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Sport und Menschenrechte:Denkpause für Despoten und Unrechtsregimes

Olympische Ringe in der Strassen von Tokio. Olympic Monument at 2020 Tokyo Olympic Stadium am 18.03.2020. Ein dunkler S; Olympia, Ringe, Schatten

Die Olympischen Ringe stehen auch für die Werte des Sports.

(Foto: imago images/Sven Simon)

In Weißrussland terrorisiert der Autokrat Lukaschenko die Opposition. Iran verhängt ein Todesurteil gegen den Ringer Navid Afkari. Wenn fromme Werte wirklich eine Rolle spielen für das IOC, muss es handeln.

Kommentar von Thomas Kistner

Es ist wieder so weit. Das Internationale Olympische Komitee soll sein Gewicht als globale moralische Instanz in die Waagschale werfen und jenen Werten Geltung verschaffen, aus denen es seinen milliardenschweren Markenkern schmiedet: Es soll, gestützt auf enorme Sanktionsmöglichkeiten, die politisch motivierte Hinrichtung eines Sportlers verhindern, es soll einen Despoten von der Spitze seines Sportverbandes verbannen, und es soll sich mit der Forderung befassen, die Vergabe der Winterspiele 2022 an Peking rückgängig zu machen. Muss das IOC all das tun? Ja - sofern die frommen Werte tatsächlich irgendeine Rolle spielen im Business mit den fünf Ringen.

Aber sie spielen keine, das ist wieder zu sehen. Obwohl Thomas Bach, Boss des Ringe-Konzerns, jetzt "überaus besorgt" ist. Und zwar wegen Navid Afkari. Der iranische Ringer wurde zum Tode verurteilt, laut heimischer Justiz soll er bei einer Demonstration 2018 einen Sicherheitsbeamten getötet haben. Sein Geständnis sei durch Folter erzwungen worden, wenden Familie, Sportler und Menschenrechtler ein. Auch der Verein Athleten Deutschland ruft zur Solidarität mit Afkari auf. Und das IOC? Es hat Bach zufolge brav die Sportverbände in Iran kontaktiert. Thomas Bach glaubt, die würden ihr "Äußerstes" tun, um eine Lösung zu finden - benennt aber auch gleich ein kleines Stolpersteinchen: Das IOC respektiere Souveränität und Justizsystem eines souveränen Landes.

Dabei geht es gar nicht um Eingriffe in ein Justizsystem. Sondern darum, dass das IOC bei klaren Menschenrechtsdelikten seine Instrumente auspackt: Es könnte die Sport-Armada eines Unrechtsregimes mal eine Zeit lang zuschauen lassen, wenn die übrige Welt um Medaillen ringt. Nicht schön für Betroffene, aber förderlich für interne Umdenk-Prozesse. Eine Denkpause empfiehlt sich auch für den Sportskameraden Alexander Lukaschenko, dessen Terror gegen die belarussische Opposition gerade die Welt in Atem hält. Der Autokrat in Minsk befehligt auch das Nationale Olympiakomitee, ist also Mitglied der ehrenwerten olympischen Familie - und darf es gewiss bleiben. Solange er in der unterdrückten Heimat nicht die Kontrolle verliert.

Ins Gesamtbild fügt sich da der Offene Brief ein, den nun 165 (!) Menschenrechtsgruppen an Bach richten. Winterspiele 2022 in Peking setzten ein absurdes Zeichen eingedenk der "verheerenden Menschenrechtsbilanz" in China. Zumal ja schon die Sommerspiele 2008 nicht zur Öffnung, sondern zu noch mehr Aggression und Nationalismus geführt haben.

Träumt weiter, Freunde! Menschenrechte sind im IOC nur ein Thema, wenn es um die eigenen Ziele geht. Denkbar also, dass in Peking wieder ein gesamtkoreanisches Team zusammengerührt wird. Damit das Nobelpreiskomitee endlich mal diesen verflixten Preis rausrückt. Für Olympia und Weltfrieden und so.

© SZ vom 11.09.2020
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