Als sich die Tür vom schwarzen Kleinbus öffnete, stieg Ann-Katrin Berger mit einem freundlichen Gruß aus: „Hallo! Bin auch mal wieder da!“ Und Deutschlands Fußballerinnen schienen ihre Torhüterin, die nach einem ausgefallenen Flug aus den USA erst am Mittwoch eintraf, sehnsüchtig zu erwarten. Berger konnte sich im Teamhotel vor Umarmungen kaum retten.
Die 35-Jährige hatte danach nicht viel Zeit, um sich auf einen Höhepunkt zum Jahresabschluss vorzubereiten: Für die DFB-Frauen steht das Finale der Nations League gegen Spanien an – mit dem Hinspiel am Freitag (20.30 Uhr/ZDF) in Kaiserslautern und dem Rückspiel am Dienstag (18.30 Uhr/ARD) in Madrid. Es geht darum, den ersten Titel seit Olympia 2016 zu gewinnen und die Lernfortschritte seit der EM nachzuweisen. Jetzt voraussichtlich auch wieder mit der Hauptdarstellerin des vergangenen Sommers in der Schweiz, auch wenn Bundestrainer Christian Wück Bergers Einsatz am Donnerstag offen ließ: „Sie ist definitiv einsatzfähig. Aber wir müssen noch abwarten. Sie hat bisher nicht einmal mit der Mannschaft trainiert“, sagte Wück vor dem Abschlusstraining im Fritz-Walter-Stadion: „Die Reise war strapaziös. Sie war mehrfach am Flughafen, bevor der Flug ausgefallen ist. Das müssen wir erstmal überprüfen und morgen früh entscheiden.“
Zur Erinnerung: Im Halbfinale gegen Spanien hatte die bis dahin als unüberwindbar geltende Berger ein einziges Mal nicht aufgepasst und sich von Weltfußballerin Aitana Bonmatí in der Verlängerung bei einem Schuss ins kurze Eck überraschen lassen. Sie stellte sich danach im Letzigrund von Zürich vor jede Kamera und jedes Mikrofon, um klarzumachen: „Ich nehme die Schuld auf mich, die kurze Ecke muss zu sein, ganz klar. Da kann ich noch so viele Paraden machen. Es tut mir unfassbar leid, nicht für mich, sondern für die Mannschaft.“ Nun bietet sich ihr wohl eine Gelegenheit zur Wiedergutmachung.
In der Zwischenzeit hat Deutschlands zweimalige Fußballerin des Jahres ein Buch herausgebracht. Titel: „Das Spiel meines Lebens: Wie ich den Krebs besiegte und Deutschlands beste Torhüterin wurde“. Damit ist vieles gut zusammengefasst. Zweimal hat Berger den Schilddrüsenkrebs besiegt und sich mit einer Mischung aus Beharrlichkeit und Veranlagung zur bewunderten Figur entwickelt. Ihre ikonische Parade im EM-Viertelfinale gegen Frankreich ist ein Stück deutscher Fußballgeschichte geworden. „Ihr linker Arm, ausgefahren in eine andere Dimension. Wie eine exquisite Zeitmaschine deutscher Ingenieurskunst“, schrieb damals die New York Times. Erst kürzlich sagte Berger in einem FAZ-Interview: „Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich bis heute: Wie hast du das eigentlich gemacht?“
„Sie ist ein Vorbild für uns alle – und für den Frauenfußball. Und sie gibt uns im Spiel eine enorme Sicherheit.“
In der National Women’s Super League (NWSL) hat Berger für Gotham FC allerdings schon wieder eine ähnliche Rettungstat vollbracht, die ihren Klub zum überraschenden US-Champion machte. Im Halbfinale gegen Orlando Pride fischte Berger wieder einen Unhaltbaren heraus, auch im Finale gegen Washington Spirit blieb sie ohne Gegentor. Bei der Siegerehrung in San José zeigten die Teamkolleginnen immer wieder auf Berger.
„Ich habe im Spiel vor nichts und niemandem Angst – das wissen alle“, sagt sie über sich selbst. Oder: „Es bringt nichts, als Torhüterin hektisch zu sein. Das sind die zehn Spielerinnen vor mir ja schon oft. Wenn ich dann noch hinten drinstehe und zu viele Emotionen reinstecke, dann ist das nicht gesund für das Mannschaftsklima.“
Beinahe grotesk wirkt es, dass ihre DFB-Karriere bald beendet sein könnte. Trainer Wück wollte zwar auf Bergers Fähigkeiten in den Endspielen nicht verzichten („Von ihrer Erfahrung profitiert die ganze Mannschaft“) und betont intern, dass sie immer noch mit Abstand die beste Torhüterin sei. Wück hat aber Gespräche mit offenem Ausgang angekündigt: „Es ist wichtig zu hören, wie sie sich fühlt, und ihr mitzuteilen, wie wir planen.“ Berger, die bisher 27 Mal im deutschen Tor stand, hat noch nicht entschieden, ob sie weitermacht. Das wird auch davon abhängen, ob ihr glaubhaft vermittelt wird, in Zukunft gebraucht zu werden. Auch der ständige Reisestress mit Jetlags fließt in ihre Überlegungen ein.

Die anderen DFB-Torhüterinnen – Stina Johannes (VfL Wolfsburg), 25, Ena Mahmutovic (FC Bayern), 21, und vor ihrer schweren Knieverletzung auch Sophia Winkler (Eintracht Frankfurt), 22 – vereinen Talent und Ehrgeiz, aber an Bergers Format und Aura reicht (noch) keine heran. Einerseits. Andererseits ist die Zeitspanne bis zur WM 2027 in Brasilien noch lang, 2026 wird der erste turnierfreie Sommer seit vier Jahren sein. Mit der im Februar beginnenden WM-Qualifikation gegen Slowenien, Österreich und Norwegen könnte in Ruhe eine Nummer eins der Zukunft aufgebaut werden. Vielleicht sogar mit Blick in Richtung der EM 2029, von der sich der DFB wünscht, dass sie nach Deutschland vergeben wird.
Für jede Entscheidung gibt es gute Argumente. Sicher wird Torwarttrainer Michael Fuchs, der bereits mit Weltklasse-Torhüterinnen wie Silke Rottenberg und Nadine Angerer zusammengearbeitet hat, ein gehöriges Wort mitreden. Der Franke hatte anfangs zu Berger keinen persönlichen Draht, aber auch hier ist mit Verspätung etwas gewachsen. Es musste allerdings erst Horst Hrubesch ein zweites Mal als Interimscoach übernehmen, um vor den Olympischen Spielen 2024 den Torwartwechsel vorzunehmen. Merle Frohms trat danach pikiert und frustriert zurück. Bergers Instinkte insbesondere bei Elfmetern retteten bereits die Bronzemedaille in Paris.
Auffällig war dieser Tage, wie sehr die Spielerinnen sich nach ihrem gewohnten Rückhalt gesehnt haben, obwohl Johannes in den umkämpften Halbfinals gegen Frankreich (1:0, 2:2) durchaus überzeugt hat. „Stina hat in den letzten beiden Spielen eine starke Leistung gezeigt“, sagte die bei Manchester City spielende Verteidigerin Rebecca Knaak, „aber natürlich freuen wir uns sehr, dass Anne wieder dabei ist.“ Für Franziska Kett vom FC Bayern ist Berger „ein Vorbild für uns alle – und für den Frauenfußball. Sie gibt uns im Spiel eine enorme Sicherheit. Für uns Abwehrspielerinnen ist sie eine Bank hinten. Wir können uns immer auf sie verlassen“. Was gegen Spanien noch zu beweisen wäre.

