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Neuseeland im Halbfinale:Mit Witz und Kraft

Die All Blacks untermauern ihre Favoritenrolle bei der Rugby-Weltmeisterschaft im Viertelfinale eindrücklich und lassen Irland keine Chance. Im Halbfinale wartet nun England mit einer gewieften Taktik.

Rory Best, der irische Kapitän, kratzt sich verlegen am Kopf. Er steht im Stadion von Tokio an der Sponsorenwand beim Interview nach der 14:46-Niederlage im Rugby-WM-Viertelfinale gegen Neuseeland. Alle können seine Verlegenheit in Großaufnehme sehen, weil das Interview auf den großen Videoschirmen der Arena läuft. Und die Leute von den Rängen jubeln ihm bewegt und dankbar zu, denn dieses WM-Aus bedeutet auch das Karriere-Ende von ihm, dem treuen Hooker Rory Best, 37, der dem irischen Team 14 Jahre lang zu Diensten war. Best sagt was zum Spiel und sagt seinerseits danke für die Zeit. Hat er Tränen in den Augen? Er ahnte sicher schon vor dem Spiel, dass dieser Samstagabend im japanischen Herbst sein letzter im grünen Trikot werden könnte, gegen den Weltmeister kann man schon mal ausscheiden. Allerdings hätte die Partie etwas ausgeglichener sein können. Irland hatte keine Chance gegen die All Blacks. Und langsam fragt man sich, wer die Neuseeländer überhaupt bezwingen soll bei dieser WM.

Die Engländer sind die nächsten, die es versuchen dürfen. Mit einem 40:16-Sieg über Australien erreichten sie ein paar Stunden vor den All Blacks in Oita das Halbfinale am nächsten Wochenende, und zwar mit einer Taktik, die man wohl Konter-Rugby nennen darf. Sie verteidigten mit Geschick, ließen die anderen an ihrem dichten Mauerwerk abprallen, nutzten ihre Chancen. Die Australier konnten ihre Offensivbemühungen nach dem Spiel in der Statistik nachlesen: Sie hatten mehr Raumgewinn, mehr Ballbesitz, mehr Spielanteile. Aber was zählt das? Australiens Coach Michael Cheika wusste gar nicht genau, was er sagen sollte. "Ich dachte, wir spielen eigentlich ganz gut. Vor allem in den ersten 50, 60 Minuten. Klar, wir hatten zwei Ballverluste, und sie haben gut verteidigt." Das jedoch reichte.

New Zealand v Ireland - Rugby World Cup 2019: Quarter Final

Für Rory Best, den 37-jährigen irischen Kapitän, bedeutet dieses WM-Aus auch das Karriere-Ende.

(Foto: Cameron Spencer/Getty Images)

Bei den Engändern blickte man in die Gesichter glücklicher Männer. Es war ihr Plan gewesen, den australischen Offensivgeist zu unterwandern. "Wir hatten gute Sitzungen während der Woche", sagte Flanker Tom Curry, "wir haben sie (die Australier) angeschaut - und das Ergebnis hat man heute gesehen." Außerdem staunte er über die lautstarke Unterstützung, welche die mitgereisten Fans in Oita bewerkstelligten. "Wir sind zehn, elf Stunden von England weg und es fühlt sich an, als wären wir in Twickenham (Englands größte Rugby-Arena außerhalb Londons, Anm. d. Red.)."

Die Iren sind laut - bis zum ersten Punkt der Neuseeländer

Am Abend in Tokio beim irischen Versuch gegen die All Blacks fühlte es sich zunächst an, als wäre man in Dublin. Viele Menschen in grünen Hemden saßen unter den 48 000 Zuschauern. Aus voller Brust sangen sie die irische Nationalhymne mit. Aus voller Brust sangen sie auch, als die Neuseeländer ihren Haka tanzten. Man hörte den Sprechgesang der All Blacks kaum bei diesem irischen Begeisterungssturm im weiten Rund.

Aber dann begann das Spiel und schnell wurde es ruhiger. Irlands Jacob Stockdale fing einen All-Blacks-Pass ab, indem er den Ball nach vorne patschte. Ein Regelverstoß, weil man den Rugbyball mit den Händen nur nach hinten spielen darf. Richie Mo'unga verwandelte den fälligen Penalty-Kick. Dem 3:0 folgte bald der erste Try. Die All Blacks arbeiteten sich Stück um Stück nach vorne, die Iren konnten sich nicht befreien, und irgendwann sah Aaron Smith die Lücke. Ein blitzartiger Sprint, ein langer Arm. Er drückte den Ball hinter die Endlinie, und als Mo'unga die dazugehörige Conversion verwandelt hatte, stand es 10:0.

19th October 2019, Tokyo, Japan; Kieran Read thanks the fans after their win. New Zealand All Blacks versus Ireland, qua

Kieran Read bedankt sich bei den Fans der All Blacks, nachdem die Neuseeländer bei der Rugby-WM in Japan ins Halbfinale eingezogen sind.

(Foto: Andrew Cornaga/imago images/Action Plus)

Eine irische Antwort hätte kommen müssen, aber sie kam nicht. Ballverluste, Griffe ins Leere. Die All Blacks überforderten die Iren mit ihrem Tempo und ihrer Beharrlichkeit. Nach 21 Minuten stand es 17:0 und alle irischen Hoffnungen waren verloren. Die Angriffe der All Blacks wurden leichter, spielerischer, schöner. Als Irlands Centre Robbie Henshaw in der 69. Minute doch noch in die neuseeländische Endzone vordringen durfte und die Grünhemden auf den Tribünen in lauten Jubel ausbrachen, war es längst zu spät.

Die Angriffe der All Blacks haben Witz und Kraft

"In der Umkleide ist es totenstill", berichtete Rory Best später, "da sitzen starke Männer in Tränen." Die Niederlage war hart. Die Chancenlosigkeit machte sie noch schlimmer. Irlands Chefcoach Joe Schmidt, der mit der Niederlage ebenfalls am Ende seiner Tätigkeit angelangt war, sagte: "Sie haben uns kaum atmen lassen, und wenn wir die Chance zum Atmen hatten, haben wir ihnen Sauerstoff zurückgegeben."

Über die Neuseeländer wiederum breitete sich die wohlige Selbstgewissheit, dass auch der Druck der K.o.-Runde kein Problem für sie ist. "Ich glaube, wir waren sehr, sehr gut heute Abend in dem Sinne, wie wir unsere Möglichkeiten genutzt haben", sagte Kapitän Kieran Read bei aller Bescheidenheit. "Ich hatte allerdings auch das Gefühl, dass wir viel tackeln mussten." Beim Tackeln unterlief ihnen aber kaum ein Fehler. Ihre Angriffe hatten Witz und Kraft. Die All Blacks wirken sehr fit und konzentriert. Bis der Sieg nicht so gut wie sicher ist, gibt es fast keine Nachlässigkeit. Ihre Unterwanderungstaktik werden die Engländer verfeinern müssen für das Halbfinale, denn gerade sind bei den Neuseeländern kaum Schwächen zu sehen, die man als Gegner unterwandern könnte.

Chefcoach Steve Hansen hatte das natürlich auch gesehen. Er war so angetan von der eigenen Leistung, dass er seinem Trainerstab und Kapitän Read für ihre exzellente Arbeit dankte. So ausgeglichen war er, dass er sich sogar vor zwei prominenten Widersachern verneigte. Die Pressekonferenz zum Spiel begann er mit einer Würdigung von Rory Best und Coach Schmidt, von jenen beiden Iren also, die seine Mannschaft gerade aus ihren Karrieren befördert hatte. Das wirkte etwas seltsam. Aber Hansen meinte es sicher ehrlich, als er ihre Verdienste heraushob und sagte: "Sie haben einen Unterschied gemacht in ihrer Zeit."