Der Besuch ist schon ein paar Jahre her, aber manche Erinnerung verblasst eben nicht. Als Hannes Steinbach ein kleiner Junge war, so erzählte er es neulich der SZ, hing hinter seinem Elternhaus in Würzburg ein Basketballkorb. Einer von der Sorte, wie sie tausendfach in deutschen Vorgärten angebracht sind, nur eben selten auf der korrekten Höhe von 3,05 Metern. Aber um ein paar Zentimeter ging es damals nicht, der Gast bei Familie Steinbach war lang genug, um bis an den Ring zu fassen. 2,13 Meter um genau zu sein. Sein Name: Dirk Nowitzki. Sein Status damals: einer der besten Basketballer der Welt – und gleichzeitig Freund der Familie Steinbach.
„Wir haben ein paar Mal Bälle auf den Korb im Hinterhof geworfen“, sagt Hannes Steinbach, 20, über den berühmten Trainingspartner im Rückblick, „als Kind hab’ ich das damals nicht so verstanden, den besten deutschen Basketballer im Hof zu haben.“ Als Bub ist man nicht wählerisch, wer als Spielkamerad vorbeischaut, da tut es auch mal ein seltsam groß gewachsener Bekannter des Vaters. Mit Burkhard Steinbach hatte Nowitzki in seiner einzigen Bundesliga-Spielzeit 1998/99 bei DJK Würzburg gespielt, ehe er für seine Weltkarriere in die US-Profiliga NBA übersiedelte. Jenen Glitzer-Betrieb, in den es jetzt auch Hannes Steinbach zieht, den Jungen von damals, der nun selbst 2,09 Meter misst – und der künftig bei den Charlotte Hornets seinen „Traum verwirklichen will“, wie er erzählt.
Im Draft, der jährlichen Talenteziehung der NBA, wählten die Hornets den Center an 14. Stelle aus – er soll nach einem Jahr an der University of Washington direkt seine Spielminuten bekommen, wenn die Liga im Herbst in die neue Saison geht. Dasselbe gilt für Christian Anderson, 20, einen weiteren Deutschen, den sich Charlotte vom College in Texas an Position 18 angelte. Und in Jack Kayil, 20, landete noch ein dritter deutscher Nachwuchsbasketballer in der NBA. Er hat es noch glamouröser erwischt, aber vermutlich auch schwieriger: als Rookie beim Champion, den New York Knicks, wo er nach dem Abschied des Stralsunders Ariel Hukporti (Wechsel nach Philadelphia) um Einsatzzeiten kämpfen wird.
Steinbach beschrieb es beim Draft als „sehr, sehr cool“, dass er und Anderson „vom gleichen Team gedraftet wurden, nachdem wir schon in allen Jugendteams zusammengespielt haben“. Recht erfolgreich übrigens, im vergangenen Jahr gewannen sie gemeinsam mit der deutschen U20 WM-Silber – besiegt im Finale nur von den Amerikanern. Es scheint im US-Basketball fast en vogue zu sein, auf Deutsche zu setzen, gerne auch gleich im Paket im selben Team.
Bald spielen neun Deutsche in der besten Basketballliga der Welt
Denn neben den Genannten verdienen etablierte Profis wie die Wagner-Brüder Moritz (er geht zu den Brooklyn Nets) und Franz, Tristan da Silva (beide Orlando Magic), Maxi Kleber (LA Lakers), Dennis Schröder (Cleveland Cavaliers) und Isaiah Hartenstein (Oklahoma City Thunder) in der NBA Millionengehälter. Ausdruck dessen, dass die Manager der US-Klubs wahrgenommen haben, was im Welt- und Europameisterland an Talenten nach oben schwappt. Kayil etwa entstammt der Jugendabteilung von Alba Berlin (wo er soeben mit den Profis deutscher Meister wurde). Steinbach genoss eine weitsichtige Ausbildung bei den Würzburg Baskets, zu der – das macht seinen Werdegang besonders – auch spezielle Kniffe aus dem Nowitzki-Lager zählten.

Im beschaulichen Würzburger Basketballkosmos besuchte Steinbach als Jugendlicher mehrfach Camps von Nowitzkis Mentor Holger Geschwindner. Fernab der Öffentlichkeit lud der mittlerweile 80-Jährige junge Basketballer mit Ambition zur Weiterbildung in eine Halle am Starnberger See. Dort gab es neben Training zu Saxofonklängen („Basketball ist Jazz“) viele unorthodoxe Trainingsinhalte, wie sich Steinbach erinnert: „Das Rudern war besonders anstrengend. Aber insgesamt hat mir das sehr geholfen, denn es war eine andere Art, Basketball zu denken.“ Wie man sich als langer Kerl auf dem Parkett richtig bewegt, wie man Würfe auf die perfekte Flugkurve justiert und warum Technik, Geisteshaltung und Gespür vielleicht entscheidender sind als stählerne Muckis – das predigt Geschwindner, in dem viele einen Basketball-Guru sehen, bis heute.
Das heißt nicht, dass Steinbach direkt der nächste NBA-Champion und Sympathieträger made in Würzburg wird, aber seine sportliche Entwicklung fußt auf einem ähnlichen Fundament wie bei Nowitzki: Charakterbildung, Demut, Wille zur tausendfachen Wiederholung und natürlich ein Quäntchen Talent. Den wichtigsten Tipp hat Steinbach ohnehin sein Vater gegeben, den Nowitzki bis heute gerne bei seinem Spitznamen nennt: der „Koloss von Moos“ (ein Teil der Gemeinde Geroldshausen bei Würzburg). „Alles ganz gelassen sehen, sich nicht verrückt machen lassen“, schildert Hannes Steinbach den Rat von Papa Burkhard. Nicht so leicht, wenn die Bühne plötzlich viel heller strahlt, wie in der Draftnacht.
Dort gratulierte der Nowitzki per schelmischer Videobotschaft: „Ich kenne dich seit deiner Geburt. Ich habe deinen Weg verfolgt und bin froh, dass du nicht die Athletik und die Hände deines Vaters geerbt hast.“ Dazu muss man wissen: Burkhard Steinbach war mit seinen 2,12 Metern als Basketballer eher einer für gröbere Praktiken – sein Sohn wirkt da schon filigraner. Manchmal sogar wie ein junger Nowitzki.


