Süddeutsche Zeitung

Nations League:Wettbewerb der genervten Topteams

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"Unwichtig" und "seltsam": Die Nations-League-Spieltage in der Sommerpause stehen in der Kritik. Nicht nur bei den deutschen Spielen sieht der dargebotene Fußball nach Schadensbegrenzung aus.

Kommentar von Christof Kneer

Der bislang größte Erfolg in der Trainerkarriere von Hansi Flick war, dass er es in seiner ersten Saison beim FC Bayern geschafft hatte, den Ausnahmezustand zum Alltag zu machen. Bis zum finalen Champions-League-Sieg haben die Bayern damals gespielt, als sei das alles ein einziges großes Turnier. Über Monate wurde kaum ein Spannungsabfall gemessen, nicht mal gegen Augsburg oder Paderborn, kein Gegner war Flicks Bayern zu klein. Immer liefen sie enthusiastisch vorne an, und wenn einem Spieler mal ein Fehler unterlief, wirkte es fast so, als hätte er ihn mit Absicht gemacht - damit ein Mitspieler heransausen darf, um diesen Fehler begeistert auszubügeln.

Ein Leistungsklima herzustellen, in dem sich alle Spieler gefördert und gefordert fühlen, gilt als die hervorragendste Qualität von Hansi Flick. Und nun stand dieser Trainer also in Budapest am Spielfeldrand und sah zu, wie seinen Nationalspielern Fehler unterliefen, die niemand ausbügelte. Was er nicht sah, war jene "Intensität", die er immer fordert und die man nicht messen, nur fühlen kann.

Es ist müßig darüber zu diskutieren, ob Flick und seine Spieler gerade an ihre Qualitätsgrenzen stoßen. Im Moment ist es eher eine Geschmacks- oder Gesinnungsfrage, ob man Flicks Elf an den angedeuteten Höhen aus dem England-Spiel oder lieber den angetäuschten Tiefen aus der Folgepartie in Ungarn misst. Fakt ist allerdings, dass die Mannschaft an der Belastungsgrenze angekommen ist, und dass die müden Spielerköpfe nicht so leicht zu überlisten sind.

Natürlich merken diese Köpfe, dass ein Trainingslager kein WM-Trainingslager sein kann, wenn das Turnier erst sechs Monate später beginnt. Und selbst wenn die Köpfe es sich einzureden versuchen, gelingt es ihnen nicht, die Nations League für einen weltbewegenden Anlass zu halten, nur weil ein Verband das per Federstrich mal so beschlossen hat. "Unwichtig" sei die Nations League "nach einer langen und harten Saison", das hat der belgische Topspieler De Bruyne gerade gesagt; "seltsam" findet der niederländische Topspieler van Dijk das Format und verweist auf die hohe Verletzungsgefahr.

Trotz aller Ausreden berechtigt das 1:1 in Ungarn zu einigen Bedenken

Auch ein Blick in die Tabellen dieses Wettbewerbs zeigt, dass die Deutschen nicht allein sind mit ihrem 1:1-Fußball, bei dem nach der Ballannahme zu viele Blicke nach hinten statt nach vorne gehen. Die Franzosen und Engländer sind Letzter in ihren Gruppen, die Deutschen und die Kroaten sind Dritter (also Vorletzter), und auch den Spielverläufen lässt sich entnehmen, wie sehr sich die Favoriten im Grenzbereich bewegen. Die DFB-Elf hat in Italien und Ungarn zweimal ein Tor kassiert - und jeweils drei Minuten später das 1:1 geschafft. Spanier, Franzosen und Niederländer haben dreimal in den Schlussminuten ausgeglichen. Auch die müden Engländer haben sich nach dem Rückstand gegen die DFB-Elf noch mal einen Ruck gegeben, der umgehend mit einem Tor belohnt wurde.

In Summe wirkt das, als würden genervte Spitzenteams trotzigen Schadensbegrenzungsfußball spielen. Bevor sie verlieren und daheim die Sirenen losgehen, wuchten sie sich mit einem letzten Energieschub ins Ziel. Dieses gemeinsame Muster mag die DFB-Elf für Auftritte wie in Ungarn entlasten, und dennoch berechtigt dieses vierte 1:1 in Serie zu einigen Bedenken. Die Deutschen haben zum Beispiel keinen Spieler wie den Franzosen Kylian Mbappé, der nach Einwechslung mal eben das Spiel verändert (wie soeben wieder beim 1:1 in Österreich). Auch wirkt die DFB-Elf an zu vielen Stellen noch undefiniert; und die pragmatische Wettbewerbshärte des Trainers Flick blieb in Budapest ebenfalls völlig ohne Wirkung.

Ein Spiel noch, gegen Italien, dann ist Urlaub. Und wenn die Nations League im September weitergeht, ist die WM im November schon so nahe, dass sich die Körperspannung von selbst ergibt.

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