Um 15.33 Uhr Ortszeit wurde es laut im Kia Center, der Arena des Basketballklubs Orlando Magic – und das lag nicht an den Animationen des Maskottchens Stuff the Magic Dragon. Und auch nicht an der üblichen Kusskamera, die Pärchen im Publikum sucht, die sich dann liebkosen sollen. An der Seitenlinie hatte ein Sportler sein Trainingsleibchen ausgezogen, der eine größere Geschichte zu erzählen hatte. Sie hatten Moritz Wagner hörbar vermisst in Florida, und jetzt gab’s sogar gute Wünsche von Gegenspieler Jordan Poole, der von der Bank der New Orleans Pelicans herüberlief und den deutschen Basketballer noch einmal umarmte: Willkommen zurück also, nach 386 Tagen quälender Verletzungspause. Nach einer Zeit, in der vieles infrage stand und manches mehr schmerzte als das verdammte linke Knie.
Am 21. Dezember 2024 war Wagner, 28, das Kreuzband im linken Knie gerissen, es folgten eine Operation und eine Reha, die ihn an persönliche Grenzen brachten. Wenn Athleten so schwer verletzt sind, nimmt oft auch die Seele Schaden. Bei Moritz Wagner war es nicht anders, dabei hatte man ihn eigentlich als unerschütterlichen Charakter kennengelernt. Als einen, der offen darüber redet, was da abgeht zwischen Kopf, Herz und Sehnen, den „man liebt, wenn man ihn im eigenen Team hat“, wie sein Bruder Franz es im SZ-Interview formulierte. Und doch berichtete er zwischendurch in mehreren Podcasts von depressiven Phasen. Er habe Menschen in seinem Umfeld angeschnauzt, sei mies gelaunt gewesen und habe gleichzeitig „gelernt, Wichtiges im Leben zu erkennen“, wie er im Talk „Abteilung Basketball“ von Magentasport erzählte.

Basketballer Franz Wagner:Entwarnung beim 224-Millionen-Dollar-Mann
Schockmoment in der NBA: Franz Wagner wird vom deutschen Knicks-Center Ariel Hukporti unter dem Korb abgeräumt und verlässt New York an Krücken. Doch er wird nur einige Wochen ausfallen.
Wer sich freimacht vom reinen Fokus aufs Sporttreiben, für den relativieren sich viele Dinge. Wagner ist Weltmeister, er verdient enorme Summen in der nordamerikanischen Profiliga NBA (wenn auch nicht solche wie sein Bruder, von der für einen Fünfjahres-Vertrag eine Viertelmilliarde Dollar bekommt), so ein Band heilt schon irgendwann. Und tatsächlich ergab sich beim 128:118 von Orlando Magic gegen New Orleans dann jener Moment seiner Einwechslung, den er hinterher auf der Pressekonferenz so beschrieb: „Ich will nicht lügen – etwas kitschig war das schon.“ Wagner ist ein Bauchmensch, ein „glue guy“, wie sie in den USA sagen: einer, der mit seiner ansteckenden Art den Laden zusammenhält wie Klebstoff. Trotzdem versuche er, „die Emotionen so gut wie möglich auszublenden. Natürlich bedeutet mir das sehr viel“. Aber er sei „jetzt erleichtert, dass es vorbei ist. Und jetzt können wir einfach so tun, als wäre nichts gewesen.“
Acht Punkte erzielte er prompt, doppelt so viele gelangen seinem in München geborenen Kollegen Tristan da Silva, 24 – während Franz Wagner, 24, der dritte Deutsche im Team, noch zuschaute. Dessen verstauchter Knöchel bildet den zweiten Teil der Verletzungsgeschichte der Wagners. Sie fehlten zuletzt beide und wollten eigentlich gemeinsam zurückkehren, bevor es diese Woche zum NBA-Gastspiel nach Europa geht. Am Donnerstag (19.30 Uhr, Amazon Prime) steigt unter enormem Marketing-Getöse erstmals eine offizielle Ligapartie in Deutschland, da soll dann auch Franz Wagner zurückkehren. In Berlin, wo für die Brüder bei Alba alles angefangen hat (und dann in London, wo die NBA ihre englischsprachige Kundschaft erweitern will). Promo-Spektakel für die Expansionspläne der nordamerikanischen Liga? Homecoming-Kitsch? Das auch. Aber für die Wagners ist es natürlich kein alltägliches Spiel, das da in der Berliner Arena am Ostbahnhof gegen die Memphis Grizzlies stattfindet.
Franz Wagners Comeback könnte zur Punktlandung in Berlin werden
„Ich komme so schnell wie möglich zurück. Hoffentlich schon in Berlin“, beschrieb Franz Wagner seinen Genesungsprozess vor der Abreise der Magic Richtung Germany. Es dürfte eine Punktlandung werden, nachdem er zuletzt immerhin schon wieder mit gewisser Belastung hatte trainieren können. Ihn braucht Orlando nicht nur zu Marketingzwecken, sondern vor allem sportlich: als Gestalter, Antreiber und Räumeöffner. Ohne ihn verlor das Team jedes zweite Spiel, mit ihm soll die zweite Saisonhälfte endlich konstanter verlaufen. Und schließlich schicken die Verantwortlichen der NBA ja nicht grundlos Orlando Magic nach Berlin, das sich mit drei Deutschen im Kader zu einer Art Außenstelle des Welt- und Europameisterlandes entwickelt hat. „Egal, ob ich spiele oder nicht, es wird für Mo und mich ein ganz besonderer Moment sein“, sagte Franz Wagner, „wir sind als kleine Kinder in diese Halle gegangen und haben den Profis zugeschaut.“
Bis sie selbst welche wurden und über das College in Michigan ins Millionengeschäft der NBA einzogen. Mehr geschlossener Kreis geht kaum, wenn es diese Woche in der deutschen Hauptstadt für sie von Termin zu Termin geht, wenn beim Spiel Freunde und Familie auf der Tribüne dabei sein werden. Am Dienstag stehen erst mal ein Medienauftritt und ein Training an, Deutschlands Basketball-Bubble soll mit Content versorgt werden. Und falls die Wagners statt im Teamhotel wie so oft beim Heimaturlaub in ihren Kinderzimmern einchecken wollen, sind die Wege kurz: Trainingsstätte ist die Max-Schmeling-Halle, sie liegt in Prenzlauer Berg, wo sich auch ihr Elternhaus befindet. Stuff the Magic Dragon, der grüne Glücksbringer Orlandos, ist übrigens auch dabei.

