Das Meer und der Ehrgeiz sind zwei unvereinbare Dinge, das hat der Fußballer Gerhard Poschner irgendwann festgestellt, und aus seiner Sicht ließ diese Erkenntnis nur einen Ausweg zu. Er musste fliehen. Fort vom Meer. Immer weiter ziehen. Irgendwohin, wo sein Ehrgeiz nicht länger gestört werden würde vom monotonen Brausen der Brandung. Und so saß er vor etwas mehr als zehn Jahren in einem Hotel in Alanya, zwar schon wieder unweit des Meeres, aber es war nicht irgendein beliebiges Hotel, sondern eines, in dem sich der ehrgeizige TSV 1860 München als Wintergast eingemietet hatte.
Der Testspieler Poschner war damals schon 34 Jahre alt, vier Mal noch sollte er das Trikot des damaligen Bundesligisten überstreifen, dann war seine Karriere beendet. Aber Poschner war die Perspektive egal, er wusste ja: Bei Polideportivo Ejido in Spanien hätte er es nicht länger ausgehalten. "Da war ein Golfplatz in der Nähe, es gab das Meer, es war immer schönes Wetter", erzählte er in Alanya, "viele sind dort ohne nötigen Ehrgeiz hingekommen."
1860 München und der Ehrgeiz passen hingegen ziemlich gut zusammen. Das Meer ist ferner als die Berge, und wo sonst könnte einer mit Arbeit den Aufstieg erzwingen und die Sehnsucht einer seit zehn Jahren in der zweiten Liga darbenden Anhängerschaft endlich befriedigen?
Und nun ist Poschner also tatsächlich einer der Kandidaten für den vakanten Posten als Geschäftsführer Sport bei 1860. Fast alle Namen werden mit Vehemenz dementiert, der von Poschner aber gar nicht. Wäre das nicht eine Geschichte, die selbst die mit dem kalten Herzen weinen lassen müsste? Da würde einer zurückkehren zu einem Verein, den er als Spieler mit hinab geführt hatte in die zweite Liga. Um ihn dann als Sportchef wieder nach oben zu bringen.
Nach SZ-Informationen hat sich der bestens vernetzte Markus Rejek, seit fast drei Monaten Geschäftsführer Finanzen bei Sechzig, in den vergangenen Tagen zahlreiche Empfehlungen in der Branche eingeholt. Auch im Umfeld seines ehemaligen Arbeitgebers Borussia Dortmund hörte sich Rejek um. Unter anderem wurde ihm auch eine Sportliche Leitung empfohlen, bestehend aus Sportchef Jochen Kientz und Trainer Marco Pezzaiuoli. Kientz ist Spielerberater, Pezzaiuoli war zuletzt 2011 bei der TSG 1899 Hoffenheim als Trainer beschäftigt.
Beide Kandidaten kommen nach SZ-Informationen nicht mehr in Frage. Aber über Rejeks Verbindungen zum Erstligisten Dortmund wird womöglich auch der neue Sportchef gefunden werden. Gerhard Poschner absolvierte 110 Partien für die Borussia, noch heute verbindet ihn eine enge Freundschaft mit Sportchef Michael Zorc. Markus Rejek kennt Poschner zwangsläufig - und dürfte ihn auch schätzen.
Andererseits war es am Dienstag noch nicht so weit, dass die Gremien des TSV 1860 die Einstellung Poschners (oder eines anderen Kandidaten) schon verkündungsbereit beschlossen hatten. "Wir befinden uns auf der Zielgerade", sagte Präsident Gerhard Mayrhofer zur Kandidatenfindung. Und die Zielgerade zieht sich bei Sechzig bekanntlich etwas länger hin.
Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik, als Geschäftsmann sesshaft in Abu Dhabi, will und sollte natürlich allen neuen Beschäftigten zustimmen. Er bezahlt ja deren Gehalt. Auch ist nicht auszuschließen, dass der neue Sportchef und ein Nachfolger für Trainer Friedhelm Funkel zeitgleich verkündet werden sollen. Der Trainer wiederum müsste ja zuvor mit dem Sportchef abgestimmt werden.
Poschner selbst war am Dienstag nicht zu erreichen. "Sorry, bin heute etwas im Stress", schrieb er per SMS. Warum genau, behielt er für sich. Zuletzt war Poschner als Scout für verschiedene Vereine und auch als Berater tätig. Von August 2009 bis Mai 2010 war er als Generaldirektor beim spanischen Erstligisten Real Saragossa angestellt. "In Spanien gibt's keine Räte oder Gremien, da gibt's nur den Klubchef", sagte Poschner damals, "entweder der macht alles selber oder er setzt einen ein, der für ihn den Chef spielt."
Von Saragossa ist das Meer fast so weit entfernt wie von München. Und beim TSV 1860 sehnen sich alle nach einem, der endlich den Chef spielt.


