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Felix Neureuther hört auf:Mit einem riesengroßen Lächeln

Skirennfahrer Neureuther beendet Karriere

Felix Neureuther wird am Sonntag sein letztes Rennen fahren.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)
  • Felix Neureuther wird am Sonntag sein letztes Ski-alpin-Rennen im Weltcup fahren.
  • Danach beendet er seine Karriere. Das kündigte er am Samstag an.
  • Neureuther war über Jahre eine Art Botschafter des Wintersports in Deutschland.

Am Samstagmorgen, in seinem letzten Training, erlebten die Beobachter noch mal den alten Felix Neureuther. Der 34-Jährige schaffte eine Bestzeit nach der nächsten, er ließ den Teamkollegen keine Chance, wie Mathias Berthold später mit viel Wehmut in der Stimme berichtete. Der Cheftrainer der deutschen Skirennfahrer wusste da ja längst, was Sache war: Dass dies Neureuthers allerletzte Trainingsläufe gewesen waren, dass der Garmisch-Partenkirchener, seit Jahren das beste Rennpferd im deutschen Team, nach dem Saisonfinale am Sonntag seine imposante Karriere beenden wird.

Nun also doch. Nach einem Kreuzbandriss-Comeback im vergangenen Herbst, nach Rückschlägen und Hoffnungen, die dann doch wieder zerbröckelten: "Mein Herz und vor allem mein Körper haben mir in den letzten Monaten deutlich zu verstehen gegeben, dass es an der Zeit ist, dieses für mich so wunderschöne Kapitel Skirennsport zu beenden", teilte Neureuther am Samstag auf seinen digitalen Profilen mit. Am Sonntag, beim letzten Slalom des Winters in Soldeu, werde er zum letzten Mal im Starthaus stehen. Er werde dann tief einatmen, das Adrenalin spüren und "mit einem riesengroßen Lächeln meine letzten Slalomtore fahren". Aber der Skisport sei immer sein Leben gewesen, daran werde sich nichts ändern: "Deswegen sage ich nicht Servus, sondern bis bald".

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Und so hatte sich das Saisonfinale in Andorra auf einmal doch in eine große Abschiedsvorstellung für den Deutschen verwandelt - auch wenn der Ruheständler in spe zuletzt immer wieder beteuert hatte, dass er über den Fortgang seiner Karriere erst nach diesem Winter entscheiden wolle. Aber gut, es half ja nichts: Am Sonntag wird der erfolgreichste deutsche Skirennfahrer - neben Doppel-Olympiasieger Markus Wasmeier - endgültig abtreten, nach 248 Weltcup-Rennen und bislang 13 Siegen sowie 47 Podiumsbesuchen. Dazu kommen drei WM-Medaillen im Slalom: Silber 2013, Bronze 2015 und 2017. Und eine Goldmedaille mit der Mannschaft (2005), jedoch kein großer Einzeltitel - auch nicht bei den Winterspielen, die Neureuther zuletzt in Sotschi erlebte, weil ihm vor Olympia 2018 das Kreuzband riss. Wobei der 34-Jährige auch so auf eine der wohl imposantesten deutschen Sportlerkarrieren zurückblickt: Weil da immer ein Mensch auftrat, der nebenbei auch Athlet war, nicht andersherum.

Neureuthers Eltern, Rosi Mittermaier und Christian Neureuther, hatten ihre Kinder früher so gut es ging von all dem Rummel abgeschirmt, der die prominente Familie oft umspülte. Sie verlegten im Hintergrund aber auch alle Schienen, sollte der Sohn doch Rennfahrer werden wollen. Und er wollte. Neureuther debütierte am 4. Januar 2003 in Kranjska Gora im Weltcup (und schied im ersten Lauf aus). Einen Monat später nahmen sie ihn zur WM nach St. Moritz mit, wo er von "Super-Hasn" im Teamhotel berichtete (und 15. im Slalom wurde). Er erwarb sich bald jenen Ruf, der ihn lange wie ein Schatten verfolgte: Neureuther hatte immer die Gabe, famose Slalomschwünge aus dem Gefühl heraus zu erschaffen - so wie Lionel Messi einen famosen Pass spiele, wie der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier einmal sagte. Die andere Gabe war, dass Neureuther dieses Talent nicht immer mit größtem Trainingseifer paarte. Was aber oft schnell wieder in Vergessenheit geriet. Weil er selbst nach Rückschlägen, als er etwa bei der WM 2007 gerade eine Medaille verpasst hatte, erst mal einem Adjutanten der schwedischen Prinzessin hinterherlief, die sich Neureuthers Startleibchen besorgt hatte. "Hatte ganz vergessen, meine Handynummer drauf zu schreiben", sagte er den verdatterten Betreuern später im Ziel.

Die sportliche Befreiung schaffte er erst 2010, als er seinen ersten Weltcup-Slalom in Kitzbühel gewann - dort, wo der Papa, der ihn im Ziel empfing, 31 Jahre zuvor triumphiert hatte. Und dann, zwei Jahre später: WM-Silber vor einem aufgekratzten Publikum in Schladming. Es war auch das Ende einer langen Kindheit; Neureuther war jetzt nicht mehr der Sohn von Gold-Rosi und Christian, beide waren jetzt die Eltern von Felix Neureuther.

Neureuther stieg fortan zu einem der größten Botschafter des Wintersports auf, der auch viele Leute ansprach, die sich ansonsten eher nicht für den Wintersport interessieren. Wobei es weiter seine Verdienste abseits der Piste waren, die seine Popularität mehrten. Zum Beispiel, wenn er seinem großen Rivalen Marcel Hirscher auch dann mit Rat zur Seite stand, als beide sich heftig um Slalom-Siege stritten, wie Hirscher am Samstag erzählte. Oder wenn er Funktionäre für Missstände im Sport in Haftung nahm. Oder wenn er nach misslungenen Rennen so lange Autogramme im Zielraum gab, dass es zu einem großen Rückstau am Ausgang kam. Und auf der Piste, da knüpfte er an Rückschläge doch immer wieder große Erfolge. Vor den Winterspielen 2014 rauschte er, der große Favorit, auf dem Weg zum Flughafen in eine Leitplanke, wurde trotzdem Achter im Riesenslalom. Oder vor vier Jahren, da reiste er als bester Slalomfahrer des Winters zur WM nach Beaver Creek - und gewann Bronze, obwohl der chronisch malade Rücken schon arg schmerzte. Auch WM-Bronze 2017 hatten ihm viele nicht mehr zugetraut.

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Und dann, in seiner letzten Saison: Gab er sein Comeback nach dem Kreuzbandriss. Erlitt einen Daumenbruch. Stürzte im Training, erlitt ein Schleudertrauma. Sammelte ein paar achte Plätze, vertiefte sich in düstere Gedanken: "Will mein Körper mir jetzt etwas sagen?" Vor der WM stürzte er noch einmal heftig. Und zeigte im Slalom dann doch seine "beste Saisonleistung", wie er mit Recht reklamierte, auch wenn er ausschied. Neureuther, als Skirennfahrer und alpines Gesamtkunstwerk, war auch in seinem letzten Winter noch mal das, was er in seinen besten Zeiten war: ein Comebacker.

Da spielte am Samstag zunächst auch kaum eine Rolle, dass er in den vergangenen Wochen für ein paar Irritationen gesorgt hatte. Vielleicht werde er ja doch weitermachen, hatte er bei der WM in Are gepoltert, aber dann müssten sich im Verband ein paar Dinge ändern. Welche Dinge das sein sollten, behielten sowohl Neureuther als auch seine Vorgesetzten im Verband bis zuletzt für sich. "Ich weiß immer noch nicht genau, was er meinte", beteuerte Cheftrainer Berthold, er beglückwünschte Neureuther lieber zu seiner großartigen Karriere.

Und nun? Was macht einer, der das Skirennfahren immer so sehr liebte, dass er sich am liebsten nie davon getrennt hätte? Er spüre schon eine "große Befreiung", sagte er am Samstag im BR, die letzte Saison war ja doch keine leichte. Ansonsten freue er sich auf alles, was nun komme: die Zeit mit seiner Frau und Tochter, seine Stiftung, mit der er Kinder zu mehr Sport bewegen will, ein paar Firmenbeteiligungen. Vielleicht sieht man ihn auch bald wieder als TV-Kommentator, wie er zuletzt im SZ-Interview angedeutet hatte. Aber zunächst noch mal, am Sonntag: Tief einatmen, das Adrenalin spüren. Und die allerletzten Slalom-Tore umkurven, mit einem riesengroßen Lächeln.

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