NFL in München:Ihr Vorbild ist der Hamburger

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NFL in München: Tampa Bay Buccaneers gegen Seattle Seahawks: Die NFL gastiert in München, wo Arbeiter ein Football-Tor in der Fröttmaninger Arena installieren.

Tampa Bay Buccaneers gegen Seattle Seahawks: Die NFL gastiert in München, wo Arbeiter ein Football-Tor in der Fröttmaninger Arena installieren.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Das Spiel der Tampa Bay Buccaneers gegen die Seattle Seahawks in München gehört zu einem großen Test: Hat die NFL langfristig Chancen in Europa? Vier Teams sollen es werden. Eins davon in Deutschland?

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es geht, natürlich, um Geld, um Milliarden von Dollar; und ein bisschen erinnert das, was die NFL da tut, an eine andere uramerikanische Institution, nämlich McDonald's. NFL steht für "National Football League", doch ist das gleich dreifach irreführend. Die NFL ist keine Liga, sondern letztlich ein Franchise-Unternehmen, das Filialen dort installiert, wo es sich lohnt. Es geht dabei weniger um Football als um Umsatz, und nur in den USA spielen sie auch schon lang nicht mehr. Eine treffendere Bezeichnung wäre: Weltweite Gelddruck-Maschine; WGM.

Das Interessante daran: Wer Roger Goodell, Chef der WGM - sorry, NFL natürlich -, ein bisschen zuhört, der weiß, dass der mit dieser Bezeichnung gar nicht so unzufrieden wäre. Ja, es geht auch um Sport bei ihm; sehr häufig aber dreht es sich darum, wie sich der Umsatz von derzeit 17,1 Milliarden Dollar pro Jahr weiter steigern lässt, und das Erfreuliche an der NFL ist, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten gar nicht erst so tut, als wäre Geldverdienen ein notwendiges Übel zur Finanzierung des Spektakels. Es ist der Sinn des Ganzen.

Es geht ums Geld, und das führt zu McDonald's: Der Konzern ist seit jeher ein Meister in der Kunst, neue Standorte für seine Filialen zu erschließen, und genau deshalb kommt diese NFL nun nach München. Nach zahlreichen Gastspielen in London (in diesem Jahr sind es drei) probieren sie es nun in München, am Sonntagnachmittag um 15.30 Uhr - und das mittelfristige Ziel ist bekannt: nicht nur eine Filiale in Europa, sondern eine Division mit vier Teams; zwei in London, zwei auf dem Festland, möglichst eine davon in Deutschland. Man könnte fragen: Warum? Die NFL fragt zurück: Warum nicht?

Die Franchises müssten zu 26 Partien in die USA reisen

"Wir prüfen, ob es mehrere Standorte für NFL-Franchises in Europa gibt; eine komplette Division macht einfach mehr Sinn", sagte Goodell kürzlich, und damit ist klar: Ja, wir wollen nach Europa expandieren, aber es gibt da schon noch ein paar Details zu klären; und das sind nicht nur die naheliegenden wie etwa, dass dann nicht nur jeweils zwei Teams wie jetzt die Buccaneers und die Seahawks nach Europa kommen inklusive Zeitverschiebung und einem enormen logistischen Aufwand.

Vier Teams würden nach derzeit gültigem Spielplan bedeuten: Alle spielen jeweils zwei Mal pro Saison gegeneinander, das sind sechs von 17 Saisonspielen. Die europäischen Franchises müssten zu insgesamt 26 Partien in die USA reisen; und US-Teams kämen zu insgesamt 26 Spielen nach Europa. Wie gesagt: logistisch nahezu absurd, was sich aber nach dem Dafürhalten von Goodell dennoch lohne, denn es bedeute auch: TV-Einnahmen aus Europa durch Spiele zur besten Sendezeit.

Schwieriger ist, und das führt zurück zu WGM: Die NFL ist keine Liga, sie ist auch keinem Verband unterstellt. Wer die Skandale der vergangenen Jahre ein bisschen verfolgt hat, weiß: Sie reguliert sich selbst, auch juristisch; der Tarifvertrag zwischen Spielern und Liga gilt als Bibel, bedeutsamer sind nur die TV-Verträge. Die NFL lässt sich nicht gerne reinreden, deshalb ist sie auch finanziell so erfolgreich.

Steuern, Umzugszwang, Tauschgeschäfte - viele Fragen tauchen auf

Ein paar Fragen, die zeigen, wie kompliziert die Expansion würde: Es besteht eine Gehaltsobergrenze; wenn Akteure ihr Gehalt in Deutschland versteuern, wäre das wegen der unterschiedlichen Netto-Bezüge ungerecht? Bei der Talentbörse wählen Vereine Talente - kann man einen Spieler zum Umzug nach Europa zwingen, oder wird die mächtige Spielergewerkschaft dagegen klagen? Wie sieht es mit den streng reglementierten Tauschgeschäften aus; könnte ein Football-Bosman vor einem EU-Gericht dagegen klagen? Und wie gestaltet sich das eigentlich im Post-Brexit-England?

Diese Fragen müssen geklärt werden, und noch ein paar andere: Finanzierung von Stadien, Versicherung, Entscheidungsgewalt bei juristischen Problemen der Spieler und so weiter. Es gibt also schon noch einiges zu tun, und aus dem Umfeld der NFL-Eigentümer ist zu hören, sie seien mit dem Status quo - 32 Vereine in den USA, Gastspiele in anderen Ländern - zumindest bis zum Ablauf des Tarifvertrages im Jahr 2030 zufrieden. Dann müsse man neu verhandeln.

Es ist also noch Zeit. Wenn Goodell in den vergangenen Jahren eines gezeigt hat, dann dies: Er hat seinen Laden im Griff, die NFL ist ein florierendes Unternehmen - oder hat schon mal jemand von einer NFL-Franchise in finanziellen Nöten gehört wie bei europäischen Fußballklubs? Eben. Und wenn Goodell mal "Warum nicht?" fragt, dann zieht er das durch, und er hat meistens schon einen Plan. Wie McDonald's, das bereits im Jahr 1987 eine Filiale in der Sowjetunion plante - und im Januar 1990 eine in Moskau eröffnete.

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