Neuer Wolfsburg-Trainer Kohfeldt:Jenseits des Weserstadions

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Florian Kohfeldt lebte Werder Bremen - nun trainiert er ein paar hundert Kilometer weiter südöstlich.

(Foto: Huebner/Taeger/Imago)

Florian Kohfeldt war 15 Jahre lang Fan, Jugendtrainer und Trainer beim SV Werder Bremen, doch die Beziehung endete im Abstieg. Dennoch blieb sein Ruf exzellent - nun kann er sich direkt in der Champions League beweisen.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg

Natürlich ist der Fußballtrainer Florian Kohfeldt, 38, am 22. Mai dieses Jahres vor dem Fernseher gesessen. Ob er wohl, genaues ist da leider nicht bekannt, ein paar Packungen Chips oder einen Bottich voll Eiscreme neben sich stehen hatte, die vielfach erprobte Nervennahrung für Herzschmerz und alle weiteren emotionalen Leiden? Wie auch immer: Kohfeldt, so viel ist überliefert, verbrachte diesen Samstagnachmittag in seinem Wohnzimmer und starrte angespannt auf die Partie zwischen dem SV Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach, Endstand 2:4.

Mit dem Abpfiff verloren die Bremer ihre Erstliga-Zugehörigkeit, was selbstverständlich auch einen tieftraurigen Florian Kohfeldt hinterlassen hat. 15 Jahre lang war er diesem Klub treu ergeben gewesen, als Fan, Jugendtrainer, Co-Trainer des Profiteams - und ein paar Tage zuvor noch als Chefcoach, ehe er in einer ungewöhnlichen Hauruck-Aktion vor dem letzten Bundesliga-Spieltag doch noch aus dem Amt befördert wurde. Eingeschaltet hat er trotzdem.

"Ich musste nicht lange überlegen" sagte Kohfeldt

Es gab mal Zeiten, da konnte man sich wirklich nur schwer vorstellen, was am Donnerstagabend offiziell bekanntgegeben wurde: Der emotionale und bisweilen sentimentale Kohfeldt arbeitet künftig für den VfL Wolfsburg, der ja eher selten im Verdacht steht, die ganz großen Gefühle zu wecken. "Ich musste nicht lange überlegen, diese Herausforderung anzunehmen", wird Kohfeldt in dem Kommuniqué zitiert: In der Autostadt erwarte ihn eine "spannende Aufgabe, auf die ich mich sehr freue". Und der Wolfsburger Sportdirektor Marcel Schäfer sagte, man sei überzeugt, dass Kohfeldt "sich mit unserem Weg identifizieren kann und wir mit ihm gemeinsam wieder in die Erfolgsspur zurückkehren werden". Kohfeldt unterschrieb einen Vertrag bis 2023 und wird der Öffentlichkeit am Donnerstag als neuer VfL-Coach vorgestellt.

In der Tat erschien diese Konstellation durchaus schlüssig, als sich die Wolfsburger am Sonntag von ihrem Trainer Mark van Bommel getrennt hatten, nach zuletzt acht Spielen ohne Sieg und einem Absinken in die untere Mittelschicht der Bundesliga. Kohfeldt war frei, er hat in den vergangenen Wochen seine Kräfte aufgetankt, er war im Urlaub und hat einen intensiven Reflexionsprozess hinter sich gebracht. Sein Ruf in der Branche gilt nach wie vor als exzellent, trotz des Bremer Abstiegs, an dem er fraglos seinen Anteil hatte. Kohfeldt und Werder hatten sich etwas zu eisern die Treue gehalten, sie haben sich womöglich auch irgendwann gegenseitig etwas vorgemacht: Der Trainer hätte gerne zackig nach vorn spielen lassen, doch Werder hatte irgendwann einen Kader, mit dem Fußball nur noch gearbeitet werden konnte. Beide Seiten mussten hinterher feststellen, dass es im Sport manchmal zugeht wie bei einer übereifrigen Anzugreinigung: Ein Fleck verschwindet nicht, wenn man ihn zu doll reibt. Er wird größer.

In Wolfsburg ist das jetzt anders, was auch gut zu Kohfeldts persönlichem Karriereplan passt, der trotz aller Verbundenheit nach Bremen stets ein Engagement bei einem ambitionierten Klub beinhaltete. "In dieser Mannschaft steckt viel Qualität und Dynamik, und wir werden nun gemeinsam daran arbeiten, diese wieder auf den Platz zu bringen", sagte Kohfeldt. Unter seinem Vorgänger van Bommel war von Qualität und Dynamik nicht mehr viel zu sehen, die Werkself wirkte behäbig, fahrig, desorientiert. In kürzester Zeit gingen ihr jene Kernmerkmale verloren, die sie in der Vorsaison unter Trainer Oliver Glasner noch ausgezeichnet hatten: Galligkeit, Gier und ein Pressing über jeden Winkel des Platzes.

Die Wolfsburger verfügen über großes Potenzial, das wieder abgerufen werden muss

Das alles kann Kohfeldt liefern. Am Spielfeldrand ist er ein brodelnder Vulkan, ein Exzentriker, der keinem Scharmützel aus dem Weg geht. Kein Wunder, er war Feuer und Flamme für seine Bremer. In Wolfsburg kann er sich die Spiele nun mit emotionalem Sicherheitsabstand anschauen. Und im Kader des VfL sind auch die individuellen Fertigkeiten vorhanden, um einen Fußball nach Kohfeldts Idealbild spielen zu lassen. Die Abwehr um John Anthony Brooks und Maxence Lacroix genügt hohen Ansprüchen, der Mittelfeldorganisator Maximilian Arnold ist einer der exponierten Ballverteiler der Liga, der Stürmer Wout Weghorst ist ein wandschrankgroßes Einschüchterungskommando für jede Abwehrreihe - und mit den Akteuren drumherum, zum Beispiel den Angreifern Renato Steffen und Lukas Nmecha, lassen sich wöchentlich neue taktische Puzzle auf dem Spielfeld zusammensetzen, deren Entschlüsselung beim Gegner viel Konzentration abverlangt. Die Wolfsburger sind zwar noch lange kein Meisterschaftsaspirant, aber ein aktueller Champions-League-Teilnehmer sind sie nicht von ungefähr.

Bei Kohfeldt, dem Trainer des Jahres 2018, war im Subtext stets herauszuhören, dass er sich persönlich schon mehr zutrauen würde als den fußballerischen Überlebenskampf in Bremen. Was sicher kein Zufall war, da er ein geschickter Rhetoriker ist, der gut abwägt, was er sagt und wie er es sagt. Nun bekommt Kohfeldt die Chance dazu, zum ersten Mal abseits des Bremer Weserstadions, wo er jeden Balljungen kennt und 15 Jahre lang der manchmal gefährlichen Sogwirkung eines Traditionsklubs ausgesetzt war.

Beim SV Werder sind sie übrigens auch sehr froh darüber, dass ihr Ex-Coach eine neue Anstellung gefunden hat: Angeblich 1,5 Millionen Euro Gehalt können so eingespart werden, weil Kohfeldts Vertrag noch bis 2023 datiert war - viel Geld für die klammen Bremer, die sich an die neue Realität als Zweitligist noch lange nicht gewöhnt haben.

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