(Im Hintergrund ist ein kräftiges Hämmern zu vernehmen)
SZ: Herr Hofmann?
Josef Hofmann: Ja, bin dran.
Wir hoffen, wir stören nicht?
Ach was, ich sitz' hier auf der Baustelle, aber ich tue eigentlich nichts anderes als telefonieren. Ich werde dauernd angerufen.
Die Zeit, Der Spiegel, Die FAZ, alle wollen Sie jetzt sprechen?
Naa, bis jetzt war nur die regionale Presse dran.
Wir wollen nur kurz gratulieren. Zuletzt war ja täglich mit der Nachricht zu rechnen: "Werner Lorant übernimmt alte Liebe TSV 1860 München - Rettet er den traurigen Löwen im Abstiegskampf?
Haha, richtig.

Früherer Trainer von 1860 München:Werner Lorant soll Siebtligisten retten
"Ich wechsle nur aus, wenn sich einer ein Bein bricht": Der ehemalige 1860-Coach Werner Lorant hat Kultstatus - und ist nun zurück. Der 67-Jährige übernimmt den bayerischen Siebtligisten TSV Waging.
Doch wo geht Lorant hin? Zu Ihnen! Siebte Liga, TSV Waging am See, als Drittletzter noch schlimmer im Abstiegskampf. Wie haben Sie das nur gemacht?
Das ist jetzt nicht so besonders schwierig gewesen. Der Werner Lorant wohnt und lebt ja in Waging. Ich sag' ganz einfach mal so: Man kennt sich. Werner ist auch begeisterter Zuschauer bei uns, er schaut sich sogar die Jugendspiele an. Da kann er eben nicht aus seiner Haut.
Und da hat er einfach mal einen Vertrag bis Saisonende unterschrieben?
Das waren jetzt nicht sonderlich zähe Verhandlungen. Er hat sich bereit erklärt, dass er einspringt. Bei uns wird ja noch normal miteinander geredet.
Das heißt?
Man hat sich besprochen, ob das eine Option für ihn wäre. Und er hat sofort zugesagt.
Ein Mann, ein Wort?
Am Samstag gab es schon ein Gespräch mit der bisherigen Trainerschaft, wir wollten aber noch die Osterfeiertage abwarten. Am Montag hat dann unser Cheftrainer Bernhard "Berni" Zeif gesagt, dass er aufhört. Mit Werner Lorant hatte ich aber natürlich schon im Vorfeld gesprochen. Ich kann ja nicht sagen: Sorry Leute, der Berni hört auf, aber ich fange jetzt erst an, einen neuen Trainer zu suchen.
Natürlich nicht. Hat Lorant denn das letzte Spiel von Waging gesehen?
In Vaterstetten beim 0:3 war er nicht. Aber er hat das letzte Heimspiel gesehen, da haben wir sogar miteinander gesprochen.
Und, was hat er gesagt?
Wer kann schon zufrieden sein, wenn er sieht, dass die eigene Heimat verliert?
Aber kann sich ein kleiner Bezirksligist wie Waging am See einen weit gereisten Trainer wie Lorant überhaupt leisten?
Da gibt es eine ganz klare Aussage: Ja!
Ja?
Ja.
Und wenn jetzt jemand denkt, ohne dass ich mehr dazu sagen möchte, dass ein Lorant mit Profiallüren antritt in Waging, dem muss ich sagen: Ganz sicher nicht.
Das heißt, er verzichtet auf den Großteil seines gewohnten Gehalts?
Wir sind zwar immerhin in der siebten Liga, aber wir sind nicht im Bezahlfußball. Wir sind allenfalls ein Dorfverein, der sportlich sehr weit ist für ein Dorf. Bei uns gibt es gar nichts! Nicht einmal Siegprämien! Bei uns spielt jeder noch zum Spaß.
Lorant macht es quasi ehrenamtlich?
Es geht in die Richtung. Natürlich nicht ganz. Das wäre Blödsinn. Wir sind ja doch ein Riesenverein mit 1500 Mitgliedern. Bei uns bekommt jeder Übungsleiter zumindest eine Aufwandsentschädigung.
Warum ist Lorant der richtige Trainer in Ihrer sportlichen Situation?
Ich bin selber ewig Fußballer gewesen und verfolge Lorants Karriere eigentlich seit ich denken kann. Seinen Werdegang und alle seine Trainerstationen.
Alle?
Ja.
Das waren viele.
Das waren sogar sehr, sehr, sehr, sehr viele. Die meisten weiß ich noch. Wenn man ab Fenerbace Istanbul rechnet, alle nach 2002, auch die in China und wo der überall war. Ich bin sportbegeistert, da liest man sowas alles.
Kayseri Erciyesspor?
Ja.
Saipa Teheran?
Ja.
DAC Dunajska Streda?
Jaja.
Liaoning Hongyun?
Ja!
Respekt.
Ich denke halt: Es ist scheißegal, ob der Mann, der jetzt bei uns auf der Kommandobrücke steht, Werner Lorant heißt oder, von mir aus, Pep Guardiola. Das ist wurscht. Wir haben jemanden gebraucht, der die Jungs wieder dahin führt, wo sie hingehören: Nämlich auf die Erfolgsspur.
So was kann Lorant gut.
Er hat schon öfter bewiesen, dass er den Feuerwehrmann spielen kann. Es ist einfach sensationell, wir sind so glücklich, dass wir ihn gekriegt haben und wir freuen uns auf die sieben Wochen, die er uns jetzt zur Verfügung steht.
Da Sie Lorant besser kennen: Es hieß mal, er wohne im Winter in seiner Finca in Spanien - und im Sommer auf dem Campingplatz in Waging?
Ob er die Finca noch besitzt, weiß ich nicht.
Und wo wohnt er in Waging?
Er wohnt am See da unten, am Strandkurhaus, da sind so Wohnungen. Da ist er einquartiert und da hat er auch seine Freundin. Die kenn' ich gut, weil ich mit ihr zur Schule gegangen bin. Lorant führt ein ganz normales Leben: Ein Rentnerdasein.
Irgendwo war mal zu lesen, Lorant wohne im Wohnwagen?
Ja, da war mal so was. Aber das ist völliger Quatsch. So weit ich weiß, ist er mit seiner Freundin auch grad' wieder auf Wohnungssuche, weil sie etwas Größeres bräuchten.
Zurück zum Sport besser: Was zeichnet denn den Trainer Lorant aus?
Mir gefällt die Einstellung, mit der er an seine Aufgabe rangeht. Ich war gestern auch bei seiner ersten Ansprache an die Mannschaft dabei. Ich finde es einfach sensationell, wie er die passenden Worte findet. Selbst als ein Profitrainer, der mit Amateuren spricht. Das gibt es ja heutzutage auch nicht mehr ganz so oft, dass einer sagt: Was ich gar nicht kann, das ist verlieren!
Konnte er noch nie.
Er sagt das nicht nur, er lebt das auch.
Haben Sie keine Sorge, dass er Ihre Amateure im Training zu hart ran nimmt?
Naa. Ich trau ihm zu, dass er sehr wohl weiß, mit wem er es bei uns zu tun hat. Nicht mit Profis, die sieben Tage in der Woche auf dem Platz stehen. Alle Spieler gehen während der Woche ihren Berufen nach, sie kommen aus Bauberufen, aus Schichtbetrieben, aus Handwerk und Handel und Erzeugerfirmen.
Die Spieler sind teilweise schon platt, bevor sie Lorants Trainingsplatz betreten?
Klar, also weiß auch er: Die Spieler können keine 110 Prozent mehr geben.
Jemand hat mal geschrieben, Werner Lorant sei so höflich und freundlich wie ein Tritt ins Gesicht. Zu hart?
(lacht) Jaja, den Satz kenne ich. Seinen Spitznamen "Werner Beinhart" hat er sicher nicht zum Spaß erhalten. Den hat er sich verdient. Aber ich glaube nicht, dass Lorant zu schnell persönlich wird oder beleidigend.
Woran hapert es eigentlich gerade sportlich bei Ihnen?
An allen Ecken und Enden. Sogar an der Grundeinstellung. Vielleicht sind die Jungs nicht ganz frei im Kopf. Hat wohl auch damit zu tun, dass der bisherige Trainer sowieso im Sommer gegangen wäre und das schon alle wussten.
Berni Zeif?
Ja, vielleicht war's der Knackpunkt. Sagen wir mal so: Wenn es mit Lorant jetzt nicht klappt, dann klappt es eben nicht. Aber wenn es klappt, dann sind wir alle Helden.
