Die Unsinnigkeit dieser Pressekonferenz war Sean Payton nach dem ersten Satz bewusst. Mit dem hatte der Trainer der Denver Broncos verkündet, dass sich Stamm-Quarterback Bo Nix am Ende des 33:30-Sieges nach Verlängerung gegen die Buffalo Bills schwer am rechten Knöchel verletzt habe. Er werde daher das Halbfinale sowie den möglichen Super Bowl zwei Wochen danach verpassen. Seit 29 Jahren ist Payton NFL-Trainer, 18 davon als Chefcoach. Mit den New Orleans Saints ist er 2010 Meister geworden. Payton hat fast alles gesehen in diesem Sport. Er wusste, dass alles, was nach der Verkündung des Ausfalls seines Quarterbacks in der Pressekonferenz versprochen werden würde, nicht ganz der Wahrheit entspricht.
„Stiddy ist bereit“, predigte Payton also vor dem Halbfinal-Heimspiel gegen die New England Patriots über Nix’ Ersatzmann Jarrett Stidham. Der war in dieser Saison bislang bei genau vier Spielzügen auf dem Feld, im Oktober gegen Dallas, er warf keinen einzigen Pass. Das tat er in einer NFL-Partie zuletzt am 7. Januar 2024 – mehr als zwei Jahre ist das her. In einer Team-Sportart, die wie keine andere so auf eine Person konzentriert ist wie der Football auf seinen Quarterback, wo perfektes Timing und blindes Verständnis zwischen Spielmacher und Passfängern so wichtig sind, bedeutete dies: Stiddy kann überhaupt noch nicht bereit sein für diese Aufgabe. Aber was hätte Payton denn sagen sollen?

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Das bedeutet freilich nicht, dass für die Broncos alles verloren wäre. Die Historie ist voller Heldensagen über Ersatz-Quarterbacks, die den Super Bowl gewannen. Payton erwähnte Jeff Hostetler: Der war als Bankdrücker der New York Giants so gelangweilt, dass er im Herbst 1989 erklärte, seine Karriere zum Ende der Saison beenden zu wollen; ein paar Wochen darauf war er Super-Bowl-Sieger, als Stamm-Quarterback. Payton erwähnte Nick Foles: Der bescherte den Philadelphia Eagles 2017 mit dem Trick-Spielzug „Philly Special“ den Sieg im Finale gegen die New England Patriots. Deren Ära mit sechs Super-Bowl-Siegen hatte 2001 damit begonnen, dass ein gewisser Tom Brady zu Beginn der Saison für den verletzten Drew Bledsoe einspringen musste.
Es war der Trainer Bill Belichick, der in New England aus dem vermeintlich unbegabten Brady den erfolgreichsten Spieler der Geschichte gemacht hat. Und es war der Trainer Doug Petersen, der in Philadelphia seinem Ersatzmann Foles so viel Selbstvertrauen verschaffte, dass er im Finale den legendären Spielzug ansagte. Was also macht nun der Trainer Sean Payton in Denver, der mit einem Quarterback ins Halbfinale ziehen muss, der in sieben Profijahren viermal von Beginn an auf dem Feld war? Er macht dessen Mitspielern und auch den Fans Mut, dass es sich lohnt, dem 29 Jahre alten Stidham zu vertrauen und nicht gleich beim ersten Fehlwurf die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Und nebenbei schreibt Payton an der eigenen Heldensage.
NFL-Trainer Payton gilt als Entdecker von Quarterback Bo Nix
Denn: Payton hatte vor zwei Jahren den berühmten Quarterback Russell Wilson auf die Bank gesetzt, für Stidham, mit der Begründung: „finanzieller Spielraum“. Die Broncos ließen Wilson und sein 39-Millionen-Dollar Gehalt nach den letzten beiden Saisonspielen ziehen, investierten in die Defensive und vertrauten darauf, dass der bei der Talentbörse 2024 geholte Nix so gut sein würde, wie Payton versprach. Das war er – wie Payton mit Hab-ich-doch-gesagt-Blick verkündete: „Der zweite Quarterback der Geschichte, der sein Team im zweiten Profijahr ins Halbfinale geführt hat. Der andere ist Patrick Mahomes.“
Im zweiten NFL-Jahr verdiente Mahomes bei den Kansas City Chiefs 7,4 Millionen Dollar, der Klub hatte finanziellen Spielraum für Topstars auf anderen Positionen. Sie werteten ihren Kader entsprechend auf und gewannen drei Super Bowls. In diesem Jahr haben sie jedoch die Playoffs verpasst. Und das Teamgefüge ist nicht mehr stabil: Mahomes wird in der kommenden Saison ein 31 Jahre alter Kreuzbandriss-Rekonvaleszent sein und Empfänger von 78 der 301 Millionen Dollar des Gehaltsbudgets der Chiefs. Im Vergleich, das Gehalt von Nix bei den Broncos: 4,2 Millionen Dollar in dieser Saison, fünf ab kommender. Ersatzmann Stidham, der nun ran muss, verdient derzeit vier Millionen Dollar und acht vom kommenden Herbst an.
Genau das ist die Strategie von Payton: Er will viel Geld für Defensiv-Könner und Quarterback-Beschützer ausgeben – drei der fünf Topverdiener in seinem Team sind Mitglieder der Offensive Line. Das erlaubte Nix, selbstbewusst zu sein, auch mal No-Look-Pässe oder Würfe im Fallen zu probieren in der Gewissheit, dass gegen die stabile Defensive nicht jeder Fehler sofort bestraft wird. Und genauso soll am Wochenende Stidham agieren: mutig, voller Selbstvertrauen. „Das hat er“, sagte Payton auf der Pressekonferenz und sah sich um: Würde jemand das Gegenteil behaupten? Wer konnte schon behaupten, dass Stidham nicht bereit sei?
Denn, auch dies sagte Payton: Weder Gegner noch Reporter wüssten, wie gut Stidham wirklich sei. „Wir konnten ihn drei Jahre lang tagein, tagaus beobachten“, sagte Payton. Also: „Schaut genau hin am Wochenende!“

