Gardner Minshew in der NFL:Kaum ein Sportler ist derart gläsern wie ein Quarterback

Die Wissenschaftlerin Jackie Fenn hat in den Neunzigerjahren ein Modell für technologische Innovationen entwickelt, das "Gartner Hype Cycle" heißt und sich auf junge Sportler anwenden lässt: Nach ersten Erfolgen folgt der Gipfel überzogener Erwartungen, also die wahnwitzige Begeisterung um Minshew und der Glaube der Jaguars-Fans, nicht nur die Playoffs erreichen, sondern womöglich gar die Meisterschaft gewinnen zu können.

Nur: Football wird manchmal auch deshalb als "Rasenschach" bezeichnet, weil die Gegner fast alles übereinander wissen und einander zu übertölpeln versuchen. Kaum ein Sportler ist derart gläsern wie ein Quarterback, ein junger Ersatzspieler kann erst einmal Verwirrung auslösen, wenn nicht viel über ihn bekannt ist und er aus dem Bauch heraus richtige Entscheidungen trifft. Minshew wich bei seinen ersten Partien den heranstürmenden Verteidigern geschickt aus, er agierte unbekümmert und warf die Bälle ebenso unbekümmert zu im Grunde gedeckten Mitspielern.

Diese Spielweise gefällt den Zuschauern, und Minshew gab sich auf und abseits des Spielfelds derart lässig, dass die Leute glaubten, dass ihm all der Rummel nichts ausmache. Minshew kommt daher wie der bodenständige Typ, der vor der Abfahrt zum Stadion ein Kätzchen rettet, seinem Vater beim Reifenwechseln hilft und der Mutter Blumen bringt - und dann quasi nebenbei Footballspiele gewinnt.

Bei Minshew könnte das Tal der Enttäuschung folgen

Aber nun gibt es Videomaterial von Minshew aus Partien bei den Profis, und das zeigt, dass er oft zu lange für einen Pass braucht. Die Verteidiger wissen, wohin er am liebsten wirft, nämlich zu dem Wide Receiver D. J. Chark, und mit welchen Manövern er Gegner abschütteln will - ducken, seitlich nach hinten weg. Die Panthers haben ihm vor zwei Wochen dreimal den Ball aus den Händen geschlagen, die Saints ließen am vergangenen Wochenende keinen Touchdown zu und fingen dazu einen Wurf ab. Bei den tollen Statistiken zu Beginn der Saison hatte Minshew die bis dato führenden Rick Mirer und Trent Edwards überholt. Kennt keiner mehr? Eben.

Es kann schon sein, dass bei Minshew nun das Tal der Enttäuschungen folgt, und dann wird laut Hype Cycle deutlich, wohin die Reise geht. Die Jaguars haben Minshew, so heißt es, nicht nur wegen seiner sportlichen Fähigkeiten gewählt, sondern weil er sich beim Probetraining als intelligenter und lernwilliger Typ präsentiert hatte. "Ich muss weiter lernen und besser werden", sagt er. Er hat ungefähr sechs Wochen lang Zeit, um im Hype Cycle das sogenannte "Plateau der Produktivität" zu erreichen. Dann sollte Foles wieder einsatzfähig sein, und Jaguars-Trainer Doug Marrone wird entscheiden müssen, ob er an den Hype glaubt.

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