Süddeutsche Zeitung

Spaniens historischer Triumph:"Eine Nacht, die man selten erlebt"

Plötzlich geht der spanische Spielplan perfekt auf: Das außergewöhnliche 6:0 gegen das DFB-Team weckt im pandemiegeplagten Spanien große Hoffnung - sogar ein EM-Sieg scheint wieder möglich zu sein.

Von Javier Cáceres

Die Synthese des Spiels vom Dienstag lieferte Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique, noch ehe er zur Pressekonferenz im Estadio de La Cartuja erschienen war. In einem Video, das der spanische Verband RFEF gegen Mitternacht veröffentlichte, sah man, wie er im Kabinentrakt dem Kapitän Sergio Ramos entgegenlief und ihn umarmte, wie man das früher tat. "Qué partidazo ...", lautete der abgebrochene Satz, den Luis Enrique ausstieß, was ein Spiel. "Joer. Joer ...", stammelte Ramos lächelnd zurück - "Verdammt. Verdammt ...!" -, ehe er dem Nächsten in den Arm fiel. "Qué alegría, macho", welch eine Freude, Kerl.

Sechs Tore gegen einen früheren Weltmeister - das hat es, so unglaublich dies klingen mag, schon einmal gegeben. Während die Deutschen im Almanach bis zu den Zeiten Hindenburgs und Brünings zurückblätterten, um eine vergleichbare Schmach zu finden - die Spanier kamen nur bis März 2018, als sie den zweimaligen Weltmeister Argentinien mit 6:1 besiegten. Und dennoch: Dieser Sieg fühlte sich anders an, auch weil Argentinien damals ohne Lionel Messi antrat. "Deutschland hat mit Ausnahme von Kimmich (verletzt) seine beste Elf aufgeboten", referierte Luis Enrique, und dennoch vollbrachte seine Mannschaft eine Leistung, die sich nicht so schnell vergessen lassen wird: "Wir haben Deutschland minimisiert." Im Wortsinne.

Sogar zwei Kopfballtore nach Ecken hatte es ja in der ersten Halbzeit gegeben, wofür es in Spanien ebenfalls historische Vorbilder gab: bei Siegen gegen San Marino und Malta. Beim Reporter des spanischen Fernsehens ging der Gaul derart durch, dass er die letzte, in faschistoiden Kreisen tief verankerte Depesche vom letzten Tag des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) paraphrasierte. Die deutsche Mannschaft erklärte er nach dem vierten Tor für "gefangen und entwaffnet" - wie weiland die Truppen der Republikaner am Vorabend einer fast 40 Jahre währenden, faschistischen Diktatur.

"Eine Nacht, die man selten erlebt"

Der Sieg kam in Höhe und Vollkommenheit gänzlich unerwartet. Und er glättete Wogen. Nach dem 1:1 in der Schweiz vom Wochenende schien Luis Enrique auf bestem Wege zu sein, allein auf weiter Flur zu stehen. Unter anderem wurde ihm um die Ohren gehauen, dass er die falschen Leute aufgestellt und ohne Not auf einen echten Stürmer wie Álvaro Morata verzichtet hatte. Was stimmte. Seit Monaten lamentiert Spaniens Presse in crescendo, dass es dem Nationalteam an Toren gebricht - was statistisch belegbar war -, nun gab es allein deshalb nur sechs Treffer, weil ein Tor aberkannt, nicht alle Großchancen verwertet wurde und Manuel Neuer im deutschen Tor Dinge machte, "die eines Neuers würdig waren", wie die Zeitung Diario de Sevilla am Mittwoch verzückt schrieb.

Spanien hat nun in den sechs Nations-League-Spielen dreizehn Treffer erzielt, zählte Luis Enrique auf, nach einer "Nacht, die man selten erlebt, weil alles, was du geplant hattest, perfekt aufgeht. Wenn du Qualität und die richtige Einstellung hast, passieren solche Dinge." Und dennoch, einer wollte nur noch weg: Stürmer Morata.

"Ich habe große Lust, nach Hause zu fahren, um zu sehen, was die Leute jetzt sagen", erklärte der Stürmer von Juventus Turin - und lieferte die einzige Stellungnahme, die darauf deutete, wie gereizt das Klima am Vorabend der Partie noch gewesen war. "Ich habe immer gesagt, dass ich optimistisch bin, und das war keine Pose", sagte Luis Enrique, der über Nacht zum Superspreader der Zuversicht eines Landes, das pandemiegeplagt ist wie kaum ein Zweites in Westeuropa - und am Vorabend des Spiels beschämt zu Boden blickte, weil der spanische Erdbeobachtungssatellit Ingenio acht Minuten nach dem Start von der Flugbahn abgekommen war.

"Die EM kann beginnen", tönt eine Zeitung

Nun wirkt es, als hätten die Spanier genau dort, am Boden, die weltbesten Ingenieure - obwohl sie noch immer Lichtjahre entfernt sind von jener Generation um Xavi und Iniesta, die 2008, 2010 und 2012 zwei Europameister- und einen Weltmeistertitel aneinanderreihten.

Und dennoch: Der unzerstörbare Respekt vor dem Siegel "Made in Germany" verlieh dem Sieg einen besonderen Glanz. "Deutschland ist ohne jede Frage noch immer eine der besten Mannschaft Europas und der Welt", sagte Trainer Luis Enrique. Möglicherweise habe sich bemerkbar gemacht, dass Löw mit Toni Kroos gegenüber Samstag nur eine frische Kraft brachte. "Wir hatten unsere Zweifel, ob sie das Risiko eingehen würden, mit Kroos, Gündogan und Goretzka zu spielen", verriet der spanische Coach; dann aber begab es sich, dass sie auch "die drei entscheidendsten Spieler ihrer offensiven Phase" ins Feld schickten: Serge Gnabry, Leroy Sané und Timo Werner. Er selbst hingegen rotierte sechs Spieler ins Team. "Ich habe keine fixe Elf", sagte Luis Enrique, er habe vielmehr "23, 24, 25 Spieler, die ohne Ausnahme in einer Startelf stehen können", das könne in Turnieren noch von großer Bedeutung sei.

In der Tat: Eine der vielen Fußnoten dieser Partie besagt, dass Spanien ohne das Mittelfeld antrat, das Luis Enrique gefunden zu haben schien: Busquets und Thiago fehlten, Fabián und Mikel Merino wurden eingewechselt. Aber: Es funktionierte die Idee, die Luis Enrique entwickelt hatte. Der fabulöse Pep-Guardiola-Schüler Ferrán Torres (Manchester City) erzielte nicht nur einen Hattrick - und war mit Sturmpartner Morata, dem wieder erstarkten Koke (Atlético Madrid), Rodri (City) und Leipzigs Dani Olmo einer der Architekten eines unwirklich vorbildlichen Pressings.

"Wir haben sie dazu gezwungen, lange Bälle zu spielen, was sie nicht mögen, und waren selbst in der Erarbeitung sehr präzise." Was das heißt? "Die EM kann beginnen", tönte die Zeitung As am Mittwoch.

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