NBA-Sieger Milwaukee Bucks:Erfolgreich gegen die Superteams

Milwaukee Bucks: Giannis Antetokounmpo nach dem Sieg in den NBA Finals

Giannis Antetokounmpo hält die NBA-Meisterschaftstrophäe (l.) und die MVP-Trophäe, die Auszeichnung für den wertvollsten Spieler (r.) in den Armen.

(Foto: Paul Sancya/dpa)

Der Provinzklub aus Wisconsin holt den NBA-Titel, weil sich Spieler wie Giannis Antetokounmpo für einen neuen Weg entscheiden. Der Sieg ist auch eine Botschaft an die Liga.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es sagt ja immer auch ein bisschen was über einen Typen aus, was er im Moment des Triumphes tut; und vielleicht ist das, was Giannis Antetokounmpo nach dem Gewinn der Meisterschaft getan hat, alles, was man über ihn und die Milwaukee Bucks wissen muss. Die Leute in den ersten Reihen hatten nach dem Erfolg gegen die Phoenix Suns das Spielfeld gestürmt, also waren da ein paar Plätze frei. Antetokounmpo ging hinüber, und er setzte sich erst einmal hin. Durchschnaufen, reflektieren, sich umsehen, ein paar Tränen aus dem Gesicht wischen. Niemand, und das ist es, was man über die Leute in Milwaukee wissen muss, wäre auf die Idee gekommen, Antetokounmpo um eine Umarmung oder gar ein Selfie zu bitten. Er durfte da sitzen, einfach so, und er durfte seinen ersten Titel in der nordamerikanischen Basketballliga NBA für einen kurzen Augenblick alleine und für sich genießen.

"Die Leute auf der ganzen Welt, ob in Afrika oder Europa, brauchen Hoffnung, dass sie was schaffen können. Es ist möglich", sagte er später. Er sollte über seine 50 Punkte bei dieser letzten Partie der Finalserie reden und darüber, dass er nun der erste Akteur der NBA-Geschichte ist, der in seiner Karriere die Individual-Trophäen MIP (Spieler mit dem größten Entwicklungsschub, 2017), MVP (wertvollster Spieler einer Saison, 2019 und 2020), bester Verteidiger (2020) und MVP der Finalserie (2021) gewonnen hat. Doch die Antworten des Griechen schweifen oft ins Philosophische ab. Vor ein paar Tagen zum Beispiel hatte er gesagt: "Wer sagt: 'Ich habe das und das erreicht'; das ist Ego. Wer sagt: 'Ich werde das und das schaffen'; das ist Stolz. Ich versuche, in der Gegenwart zu bleiben, das führt zu Bescheidenheit."

Nun also sprach er über Hoffnung, und er musste für die Gegenwart dann doch die Vergangenheit bemühen: "Vor achteinhalb Jahren hatte ich keine Ahnung, wo die nächste Mahlzeit herkommen würde, meine Mutter verkaufte Zeug auf der Straße - und jetzt sitze ich hier, ganz oben."

Es hat bereits zahlreiche Geschichten über den Lebensweg von Antetokounmpo gegeben: geboren in Athen als Sohn nigerianischer Einwanderer. 18 Jahre lang ohne formelle Dokumente und damit staatenlos. Als Teenager unterwegs auf den Straßen der griechischen Hauptstadt, Uhren und Sonnenbrillen verticken, um den Eltern zu helfen. Erst mit 13, da werden amerikanische Talente längst aussortiert im gnadenlosen Jugendsportsystem in diesem Land, begann er mit Basketball. Mit 19 kam er in die NBA zu den Bucks. Bruder Thanasis spielt mittlerweile auch dort, Kostas war in der vergangenen Saison mit den Los Angeles Lakers als Ersatzspieler erfolgreich.

Die Bucks versanken nach ihrem Titel 1971 in immer mehr in der Bedeutungslosigkeit

Die Schlagzeile "Von den Straßen Athens zum NBA-Titel" macht sich freilich prima, aber vielleicht muss man diesen Titel aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Was sagt es über diese Liga aus, dass Giannis Antetokounmpo mit den Milwaukee Bucks gewonnen hat?

Es läuft ja gerade ein Film im Kino, der einem vor Augen führt, wie diese Saison den Vermarktern der NBA zufolge hätte laufen sollen. LeBron James gibt in "Space Jam: A New Legacy" den Bugs-Bunny-Partner, wie es Michael Jordan vor 25 Jahren getan hat. Das Werk kam während der Finalserie in die Kinos, bei der James mit den Los Angeles Lakers den Titel hätte verteidigen und seine popkulturelle Bedeutung mit Platz eins in den Filmcharts hätte festigen sollen. Die Lakers verloren in der ersten Runde, und der Film ist nicht nur schrecklich langweilig, sondern auch unerträglich unrealistisch - nicht wegen der Außerirdischen oder den Comicfiguren, sondern deshalb, weil James im wahren Leben zum Gegner gewechselt wäre, der sogenannten "Goon Squad", und ein Superteam geformt hätte.

So nämlich gewinnt man Titel in der NBA: Man erwechselt sie sich. Bei allem Respekt für James, der einer der besten Basketballspieler der Geschichte ist und im vergangenen Jahrzehnt unvorstellbare neun Mal die Finalserie erreicht und vier Titel gewonnen hat: Er wechselte 2010 zu Miami Heat, die Verkündung des Transfers wurde landesweit im TV gezeigt, er gewann mit den Superstars Dwayne Wade und Chris Bosh zwei Titel. Die Rückkehr nach Cleveland und der Titel 2016 wurden als Heimkehr vermarktet, doch hatten die Cavaliers mit Kevin Love und Kyrie Irving zwei Superstars für ihn. 2019 kam er zu den Lakers, die nach einer schrecklichen ersten Saison Anthony Davis holten und in der vergangenen Saison Meister wurden.

Es ist weder verboten noch moralisch verwerflich, seine Karriere so zu planen; auch als Verein: Die Golden State Warriors holten 2016 etwa Kevin Durant (zwei Titel), der nun bei den Brooklyn Nets mit Irving und James Harden das nächste Superteam zu bilden versucht, diesmal jedoch im Viertelfinale an den Bucks scheiterte. Es ist nun mal, wie es ist; aber man sollte wissen, wie es ist, weil es zu Antetokounmpo und den Bucks führt. Die hatten 1971 den Titel geholt, der Star damals: Kareem Abdul-Jabbar. Der ist heutzutage bekannt als Lakers-Legende, und das liegt daran, dass er 1975 einen Wechsel in eine US-Metropole verlangte. Die Bucks versanken danach immer mehr in der Bedeutungslosigkeit, weil im Karriereplan von NBA-Spielern kein Transfer in den US-Bundesstaat Wisconsin vorgesehen ist.

Die einzige Chance für einen Verein aus der Provinz auf einen Star: die jährliche Talentbörse. 2013 entschieden sich die Bucks für diesen Schlaks aus Griechenland, der damals 20 Kilo weniger wog als heute. Kris Middleton, heute der zweite Superstar neben Antetokounmpo, kam ebenfalls 2013, er hatte davor bei den unterklassigen Fort Wayne Mad Ants gespielt, den wilden Ameisen. Die zwei sind also nicht zueinander gewechselt, sondern als Profis sozusagen miteinander aufgewachsen und haben gemeinsam einiges durchgemacht: schlechteste Bilanz 2013/14, schlimme Niederlage im Halbfinale 2019 nach 2:0-Führung gegen den späteren Meister Toronto Raptors - und natürlich den 26. August 2020. Die Bucks weigerten sich, zum Playoff-Spiel anzutreten, weil kurz davor in Wisconsin der Afroamerikaner Jacob Blake von Polizisten niedergeschossen worden war. Die NBA sagte danach den Spieltag ab, und kurz darauf ruhte der komplette US-Sport für einen Tag.

Man kann einen wie Antetokounmpo holen, übrigens als 15. seines Jahrgangs, nach ein paar Jahren indes kann er den Verein wechseln. Bei einem, der sich so entwickelt wie er, gibt es meist Mega-Gedöns - Antetokounmpo jedoch verlängerte im Dezember 2020, und die Verkündung war ein Lächeln auf Instagram mit dem Satz: "Das ist meine Heimat, das ist meine Stadt." Dafür bekommt er natürlich auch was, nämlich 228 Millionen Dollar in fünf Jahren.

Antetokounmpo hält nicht viel von der Heldenverehrung im modernen Sport, zu der ja auch bitterböse Schmähungen gehören; er spricht immer wieder davon, sich von den beiden Blendern Triumph und Misserfolg nicht ablenken zu lassen. Und er hält nicht viel davon, sich einen Titel zu erwechseln. "Ich hätte zu einem Superteam wechseln können, aber das ist der leichte Weg", sagte er nun, und dann klopfte er auf den Tisch, damit es auch niemand verpasste, was er zu sagen hatte: "Das hier ist der harte Weg, ich wollte es genauso."

Es gibt nicht mehr so viele Spieler in der NBA, die den Titel gewinnen und ihre komplette Laufbahn für nur ein Team spielen; Kobe Bryant (Lakers) oder Dirk Nowitzki (Dallas Mavericks) zum Beispiel. Die Meisterschaften der anderen sind nicht weniger wert, ein Titel ist ein Titel, und dennoch ist das, was Nowitzki und nun Antetokounmpo erreicht haben, irgendwie anders. Besonders. Ein eigener Weg. Antetokounmpo stellte, als er nach dem Moment der Ruhe zur Feierei auf dem Spielfeld zurückkehrte, sogleich klar, dass er diesen Weg so weitergehen will. Er umarmte Trainer Mike Budenholzer und teilte ihm mit - und auch das sagt was über einen aus, wenn er das im Moment des Triumphes sagt: "Wir werden das noch einmal schaffen."

© SZ/schm/tbr/pps
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