Konnte das stimmen? Saß Ariel Hukporti in der Nacht auf Sonntag wirklich zum ersten Mal bei einer offiziellen Pressekonferenz nach einer NBA-Partie? Nach gesicherten Informationen von ihm selbst war das der Fall, als er in San Antonio das Geschehen auf dem Podium an sich riss. Auf dem Kopf die Meister-Kappe seiner New York Knicks und bester Laune rief dieser 2,13-Meter-Kerl Richtung Reporter: „Irgendwelche Fragen?“ Und tatsächlich, die gab es: „Echt an mich? Ich hab’ das noch nie erlebt!“
Sonst stehen bei den Knicks andere im Mittelpunkt, aber diesmal waren auch Antworten von Hukporti erwünscht, dem 24-jährigen Basketballer, geboren in Stralsund als Kind togolesischer Eltern. Klassiker: Wie es sich anfühle, jetzt im Himmel zu sein als einer, der von weit weg nach Amerika gekommen ist? „Es bedeutet mir so viel. Deshalb bin ich am Ende auch emotional geworden“, sprudelte er los. Er war nach der Schlusssirene wie ein taumelnder Koloss übers Parkett gewankt, überwältigt vom Moment. Und jetzt? „Bestes Gefühl der Welt, dass wir es geschafft haben.“
Meister in der Überfliegerliga, als dritter Deutscher nach Dirk Nowitzki 2011 und Isaiah Hartenstein 2025. Als erster, der auch das Land Togo repräsentiert. Dieser Erfolg wird Hukportis Leben nun verändern, auch wenn sein Triumph als Ersatzspieler bei Weitem nicht die sportliche Relevanz hat wie beim einst weltbesten Spieler Nowitzki. Oder bei Hartenstein, der im Vergleich zu Hukporti bei den Oklahoma City Thunder wesentlicher Baustein im Spielsystem ist. Hukporti ist das nicht. Er ist derjenige, der ein paar Minuten bekommt, wenn bei den Knicks Stamm-Center Karl-Anthony Towns wegen zu vieler Fouls auf die Bank muss. Oder es seinen Stellvertreter Mitchell Robinson irgendwo zwickt.
Um keinen Illusionen aufzusitzen: Hukportis Beitrag zur ersten New Yorker Meisterschaft seit 53 Jahren ist überschaubar, die meiste Zeit seines zweiten NBA-Jahres verbrachte er als zehnter, elfter Mann im Kader, der die Kollegen von der Bank anfeuert. Knapp zehn Minuten Spielzeit verbuchte der Deutsche durchschnittlich während der regulären Saison, in den Playoffs waren es knapp acht – in den Finals gegen die San Antonio Spurs reichte es gerade mal zu zwei Kurzeinsätzen. Einer davon blieb in Erinnerung, weil im Grunde das ganze Spiel eines fürs Geschichtenerzählen in Großvaters Ohrensessel war. Beim 107:106 in Spiel vier, in dem die Knicks mit dem größten Comeback der Finalgeschichte einen 29-Punkte-Rückstand umbogen, bot sich Hukporti die Gelegenheit, den außerirdisch langen Victor Wembanyama (2,24 Meter) zu verteidigen.
Und das klappte dank seines Timings auch ohne herausragende Statistiken. Ein bisschen Stören und Schieben, den Körper reinstellen, mit seinen riesigen Händen zupacken, das ist Hukportis Spiel. Weil die Kollegen damit Probleme hatten, habe man „halt Ariel aufs Feld geschickt“, freute sich Knicks-Trainer Mike Brown, „seine Minuten waren unglaublich!“ So hat sich der Ersatz-Center seit seiner eher zufälligen Ankunft im Big Apple 2024 als Kurzarbeiter in den Kader gearbeitet. Als einer, der selbstlos seinen Job erledigt, dessen Effizienz sich erst auf den zweiten Blick erschließt, der einen Weg mit vielen Biegungen gegangen ist.
Hukporti spielte in Litauen und Australien, in die NBA kam er eher zufällig, nachdem ihn sehr viele Teams ignorierten
Von Stralsund ging es nach der Geburt Richtung Köln, dann nach München, über Freiburg (wo er Basketball entdeckte) schließlich in die Bundesliga nach Ludwigsburg. Nach einer Station in Litauen führte ihn die Karriere drei Jahre nach Australien in eine der besten Ligen außerhalb der USA. Und von dort schließlich in die hinteren Reihen des NBA-Drafts, wo ihn vor zwei Jahren „29 Mannschaften ignorierten“ – nur die Knicks nicht, die ihn direkt per Trade von den Dallas Mavericks holten, wie er am Wochenende der Bild erzählte: „Sie haben mir die Chance gegeben, NBA-Spieler zu werden“, erinnerte er sich. „Als die Chance kam, habe ich sie genutzt. Und jetzt sind wir gemeinsam die Nummer 1.“
Es ist also eine coole Geschichte über Umwege und Glücksfälle, von einem Basketballer, der laut Selbstauskunft – Achtung Klischee – schon als Kind Knickerbockers-Fan gewesen sei. Und der Beweis, dass Deutschland neuerdings fast Jahr für Jahr Champions in den USA produziert. Siehe neben Hartenstein auch den WNBA-Titel der Nationalspielerinnen Leonie Fiebich und Nyara Sabally im Jahr 2024 – ebenfalls mit einem Team aus New York.
Der nächste könnte eines Tages der Würzburger Hannes Steinbach sein, der im Draft kommende Woche seinen Weg in die NBA sucht. Auch er freute sich im Gespräch mit der SZ zuletzt über den Erfolg von Hukporti, den er zwar nicht persönlich kennt, aber doch verfolgt: „Sehr cool für den deutschen Basketball, dass er nach Nowitzki und Hartenstein nun der dritte“ mit solchen Meriten sei, fand Steinbach, „das zeigt, wo es bei uns hingeht. Die Leute unterschätzen immer noch, was im deutschen Basketball steckt“.
Der firmiert bekanntermaßen als Welt- und Europameister und es ist nicht auszuschließen, dass sich Steinbach und Hukporti demnächst im Nationalteam begegnen. Der 20-jährige Steinbach steht bereits in Kontakt mit Bundestrainer Álex Mumbrú, er könnte schon in diesem Sommer im A-Team debütieren – und NBA-Gewinner Hukporti hat seine Ambitionen ebenfalls untermauert: „Ich würde schon für Deutschland spielen, so ist es nicht“, erklärte er bei den New Yorker Feierlichkeiten. Er warte auf den Anruf.


