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Browns in den NFL-Playoffs:Believeland

Sione Takitaki (Nummer 44), feiert, weil er einen Pass von Pittsburgh-Quarterback Ben Roethlisberger abgefangen hat.

(Foto: Keith Srakocic/AP)

Die Cleveland Browns gewinnen erstmals nach 26 Jahren ein Playoff-Spiel - ohne Trainer und wichtige Spieler. Nun glauben die stets hoffnungsfrohen Fans der Stadt, dass ihr Team gegen den Titelverteidiger bestehen kann.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer ein Heimspiel der Cleveland Browns sehen will, der kann per Schiff anreisen. Das Boot schippert über den Lake Erie, es legt im Hafen direkt vor dem Stadion des Footballklubs an, und beim Blick auf Arena und Skyline ahnt der Besucher, warum sie in dieser Stadt behaupten, dass manch hier Geborener einen braunen Helm aufs Herz tätowiert hat. Man kann von der Anlegestelle aus zu Fuß zur Arena laufen, an den Mauern sind nicht nur Heroen wie Jim Brown oder Otto Graham verewigt, sondern auch alle Bilanzen seit 1946 - und es wird klar, warum in dieser Stadt auch behauptet wird, dass den Einwohnern bei der Geburt die Melancholie ins Gemüt gepflanzt werde.

Für die vergangenen 20 Jahre sind nur drei Spielzeiten mit jeweils positiver Bilanz vermerkt, für das Jahr 2017 steht dort gar 0:16. Die Cleveland Browns haben heuer zum ersten Mal seit 18 Jahren die Playoffs erreicht, und dann haben sie am Sonntag in der ersten Runde im gerade mal 210 Kilometer entfernten Pittsburgh völlig überraschend mit 48:37 gewonnen. Aber noch interessanter als das reine Ergebnis ist, wie dieser erste Playoff-Sieg nach 26 Jahren zustande gekommen ist: Er hat nämlich sehr viel mit dem Gemüt der Leute zu tun.

2010 erschien auf dem Sportkanal ESPN der Dokumentarfilm "Believeland". Er ist traurig und herzerwärmend zugleich, weil er von Leuten in einer Stadt handelt, die wirtschaftlich gebeutelt sind und vom Rest der Vereinigten Staaten nicht einmal mehr verspottet, sondern nur noch bemitleidet werden. Von Menschen, die trotz bitterster Niederlagen daran glauben, dass in ihrem Leben doch noch Großartiges passieren wird - und wieder enttäuscht werden.

Der Cheftrainer wird positiv auf das Coronavirus getestet

Genauso war das in der vergangenen Woche wieder: Die Browns qualifizierten sich am letzten Spieltag für die Playoffs, ein Tag zum Jubeln. Doch dann wurde bekannt, dass sich Chefcoach Kevin Stefanski und vier weitere Trainer sowie die Verteidiger Denzel Ward und Kevin Johnson mit dem Coronavirus infiziert hatten und deshalb ausfallen würden - zudem wurde bis Freitag das Trainingsgelände gesperrt. Ersatztrainer Mike Priefer sagte unter der Woche, dass er mit einigen Spielern noch nie in seinem Leben auf dem Spielfeld gestanden habe. Er verantwortet die Special Teams, die bei Anstößen und Field Goals aktiv sind. Mit Spielern der Offensive Line zum Beispiel hat er gewöhnlich nichts zu tun.

Was wohl bei vielen anderen Sportvereinen Panik auslösen würde, registrierten die Browns-Fans mit fatalistischem Schulterzucken: Typisch, dass beim ersten Playoff-Spiel nach fast zwei Jahrzehnten die Trainer und wichtige Defensivspieler ausfallen - Passempfänger Odell Beckham Jr. fehlt seit dem achten Spiel wegen eines Kreuzbandrisses ohnehin. Natürlich, so die Vermutung, würde dessen Ersatzmann Jarvis Landry den Leuten Hoffnung machen, doch natürlich würden die Browns von den Steelers überrollt werden.

Dann begann diese Partie, und sie widersprach allen Erwartungen: Gleich beim ersten Spielzug stellte sich die Offensive der Steelers derart tölpelhaft an, dass sie den Ball quasi in der eigenen Endzone ablegte - 7:0 für die Browns. Bei der nächsten Angriffsserie warf Steelers-Quarterback Ben Roethlisberger in die Arme eines Browns-Verteidigers, gleich danach noch einmal - am Ende des ersten Viertels stand es 28:0. Browns-Spielmacher Baker Mayfield, 2018 als Rohdiamant an der Talentbörse verpflichtet und mittlerweile zur Galionsfigur aufgebaut (es gibt Werbefilme, in denen so getan wird, als würde er in diesem Stadion am Hafen wohnen), erwischte einen grandiosen Tag, er schaffte drei Touchdown-Pässe und leistete sich keine Interception. Besser konnte es nicht laufen, was in Cleveland freilich bedeutet, dass nun was Schlimmes passieren muss.

NFL: AFC Wild Card Round-Cleveland Browns at Pittsburgh Steelers

Baker Mayfield feiert nach dem Spiel.

(Foto: Philip G. Pavely/USA TODAY Sports)

In der Tat: Die Steelers holten nach diesem Schock auf, Ende des dritten Viertels stand es nur noch 23:35, und natürlich wussten die Browns-Fans, was nun passieren würde, vor allem ohne die Stammtrainer an der Seitenlinie: ein grandioses Comeback der Steelers, eine schmachvolle Niederlage nach scheinbar uneinholbarer Führung und Mitleid aus dem ganzen Land, was für Sportfans noch viel schlimmer ist als Häme und Spott.

Das passierte jedoch nicht. Mayfield führte die Offensive behutsam nach vorne, und dann warf er auf Laufspieler Nick Chubb (Gesamtraumgewinn: 117 Yards) einen 40-Yard-Touchdown, als wäre es das Normalste auf der Welt für einen Browns-Spielmacher. In den 18 Jahren seit der letzten Playoff-Teilnahme hatte Cleveland 26 Quarterbacks verschlissen. Mayfield, der Leistungen seiner Kameraden mindestens ebenso euphorisch feiert wie eigene Heldentaten, scheint genau der richtige Mann für diese Stadt zu sein, wie er auch danach noch bewies: keine riskanten Aktionen, keine Ballverluste; noch zwei Field Goals, dann war diese Partie tatsächlich gelaufen.

Sie haben den Film "Believeland" neu geschnitten nach der Finalserie der Basketballliga NBA 2016. LeBron James, in der Nähe von Cleveland geboren, holte mit den Cavaliers den Titel in diese Stadt - nach 52 Jahren ohne Meisterschaft in einer der bedeutenden Disziplinen, nach 1:3-Rückstand im Finale und nach verfrühtem Mitleid aus dem ganzen Land. Die Botschaft von James damals: In Cleveland ergibt sich niemand seinem Schicksal, hier wird die Hoffnung nie sterben, auch nicht zuletzt. Am kommenden Sonntag reisen die Browns zu Titelverteidiger Kansas City Chiefs. Die sind natürlich favorisiert, auch wenn die Trainer und Spieler der Browns nach der Quarantäne wieder dabei sein werden. Wer jedoch mal in Cleveland gewesen ist, am besten per Schiff, der weiß, dass alle Bewohner ganz fest an einen Sieg ihrer Browns glauben.

© SZ/schm
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