher Aaron Rodgers, in dieser Saison aufgrund seiner permanent zur Schau gestellten Unzufriedenheit nach 17 Jahren in Green Bay und seiner Haltung zur Covid-Pandemie durchaus kontrovers beobachtet, ließ nach der Partie offen, ob er seine Karriere fortsetzen wird - eines stellte er aber klar: "Es wird eine schwierige Entscheidung." Er habe nämlich keine Lust auf einen Neuaufbau, der den Packers aber bevorstehen könnte. Diese Partie, in der Rodgers von einem defensiven Meisterwerk der 49ers vorgeführt wurde, könnte also die letzte seiner Karriere gewesen sein - wie im Fall von Brady, der im August seinen 45. Geburtstag feiern wird und nun sagte: "Ich wollte immer bis 45 spielen, jetzt weiß ich nicht, was ich tun will - das ist Neuland für mich."

NFL-Playoffs: Ließ seine Zukunft offen: Green-Bay-Quarterback Aaron Rodgers.

Ließ seine Zukunft offen: Green-Bay-Quarterback Aaron Rodgers.

(Foto: Jeff Hanisch/USA Today Sports)

Doch zurück zur Gegenwart: Da überraschten die Cincinnati Bengals die Tennessee Titans - mit einem Field Goal in letzter Sekunde natürlich, Evan McPherson traf aus 52 Yards zum 19:16, macht solide sechs von zehn Punkten auf der Brady-Skala. Die Bengals fahren nun zu den Kansas City Chiefs, und das führt zum - ja, doch - verrücktesten Spiel des Wochenendes: Allein in den letzten 114 Sekunden der regulären Spielzeit erzielten die Chiefs und Gegner Buffalo Bills gemeinsam 25 Punkte, und das rief zwingend den ersten Satz aus Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" ins Gedächtnis: "Was ist das? Was - ist das?" Und vielleicht noch: Was soll da noch kommen? Das waren doch schon zehn von zehn Punkte auf der Brady-Skala.

Ein NFL-Spiel ist bei einem Touchdown in der Verlängerung vorbei - wie schade

Chiefs-Spielmacher Patrick Mahomes, der drei Touchdown-Pässe warf und einen selbst erlief, zeigte wieder einmal, dass alle anderen schon auch verrückte Dinge anstellen dürfen - er dann aber doch dem Begriff "Wahnwitz" am nächsten kommt. Er hatte mit 34 Yards Raumgewinn innerhalb von zehn Sekunden (Kicker Harrison Butker traf aus 49 Yards zum 36:36) überhaupt erst diese Verlängerung ermöglicht. Darin führte Mahomes seine Offensive mit sechs erfolgreichen Pässen nacheinander - unterbrochen nur von einem Zwei-Yard-Run von Kollege Clyde Edwards-Helaire - übers komplette Spielfeld und fand Tight End Travis Kelce in der Ecke der Endzone.

Den Regeln zufolge ist ein NFL-Spiel bei einem Touchdown in der Verlängerung vorbei, also erhielt Bills-Spielmacher Josh Allen (329 Yards, vier Touchdowns) keine Chance zur Retour, was schade war. Vielleicht war es aber auch besser für die Nerven der Zuschauer, die wollen ja schließlich den Halbfinal-Sonntag auch noch erleben. Die neue Mahomes-Skala jedenfalls ist justiert für das, was da noch kommen wird.

Zur SZ-Startseite

Technik im Sport (I): Gesundheit
:Seismograf zwischen den Zähnen

Die Footballliga NFL gewinnt aus den Mundschutz-Sensoren der Spieler allerlei Daten. Sie will daraus ein besseres Verständnis entwickeln, was wirklich bei Zusammenstößen und Gehirnerschütterungen passiert.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB