New York Knicks:Hässlich, dreckig, laut wie die Hölle

New York Knicks: Ein Urschrei: Derrick Rose von den New York Knicks brüllt seine Emotionen heraus.

Ein Urschrei: Derrick Rose von den New York Knicks brüllt seine Emotionen heraus.

(Foto: Elsa/AP)

Die NBA ist interessanter, wenn die New York Knicks was taugen - heißt es immer. Nach den ersten Playoff-Partien steht fest: Der Madison Square Garden explodiert, weil die Knicks genau das bieten, was die New Yorker gerade dringend brauchen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer in Deutschland um etwa 3.45 Uhr Ortszeit aufgewacht ist und sich gefragt hat, was in aller Welt dieser ohrenbetäubende Lärm gewesen ist: Nein, kein Erdbeben, kein Presslufthammer beim Nachbarn, das Tor zur Hölle hatte sich auch nicht aufgetan. Julius Randle hatte die New York Knickerbockers nach einer berauschenden Aufholjagd in Führung gebracht, und 16.254 Leute im Madison Square Garden taten, was New Yorker nun mal tun, wenn man sie berauscht: Sie brüllten sich ihre Seelen aus den Leibern, trommelten, stapften, kippten Bier übereinander. Lakers-Spieler LeBron James twitterte aus Los Angeles, er hatte den Lärm auch an der Westküste gehört: "Mann, das ist ja laut wie die Hölle im MSG! Der Platz rockt!"

Es war wohl sogar am Nordpol zu hören, und es dauerte bis halb fünf deutscher Zeit; dann hatten die Knicks die Atlanta Hawks mit 101:92 besiegt und die Best-of-seven-Serie der ersten Playoffrunde ausgeglichen.

Die nordamerikanische Profiliga NBA ist interessanter, so heißt es in den USA, wenn die Knicks was taugen, und was genau das bedeutet, war in diesen ersten beiden Spielen - den ersten Playoff-Partien der legendären Franchise seit acht Jahren - gegen die Hawks zu beobachten, gerade nach der Corona-Tristesse: Regisseur Spike Lee (orangefarbener Eimerhut, buddhistische Gebetskette in Knicks-Farben, Handtuch zum Wedeln) hüpfte an der Seitenlinie auf und ab und beleidigte schon vor dem Spiel sämtliche Spieler der Hawks. Das war bereits nach der ersten Partie, Atlanta gewann in letzter Sekunde durch eine herrliche Aktion des erst 22 Jahre alten Spielmachers Trae Young, ein Thema gewesen: Die Fans im Garden hatten Young wegen seiner Wuschelhaare geschmäht und verlacht, ansonsten riefen sie permanent, aus mehr als 16.000 durch den New Yorker Verkehr gestählten Kehlen: "Fuck Trae Young!"

Der Madison Square Garden war in den vergangenen Jahren eine der leisesten Arenen

So sind sie nun mal, die New Yorker, und wenn man ihnen sagt, dass sie sich gefälligst benehmen sollen, brüllen sie beim nächsten Spiel noch lauter. Der Tennisspieler Daniil Medwedew erfuhr das bei den US Open 2018, doch nach zwei Partien voller Schmähungen passierte Erstaunliches: Die New Yorker schlossen ihn ins Herz, weil er das Gebrüll hinnahm, noch stärker spielte und im Finale gegen Rafael Nadal, wie sie im Big Apple sagen, grindete - also tat, was New Yorker jeden Tag tun: schuften, um irgendwie zu überleben in dieser Stadt, und das führt zu den Knicks im Jahr 2021.

Sie können schon verlieren in New York, wenn auch sehr, sehr schlecht; was sie überhaupt nicht mögen in dieser Stadt: Wenn Sportler chillen, also nicht alles geben. Dann zeigen die Leute das Gegenteil von Liebe - nicht Hass und Beleidigungen, das sind Ausdrücke von Respekt, und den muss man sich verdienen, sondern: Gleichgültigkeit und Stille. Der Garden war in den vergangenen Jahren eine der leisesten Arenen, und gerade Julius Randle konnte froh sein, dass in der vergangenen Saison von 11. März an keine Zuschauer erlaubt waren; die Stille hätte ihn erdrückt. Ein mega-begabter Hybrid aus Flügelspieler und Center, der allerdings bereits bei früheren Stationen (Lakers und New Orleans Pelicans) durch seinen phlegmatischen Zugang zu dieser Sportart aufgefallen ist. 18 Millionen Dollar Salär für einen, der es locker angeht und Verantwortung scheut? So einen buhen sie nicht mal aus in New York, den strafen sie mit Ignoranz.

In dieser Saison allerdings ist Randle kürzlich zum Most Improved Player gewählt worden - also zum Spieler, der sich am meisten entwickelt hat, und wer nach Gründen sucht, warum Randle plötzlich schuftet, dem sei gesagt, dass in der kommenden Saison lediglich vier Millionen Gehalt garantiert sind; die restlichen knapp 16 Millionen kriegt er erst, sollten ihn die Knicks nicht bis zum Ende dieser Spielzeit entlassen. So ein 400-Prozent-Bonus kann einen anspornen, und was das bedeutet, war am Mittwoch gegen Atlanta zu sehen: Randle schaffte diesen Wurf zur Führung, er zauberte ein paar schöne Pässe zu den Kollegen; aber es zeigte sich, wie unbedeutend Statistiken (da standen 15 Punkte und vier Zuspiele) bisweilen sind. Randle grindete, er hetzte Bällen hinterher bis auf die Tribüne, stellte den Körper heranstürmenden Gegnern in den Weg, wühlte unter dem Korb, pflückte Rebounds gegen mehrere Kontrahenten. Es war hässlich, es war dreckig, es war: New York City.

"So muss Playoff-Basketball sein, die Leute müssen brüllen, einen beleidigen, die Eltern mit Bier bekippen"

Neben ihm: Derrick Rose, sehr begabter Spielmacher, der nach Verletzungen badstuberschem Ausmaßes eigentlich nicht mehr gar so viele Minuten pro Partie auf dem Parkett sein soll. Am Mittwoch waren es fast 39 Minuten, 26 Punkte, vier Rebounds. Er sorgte für die zweite Eruption in der Arena, als er kurz vor dem Ende die Zeit um zehn Jahre und drei Knie-OPs zurück drehte und die Knicks nach Aufholjagd der Hawks wieder in Führung brachte. "Ich bin jetzt 32 Jahre alt und habe ein bisschen was erlebt. Aber von so einem Moment habe ich lange geträumt", sagte er nach seiner 49. Playoff-Partie, in der er eben nicht nur punktete, sondern wie Randle schuftete: "So muss Playoff-Basketball sein, die Leute müssen brüllen, einen beleidigen, die Eltern mit Bier bekippen. Das gehört dazu. So wird man hart."

Zahlreiche Legenden dieses Sports, Michael Jordan zum Beispiel, Larry Bird oder Hakeem Olajuwon, sagten nach dem Ende ihrer glanzvollen Karrieren, dass sie erst über die Auftritte im Madison Square Garden das Fell bekamen, das sie für Titel brauchten. Das war wohl auch der Grund, warum Trae Young (30 Punkte, sieben Zuspiele) lachte, als ihn die Zuschauer am Ende, die Partie war entschieden, erneut wüst beleidigten und Edelproll Spike Lee vor ihm rumtanzte. Er wusste: Mehr Respekt (und damit auch Furcht) als das kann einer nicht kriegen. Eine entscheidende siebte Partie - viele glauben, dass die packende Serie so entschieden wird - fände am nächsten Sonntag statt. Im Madison Square Garden.

© SZ
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