New-York-Marathon:Erstaunliche Zeiten

New York City Marathon 2021

Mutige Attacke, voller Lohn: Peres Jepchirchir rauscht in New York als erste Frau ins Ziel.

(Foto: Seth Wenig/dpa)

Olympiagold und der Sieg beim knüppelharten Marathon in New York - eine im Laufsport noch nie gesehene Kombination: Doch die Kenianerin Peres Jepchirchir kümmern weder Widersacherinnen noch langjährige Gesetzmäßigkeiten der Branche.

Von Johannes Knuth

Der erste optische Nachweis fiel nicht gerade schmeichelhaft aus für Peres Jepchirchir, die große Favoritin am Sonntag beim großen Marathon durch New York. Der Oberkörper: ein bisschen weit nach vorne gelehnt. Die Schritte: fast stampfend, ungewöhnlich für eine Läuferin aus der ostafrikanischen Laufgilde. Kaum zu vergleichen jedenfalls mit Viola Cheptoo, der zweiten Kenianerin an der Spitze des Feldes, und der Äthiopierin Ababel Yeshaneh. Die schwebten in diesem Lichte wie Feen durch den Häuserdschungel der amerikanischen Ostküstenmetropole. Aber Cheptoo, eine langjährige 1500-Meter-Läuferin, und Yeshaneh führen natürlich auch nicht die Referenzen einer Jepchirchir mit sich, den Olympiasieg im Marathon etwa, den die 32-Jährige erst vor drei Monaten in ihrer Vita platziert hatte. Und dann ist da ja immer noch ihr Blick.

Es gibt Fotos von Jepchirchir, da spricht aus ihren Augen eine Entschlossenheit, die fast unheimlich wirkt - und die sie wie eine Erinnerungsstütze mit sich zu führen scheint. Wo andere leise zweifeln, wohin sie die Reise auf der Langstrecke tragen könnte, scheint Jepchirchir für jede Sekunde der unplanbaren 42,195 Kilometer einen Plan zu haben. So auch am Sonntag in New York.

Sie teilte sich lange die Tempoarbeit mit Cheptoo, obwohl sie wusste, dass ihre Landsfrau im Zielsprint ebenbürtig sein würde, kraft ihrer Expertise von der Mittelstrecke. Dann lancierte Jepchirchir den Spurt sehr früh, womit sie Cheptoo, eine Debütantin im Marathon, offenbar überrumpelte. Zwar hätte nicht viel gefehlt, und Jepchirchir hätte für die frühe Attacke bezahlt, andererseits ist es ja so: Am Mut, sich in die kalte See der Ungewissheit zu stürzen, hat es ihr noch nie gemangelt.

Erst Olympiagold, dann der Sieg auf dem schweren Kurs in New York - das ist vor Jepchechir noch niemandem gelungen

Es ist ein, vorsichtig gesagt, beachtliches Niveau, auf dem die Langstreckenszene gerade wieder surft. Die Äthiopierin Letesenbet Gidey, die Weltrekordhalterin über 5000 und 10 000 Meter, trieb vor Kurzem die Bestmarke im Halbmarathon auf 62:52 Minuten - mit solch einer Referenz könnte sie im Marathon irgendwann sogar die Schallmauer von 2:10 Stunden durchbrechen. Das haben bislang erst neun deutsche Männer geschafft. Aber das ist natürlich Zukunftsgerede.

Die Gegenwart im Marathon gehört zweifelsohne Peres Jepchechir. Die gewann in den vergangenen 14 Monaten die Halbmarathon-WM in Gdynia, stellte über diese Distanz zwei Weltrekorde auf, triumphierte im Olympiamarathon im schwülheißen Sapporo, was viele Kräfte kostete, aber offenbar nicht genug, um sie jetzt auch noch am Sieg in New York zu hindern. Dort löschte sie sogar fast den Streckenrekord aus (in 2:22:39 Stunden), knapp vor Cheptoo (die ihren zweiten Platz ihrer gewaltsam gestorbenen Landsfrau Agnes Tirop widmete).

Das war ja noch überhaupt keinem Athleten gelungen, keiner Frau, keinem Mann: im olympischen Marathon zu triumphieren - und dann noch auf dem schweren Kurs in New York. Der vorerst letzte Athlet, der überhaupt einen Stadtmarathon nach seinem Olympiasieg im selben Jahr gewann, war der Amerikaner Frank Shorter, 1972 war das, in einer völlig anderen Zeit also. Und jetzt?

Jepchirchir führt eine dieser klischeehaften Läuferbiografien mit sich, man muss es leider so sagen: Aufgewachsen in Kericho im Westen Kenias, die Eltern waren Bauern auf den Teeplantagen; die Tochter lief jeden Tag zur Schule, fünf Kilometer hin, fünf Kilometer zurück. 2014, bei den kenianischen Crossmeisterschaften, fiel sie Kennern erstmals auf. Sie war 20 damals, rannte den Favoritinnen furchtlos davon; Faith Kipyegon, zuletzt Olympiasiegerin über 1500 Meter in Tokio, fing Jepchirchir erst auf den letzten Metern ein. Der Italiener Gianni Demadonna, ein erfahrener Manager, nahm sie sofort unter Vertrag. Ihm imponierte nicht nur Jepchirchirs Ausdauer. "Sie ist nicht nur hoch motiviert", sagte er einmal, "sie hat auch einen robusten Kopf."

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Nach etwas mehr als zwei Stunden ist noch Zeit für einen Hüpfer: Albert Korir gewinnt das Männer-Rennen in New York in 2:08:22 Stunden und macht Kenias Doppelsieg perfekt.

(Foto: Lev Radin/Imago)

Den braucht man wohl, wenn man selbst dann noch Halbmarathonrekorde erschafft wie vor einem Jahr im polnischen Gdynia, wo der Ostseewind auf die Strecke peitschte. So legte Jepchirchir auch allmählich ihr Potenzial frei, 2016 der erste WM-Titel im Halbmarathon, 2017 der erste Weltrekord (65:06), damals war sie schon schwanger mit Tochter Natalia. Sie ließ sich auch mit ihrem Comeback Zeit, ihren ersten schnellen Marathon lief sie erst im Dezember 2019, in 2:23:50 Stunden in Saitama. Dann zwang Corona die Szene in den Stillstand. Jepchirchirs Trainingsgruppe in der Höhe von Kapsabet ist aber ohnehin überschaubar, sie besteht vor allem aus ihrem Mann, einem ehemaligen Läufer. Als zuletzt fast alles ausfiel, sagte Jepchirchir, habe sie halt noch mehr trainiert.

In alle Tiefen der Athletenkörper kann man ja nie hineinleuchten, Jepchirchirs Vorgängerinnen in der Weltspitze haben auch, vorsichtig gesagt, nicht die reinste Vergangenheit. Und ob sich die jüngsten Rekordwellen und Doppelsiege wie jener in Tokio und New York allein mit neuen Wunderschuhen erklären lassen, während Monate zuvor das Anti-Doping-System brachlag? Jepchechir hat jedenfalls immer beteuert, dass sie ihre Kraft aus redlichen Motiven ziehe. Das sei spätestens so, seitdem ihre Tochter begreife, welcher Arbeit die Mutter nachgeht, hat Jepchechir einmal erzählt: "Sie sagt mir immer: 'Ich will laufen wie die Mama.'"

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