Der 29. Dezember 2022 war auch ein einschneidender Tag für die US Open. Seitdem riecht New York nämlich anders. Natürlich roch es in dieser wilden, hektischen, lauten Metropole gerne mal mancherorts speziell, aber damals gab es eben einen Erlass, der auch Einfluss aufs Wohlbefinden vieler Tennisprofis beim alljährlichen Grand-Slam-Turnier im Stadtteil Flushing Meadows hat: Der Verkauf von Cannabis in lizenzierten Geschäften an Personen, die 21 Jahre oder älter sind, wurde erlaubt. Beschlossen wurde das bereits im März 2021, als der sogenannte Marihuana Regulation and Taxation Act (MRTA) unterzeichnet wurde.
Wer seit 2023 also in die Ostküstenstadt reiste, durfte sich nicht nur gerne mal an Urinwölkchen erfreuen, sondern auch an einem oft auftauchenden süßlichen Geruch, der auf das Konsumieren von Marihuana zurückzuführen ist. Bei keiner anderen der vier größten Veranstaltungen im Tennis existiert dieses Problem in diesem Ausmaß, und da es nicht zu beseitigen ist, flüchten sich die meisten Spielerinnen und Spieler in Humor und Spott. Auch wenn nicht alle wirklich glücklich darüber sind, dass New York in diesem Punkt ist, wie es ist.
Tamara Korpatsch, bestplatzierte Deutsche als 47. der Weltrangliste, führte nun an, sie hätte sich „ein bisschen high“ nach dem Training gefühlt. Ein kurzer Scherz nur, denn schnell wurde die 31-jährige Hamburgerin ernst und versicherte: „Auf den Plätzen im Park will ich kurz vor dem Match nicht mehr trainieren.“ Sie sprach von den Courts im Flushing Meadows Corona Park. Dorthin weichen Profis aus, wenn sie entweder keinen Platz auf der Anlage der US Open erhalten haben oder ihre Ruhe abseits des Trubels haben wollen. Der Preis ist nur: Außerhalb riecht es eben schon mal gewöhnungsbedürftig streng nach Gras.
Der Geruch lenkt ab, finden einige – und Asthmatiker stört er besonders
Was Korpatsch nicht lustig findet, aus berechtigtem Grund: „Ich habe Asthma. Wenn ich das rieche, kann ich nicht mehr einatmen und kriege keine Luft.“ Für sie steht fest: „In New York mag ich alles – bis auf, wenn Marihuana geraucht wird. Diesen Geruch hasse ich. Das ist das Einzige, was ich nicht mag an New York.“ Auch andere klagten. Die britische Spielerin Katie Boulter, die im Sommer den australischen Top-Ten-Mann Alex de Minaur in einer pompösen Hochzeit geheiratet hatte, berichtete: „Wenn man auf die Trainingsplätze oder die Plätze im Park geht, riecht man es überall. Ich bin kein großer Fan davon. Ich weiß, dass sich viele Spielerinnen über bestimmte Plätze beschwert haben.“
Die Herausforderung, mit der manche zu kämpfen haben, ist, dass sich der fragwürdige Duft nicht allein auf die Umgebung der Anlage beschränkt. Auch die US Open sind direkt betroffen, weil der Geruch hinüberzieht. „Ich habe schon mal auf so einem Spielfeld gespielt und den Geruch während des Matches wahrgenommen“, sagte die Weltranglisten-62. Boulter in New York jetzt auch und stellte klar: „Das ist etwas, was ich mitten im Spiel nicht riechen möchte. Ich versuche mich zu konzentrieren, und dann reißt einen das natürlich aus dem Spielgeschehen, und das will man wirklich nicht. Man braucht keine Ablenkungen.“
Damit reiht sich Boulter ein in eine Liste, die nun offenbar fix zur Tradition der US Open gehört: Auf dieser Liste stehen Spieler, die sich vergeblich beschweren, über die Sache mit dem Rauschmittel. Auch der Norweger Casper Ruud und die Griechin Maria Sakkari monierten einmal die kontaminierte Luft. Im vergangenen Jahr sagte der 24-malige Grand-Slam-Sieger Novak Djokovic aus Serbien: „Man kann den Geruch wirklich wahrnehmen – es ist unmöglich, es nicht mitzubekommen.“
Der Australier Nick Kyrgios war einer der Ersten, der öffentlich seinen Unmut äußerte: „Ich habe schweres Asthma“, sagte er schon 2022. „Wenn ich von einer Seite zur anderen renne und ohnehin schon außer Atem bin, will ich zwischen den Punkten nicht noch irgendetwas einatmen.“ Dass der 31-Jährige kürzlich positiv auf Kokain getestet worden war und dieses Vergehen reumütig einräumte, ist eine bizarre Pointe seiner Lebensgeschichte. Auch der deutsche French-Open-Sieger Alexander Zverev machte die Erfahrung mit dem unverwechselbaren Duft, er spielte 2023 gegen den Australier Aleksandar Vukic auf Court 17, der am Rande der Anlage liegt, nahe zum benachbarten Corona Park. „Court 17 riecht definitiv nach Snoop Doggs Wohnzimmer“, sagte Zverev später amüsiert. Der amerikanische Rapmusiker war stets bekannt dafür, sich gerne einen Joint (oder mehrere) zu genehmigen.
Das Thema wird letztlich weiterhin Teil der US Open bleiben, denn wie die britische Zeitung Guardian berichtet, sieht der Veranstalter, der amerikanische Tennisverband, keinen Anlass, aktiv zu werden. Dies machte eine Erklärung der United States Tennis Association deutlich, in der es hieß: „Auch wenn wir keinen Einfluss darauf haben, was außerhalb des Geländes des USTA Billie Jean King National Tennis Center geschieht, bleiben wir wachsam, während wir diese Maßnahmen aufrechterhalten.“


