Süddeutsche Zeitung

Fußball in der Serie A:Neapels Orkan

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Italien erlebt beim 5:1 von Napoli gegen Juventus echten Fußball-Rock'n'Roll. Die Süditaliener sind mit erdrückender Überlegenheit Richtung Titel unterwegs - nur der Aberglaube bremst.

Von Oliver Meiler, Rom

Es hätte auch eng werden können, eine dieser taktischen und philosophischen Neutralisierungsnummern, an denen niemand Freude findet. Etwas für Schematiker. So hatte man sich das ausgemalt vor dem Spitzenspiel SSC Neapel gegen Juventus Turin, der vorweggenommenen Finalissima zur Hälfte der Meisterschaft zwischen dem Tabellenersten und dem Tabellenzweiten der Serie A. Neapels leichte Bellezza gegen Juves zynische Effizienz. Es hieß gar, wahrscheinlich würde erst in den letzten paar Minuten ein Tor fallen, da oder dort. Wenn die Paraden dann mal erlahmt sind.

Nun, es kam ganz anders, es kam sehr dick, sehr laut, sehr Rock'n'Roll. 5:1. Neapel, tausend Farben, wie im Lied von Pino Daniele.

Und man darf sich nun endgültig fragen, ob es denn vielleicht diesmal reichen wird, 33 Jahre nach Neapels bisher letztem Scudetto. Neun Punkte Vorsprung sind es nun auf die AC Milan, gar zehn auf Juve und Inter. Klar, noch ist erst die Hälfte der Saison gespielt. Doch Napoli war noch nie so hegemonial. Die Konkurrenz? Ziemlich geblendet. Selbst in den Jahren der Glorie mit Diego Armando Maradona, 1987 und 1990, war Neapel als Tabellenführer nie so weit entrückt gewesen. Und das will etwas heißen. Allerdings würden die Neapolitaner selbst nie so reden, das bringt Unglück, man ist sehr abergläubisch. Luciano Spalletti, der Trainer der Süditaliener, sagte immerhin, es sei wohl die schönste Nacht gewesen, seit er in Neapel arbeite.

Dazu muss man wissen, dass dieser Spalletti sonst gerne zum psychologisch motivierten Understatement greift: Vor Spielen redet er lieber die Gegner groß, mit Juventus hatte er es auch wieder gemacht. Die Turiner hatten vor dem Showdown im Stadio Maradona acht Mal hintereinander gewonnen und kein einziges Gegentor kassiert. Null. Schon schien der Ewigrekord von Gianluigi Buffon in Gefahr zu geraten, fast tausend Minuten lang war der Keeper einmal ungeschlagen geblieben.

Italiens Medien feiern eine fantastische Mannschaft aus Neapel

Und dann das! Eine "unwiderstehliche Show" sei das gewesen, schreibt die Mailänder Zeitung Corriere della Sera. Die römische Repubblica sah die "neuen Monster" am Werk, so dominant, so erdrückend. Für die Gazzetta dello Sport ging ein "Orkan" über die Juve. Vielleicht aber treffen es die eher schulischen Metaphern besser. Die Gazzetta verteilt Zensuren: "Napoli 10 e lode", Neapel cum laude. Massimiliano Allegri, Juves Coach, ein Maurer vor dem Herrn, Maestro des "Unozerismo", des ewigen 1:0, habe da eine "Lektion" verpasst bekommen. Allegri und Spalletti sind sich These und Antithese, Minimalismus gegen Opulenz. Und wer Fußball mag, wenn der kollektiv und komponiert aufgeführt wird, der hat sicher gerade eine Schwäche für Neapel.

Vielleicht müsste dann einmal länger von Stanislaw Lobotka die Rede sein, dem Slowaken in der Regie, tiefer Gravitationspunkt: Er macht das Spiel in der Umschalte so schnell, dass die gegnerische Abwehr sich in einem ständigen Umsturz wähnt. Da sitzt jeder Pass, Lobotka hatte wieder eine Quote von 94 Prozent gelungener Zuspiele. Auch sein Nebenmann Anguissa verdient mal eine lobende Erwähnung, der Kameruner stabilisiert die ganze Abteilung mit seinem Sinn für Balance. Doch natürlich fällt nun wieder und völlig zurecht alles Licht auf die Symbiose des Sturmduos, diese Combo aus dem Nigerianer Victor Osimhen und dem jungen Georgier Khvicha Kvaratskhelia.

Osimhen ist eine Naturgewalt, einer, der seinen Kopf mit der Schutzmaske im Luftduell immer vor den Kopf des Verteidigers drückt. Vor allem aber fürchtet er sich im Gegensatz zu vielen Neunern nicht vor Raum: Öffnet sich eine Prärie vor ihm, nimmt er sie sich, an guten Tagen ein bisschen wie Kylian Mbappé. Trifft er, reißt er sich seine Maske vom Gesicht, man soll sein Lachen sehen.

Eine kleine Botschaft an die Welt wollte auch Kvaratskhelia loswerden. In den vergangenen zwei Spielen war er mal nicht ganz so inspiriert gewesen wie davor, eine halbe Oktave unter dem üblichen Niveau. Gegen Juve aber war er wieder ganz da, mit samtenen Bällen in die Spitze, mit Flügen über den linken Flügel, mit dieser jugendlichen Unbekümmertheit eines Prädestinierten, der weiß, dass er prädestiniert ist. Beim Jubel über sein Tor, das zwischenzeitliche 2:0 in der 39. Minute, hielt er sich den Zeigefinger vor den Mund, um die bereits laut gewordenen Kritiker zum Schweigen zu bringen. In Italien geht das immer sehr schnell. Dann machte er mit beiden Händen eine Geste, die sagen sollte: Immer mit der Ruhe, gebt mir Zeit, ihr täuscht euch schon nicht in mir. Er ist ja erst 21 Jahre alt.

5:1. In der Summe "eine Verladung", findet La Stampa aus Turin, recht prosaisch. Der Bunker sei diesmal einfach untergegangen. Die Zeitung gehört den Agnellis, den Besitzern von Juventus. War's das schon mit der italienischen Meisterschaft? Allein beim Klang dieser Frage greifen sich die Neapolitaner reflexhaft in den Schritt.

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