NBA Endgame

Wurde zur tragischen Figur des Abends, als er 5,6 Sekunden vor Schluss mit der Chance zum Ausgleich nur einen von zwei Freiwürfen treffen konnte: Nikola Jokić von den Denver Nuggets bei seinem verfehlten ersten Versuch.

(Foto: Jaime Valdez/USA TODAY Sports)

Die dramatische Partie zwischen Portland und Denver steht stellvertretend für die äußerst unterhaltsamen Playoffs.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer verstehen möchte, was am Freitagabend in der nordamerikanischen Basketballliga NBA passiert ist, der möge bitte diesen Blick von Nikola Jokic am Ende der Partie zwischen den Portland Trail Blazers und den Denver Nuggets betrachten, während er sich zur Freiwurflinie bewegt: Er schlurft, taumelt, wankt sogar ein bisschen. So sehen Leute aus, die bei einem Ultraman Triathlon die Ziellinie überschreiten wollen oder soeben die Sahara durchquert haben. Jemandem, der so dreinblickt wie Jokic, sollte man auf keinen Fall einen Basketball geben - weil die einzig vernünftige Reaktion darauf wäre, diesen Ball als Kopfkissen zu verwenden und sich sogleich auf dem Parkett abzulegen.

Jokic, gesegnet mit einem 2,11 Meter hohen und 115 Kilogramm wuchtigen Körper, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits knapp 65 Minuten auf dem Parkett gestanden, beinahe das Doppelte seiner gewöhnlichen Einsatzzeit und so lange, dass die offizielle Statistikseite der NBA kurzzeitig ein paar Fehlermeldungen lieferte. 136:138 lagen die Nuggets 5,6 Sekunden vor dem Ende und vor den Freiwürfen von Jokic zurück, und natürlich missbrauchte Jokic den Ball nicht als Kissen. Er hätte beide Versuche in den Korb werfen müssen, um eventuell eine fünfte Verlängerung zu erzwingen. Er scheiterte jedoch bereits beim ersten Versuch, und der Blick von Jokic sah danach noch ein bisschen elendiger aus.

Ja, schon richtig gelesen: Es gab vier Verlängerungen bei diesem Spiel, und am Ende siegten die Trail Blazers mit 140:137 und führen in der Best of 7-Serie mit 2:1.

Die 3986. Playoff-Partie der NBA-Geschichte, erst die zweite mit vier Verlängerungen

"Ich bin nicht müde, genau dafür trainieren wir doch den ganzen Sommer über", sagte Portlands Aufbauspieler C.J. McCollum nach der Partie. Er sah dabei allerdings so aus, als hätte er gerade die Erde zwei Mal zu Fuß umrundet - er hatte 41 Punkte in 60 Minuten Spielzeit geschafft. Es war die 3986. Playoff-Partie der NBA-Geschichte, erst die zweite seit 1953, die nach vier Verlängerungen entschieden wurde, und sie steht stellvertretend für das Spektakel, das diese Ausscheidungsrunde der NBA gerade bietet.

In den vergangenen Jahren hatte die Frage zu diesem Zeitpunkt jeweils gelautet, mit wie wenigen Niederlagen die Golden State Warriors und die Cleveland Cavaliers wohl in die Finalserie einziehen würden, in diesem Jahr haben alle acht Viertelfinalisten eine realistische Chance auf die Finals.

Die Trail Blazers zum Beispiel werden angeführt von den Aufbauspielern McCollum und Damian Lillard, der entscheidende Wurf am Freitag indes gelang Rodney Hood - den Basketball-Fans noch Erinnerung dafür haben, dass er in der vergangenen Saison während der Playoffs als Akteur der Cleveland Cavaliers die Einwechslung verweigert hatte. Nun glich Hood eine Minute vor dem Ende der vierten Verlängerung aus, und dann brachte er seine Mannschaft mit einem Drei-Punkte-Wurf 18,6 Sekunden vor Schluss in Führung. "Das bedeutet mir sehr viel, das ist einer der schönsten Momente meiner Karriere", sagte Hood danach.

Guter Sport und perfekt vermarktete Dramen

Es sind diese kleinen Triumphe und Dramen, die die NBA derzeit so geschickt vermarktet wie keine andere Sportliga weltweit: Die heftigen Beschwerden von Kyrie Irving (Boston Celtics) nach der 116:123-Niederlage am Freitag gegen die Milwaukee Bucks darüber, dass Giannis Antetokuonmpo von den Schiedsrichtern begünstigt würde ("Das ist doch lächerlich") und dass der Gegner alleine deshalb in dieser Serie nun mit 2:1 führen würde. Der Ellenbogenschlag von Philadelphias Ben Simmons in die Kronjuwelen von Torontos Kyle Lowry, der vor der vierten Partie am Sonntag (die 76ers führen mit 2:1) mit einer Strafe von 20 000 Dollar geahndet wurde.

Und dann gibt es ja noch diese Serie zwischen den Golden State Warriors und den Houston Rockets, die zum vierten Mal in fünf Spielzeiten aufeinandertreffen und sich schon in der vergangenen Saison ein packendes Sieben-Spiele-Duell geliefert hatten. In den ersten beiden Spielen sah es so aus, als würden die Rockets zwar mithalten, jedoch nie wirklich nahekommen können - erst in der dritten Partie am Samstagabend nutzten die Rockets ihre Chance gegen bisweilen schlampige Kalifornier.

James Harden erzielte beim 126:121 nach Verlängerung insgesamt 41 Punkte und verwandelte 49 Sekunden vor dem Ende der Overtime den Dreier zur entscheidenden Sechs-Punkte-Führung. Damit verkürzte Houston in der Serie auf 1:2. Der Einsatz von Harden war lange fraglich, nachdem "The Beard" in Spiel zwei am Dienstag eine Augenverletzung erlitten hatte. Zwar waren noch deutlich Spuren eines Blutergusses im linken Auge sichtbar, das tat jedoch Hardens Leistung keinen Abbruch. Eine wichtige Rolle spielte auch Houstons Eric Gordon, der alleine in der ersten Spielhälfte 20 Punkte erzielte und am Ende auf 30 Punkte kam. Erfolgreichster Werfer der gesamten Partie war Warriors-Profi Kevin Durant mit 46 Punkten. Dagegen kam Steph Curry mit 17 Punkten nicht wie gewohnt zum Zuge und leistete sich ein paar kuriose Fehlversuche.

Die NBA-Playoffs liefern Spektakel, Dramen und wilde Kämpfe, die derzeit wohl nur von den Ereignissen im Marvel-Abenteuer Avengers: Endgame übertroffen werden - dabei haben die Viertelfinalserien gerade erst begonnen. Die entscheidenden Schlachten, die werden von diesem Wochenende an ausgetragen werden, und sie dürften weiterhin solch unvergessliche Bilder liefern wie dieses von Nikola Jokic, wie er am Freitagabend zur Freiwurflinie taumelt.