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Neue Regeln beim Tennis:Wenn Boris Becker mit dem iPad auf den Platz schlendert

Beim Turnier in Stanford vor wenigen Wochen stellten WTA und SAP nun die nächste Evolutionsstufe statischster Analyse von Tennisspielen vor: Partien lassen sich nun noch viel detaillierter aufdröseln, über die Hawkeye-Technologie - bekannt durch den Einsatz bei strittigen Bällen - lässt sich jeder Quadratzentimeter des Spielfeldes erfassen. Die Technologie kann unzählige Details aufzeichnen, in einer Datenbank speichern und plastisch darstellen. Das ist es, was Djokovic meint, wenn er sagt, dass er gelernt habe, "einen Ballwechsel behutsam zu bauen".

Eine Partie mit 164 Punkten liefert jetzt nicht mehr 164 Werte. Sondern etwa 60 000. Jeder einzelne Schlag und jeder kurze Laufweg wird analysiert. Also: Wo genau trifft Djokovic den Ball, wenn er einen zweiten Aufschlag von Federer auf der linken Seite retourniert? Wie reagiert er, wenn der Ball mit einer Geschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde cross auf seine Rückhandseite gespielt wird und der Gegner ans Netz rückt? Wann exakt streut er einen Stoppball ein? Es lassen sich mit Hilfe der Datenbank auch personalisierte Bewegungsmuster ermitteln, etwa: Wie muss ein Stoppball mindestens gespielt werden, damit ihn Roger Federer nicht erwischen kann?

Manche Entscheidungen eines Spielers mögen willkürlich wirken, über die Software lassen sich jedoch Raster erkennen - in Echtzeit. Aus diesem Grund wurde das Coaching im Frauentennis eingeführt: SAP möchte seine Software der Öffentlichkeit präsentieren, doch das funktioniert nicht im stillen Kämmerchen. Der Zuschauer muss es miterleben. "Es geht nicht nur um Vorhand und Rückhand beim Tennis, wir sind ein Teil der Sport-Unterhaltungsindustrie", sagt WTA-Chefin Allaster. Bedeutet übersetzt: Wenn ein Sponsor Änderungen möchte, dann bekommt er die auch. Vor allem, wenn die sich prächtig vermarkten lassen und womöglich für einen höher dotierten Fernsehvertrag sorgen.

Einige Spielerinnen sind angetan von den technologischen Möglichkeiten. "Natürlich habe ich meinem Trainer auch vorher vertraut, doch die Daten liefern einen eindeutigen Beweis, dass es richtig ist, was er mir zu vermitteln versucht", sagt Angelique Kerber, die in Stanford bereits mit den Daten gearbeitet hat. Christopher Kas, der Trainer von Sabine Lisicki, sagt: "Das verändert das Coaching grundlegend."

In diesem Herbst darf ein Trainer also mit Live-Daten-iPad auf den Platz laufen und seiner Spielerin helfen, im kommenden Jahr sollen noch mehr Veranstaltungen hinzu kommen. Bei den Männern gibt es dafür noch keine Pläne - doch man stelle sich nur diese Dramaturgie vor: Beim Spiel zwischen Roger Federer und Novak Djokovic eilt gegen Ende des vierten Satzes Stefan Edberg auf den Platz und berät sich mit Federer. Eine Spielpause später begibt sich Boris Becker zu Djokovic und versucht, den ewigen Rivalen Edberg nun auch als Trainer zu besiegen. In der Pause vor dem fünften Satz muss der Unterlegene erklären, was da nicht geklappt und was er nun besser machen will.

Verpflichtende Interviews und Trainer mit iPad auf dem Platz: Die zwei harmlosen Fragen von Pam Shriver waren nur ein Vorgeplänkel auf das ganz große Drama, das dem Tennis bevorsteht.

© SZ vom 04.09.2015
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