Andreas Obst, der Mann mit Europas lockerstem Wurfhändchen, sagte diese Woche einen interessanten Satz. Natürlich träume jeder ambitionierte Profi davon, es mal in die US-Basketballliga NBA zu schaffen, aber für ihn sei das nun mit 29 Jahren nichts mehr. Obst, überall gefragt als Distanzschütze, verlängerte lieber seinen Vertrag beim FC Bayern, wo er die Möglichkeiten und den Wettbewerb schätzt. „Was ich hier habe, ist viel größer, als jetzt ein bisschen zu zocken“, fand der Welt- und Europameister. Zocken oder wahrhaftig Basketball spielen, da muss man sich eben entscheiden, so der Subtext – und Obst wählte Europa.
Eine Basketballwelt, die sich gravierend unterscheidet, von jener, in der der Amerikaner Bam Adebayo in der vergangenen Nacht 83 Punkte erzielte. In einem einzigen Spiel seiner Miami Heat gegen die Washington Wizards.

NBA-Profi Anthony Edwards:Ein "Monsterdunk", der keiner ist
Einer der spektakulärsten US-Basketballer springt über seinen Gegner und wuchtet den Ball in den Korb. Klare Sache: "Dunk des Jahres", finden viele. Aber so eindeutig ist die Sache nicht.
Damit übertraf der Center sogar jene 81 Zähler von Kobe Bryant gegen die Toronto Raptors aus dem Jahr 2006 und liegt in der ewigen Bestenliste der Scoring-Maschinen nun als Zweitbester hinter Wilt Chamberlain (100 Punkte für die Philadelphia Warriors im Jahr 1962). Eine historisch relevante Ausbeute also für den Einzelkämpfer Adebayo, 28, der noch am Hallenmikrofon den Wunsch äußerte, „das alles am liebsten noch mal erleben zu dürfen“. Allein im ersten Viertel gelangen dem 116-Kilo-Muskelberg 31 Punkte, er traf die meisten Freiwürfe (36 von 43), die jemals ein Spieler in einer Partie verwandelte, und hatte am Ende 20 Treffer aus dem Feld bei 43 Versuchen.
Anerkennung war ihm dafür gewiss, zumindest von seinen Teamkameraden, die ihm über weite Strecken unentwegt den Ball zupassten und hinterher artig applaudierten. Sein Trainer Erik Spoelstra, der ihn partout nicht auswechseln wollte, berichtete von einem „absolut surrealen Abend“. Adebayo selbst schossen Tränen in die Augen, als er nach getanem Tagwerk seine Mutter in die Arme schloss, die seinem Auftritt in der Halle beiwohnte. Die ganz große Show eben, hallo Markenkern der NBA! Wobei Kritiker einwenden dürften, was das alles noch mit Basketball zu tun hat. Zur Erinnerung: In dieser Sportart aus Rhythmuswechseln, Zusammenspiel und Ballfertigkeit tritt nicht etwa einer allein gegen fünf andere an, sondern es gilt Fünf-gegen-fünf (oder Drei-gegen-drei in der Streetball-Variante 3x3). Wer unter Puristen den Aleinikow gibt, macht sich mitunter unbeliebt, egal ob auf dem Freiplatz oder im Mannschaftstraining.

Bei Adebayo setzten die Heat gegen Washington insbesondere in der zweiten Halbzeit all das außer Kraft. Im Grunde verwandelten sie ein Basketballspiel in eine Clownsnummer. Mit zunehmender Spieldauer ging es nur noch um seinen persönlichen Rekord: Groteske 86 Mal durfte Adebayo insgesamt auf den Korb werfen, seine Trefferquote war abgesehen von den Freiwürfen nicht mal herausragend. Warum die Gegner aus Washington die bizarre Punkteschinderei nicht verhinderten? Es war ihnen schlichtweg egal.
Die Wizards sind als eines der schlechtesten Teams der Liga seit Saisonbeginn nur daran interessiert, möglichst viele Spiele zu verlieren. Wer in der Tabelle ganz hinten landet, steigert seine Chancen bei der Talenteziehung im Draft im Sommer. „Tanking“ nennt sich diese kaum mehr verschleierte Taktik des Abschenkens, an der sich in der NBA derzeit viele Debatten entspinnen. Und die Washington Wizards waren an diesem Abend wirklich zauberhaft gut darin, Adebayo machen zu lassen. Ob das seine Leistung schmälert? Das ist eine Frage, über die sich Zocker und Teamplayer trefflich streiten können.

