Nations League Ein Abend zum Gruseln

Unschöner Samstag für die DFB-Elf: 0:3 in Amsterdam

(Foto: dpa)
  • Die deutsche Nationalmannschaft kann gegen die Niederlande am Ende gar nichts mehr ausrichten und verliert deutlich mit 0:3.
  • Die Probleme des Teams liegen nicht nur im (einstweilen torlosen) Angriff, sondern auch in der defensiven Ordnung und im Spielaufbau.
  • Hier geht es zum Spieplan der Nations League.
Von Philipp Selldorf, Amsterdam

Am Ende wurde es das, was man beim DFB auf gar keinen Fall haben wollte: ein Debakel für die deutsche Nationalelf und ihren Bundestrainer. Keine knappe Niederlage, in der halt dieses eine Tor gefehlt hatte, sondern ein 0:3, das einigermaßen angemessen den Zusammenbruch von Jogi Löws Mannschaft abbildete. Gegen Ende der Nations-League-Begegnung mit den Niederlanden in Amsterdam war Deutschland gänzlich ungefährlich, und das ist der Eindruck, um den jetzt wohl die Debatten bis zum Treffen mit Frankreich am Dienstagabend in Paris kreisen werden. Zwar hatten die Deutschen bis zum späten 0:2 alle Anstrengungen unternommen, um zum Ausgleich zu kommen. Aber sie haben den Gegnern mit ihren Sturmläufen schon deutlich mehr Furcht bereitet als dieser aufstrebenden Elftal.

Die Sache entwickelte sich anfangs nicht schlecht für die Deutschen. Sie ließen den Ball laufen und fanden Lücken für ihre Offensivkräfte. Timo Werner hatte die erste Chance, als er den Ball gefühlvoll am Torwart vorbeilegte, aber ebenso gefühlvoll das Ziel verfehlte. Wenig später machte es Müller auf die umgekehrte Art: Den Pass von Toni Kroos lenkte er direkt aufs Tor um - doch dann flog Jasper Cillessen heran. In diesem fand auch Mark Uth seinen Meister, als er einen Konter mit einem Fernschuss abschloss, statt - was wohl die bessere Idee gewesen wäre - Werner einzusetzen.

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Mats Hummels erwartet viel Kritik. Manuel Neuer klagt über die mangelhafte Torausbeute. Joachim Löw erkennt fehlendes Selbstvertrauen. Reaktionen zum 0:3 der DFB-Elf gegen die Niederlande.

Joshua Kimmich kämpft, scheint sich aber zu verlaufen

Uth? Dieser hatte in der vergangenen Woche schon sehr gestaunt, als er die Einladung von Jogi Löw zur Länderspielrunde empfing, aber er dürfte nicht weniger gestaunt haben, als ihn der Bundestrainer nun auch gleich in die Startelf beförderte. Uth, der 100. Debütant in der seit 2006 währenden Ära Löw, war für einen Neuling bemerkenswert schnell drin im Spiel, was umso mehr Respekt verdiente, da er als klar definierter Mittelstürmer an vorderster Front zu tun hatte, und dies im Angesicht einer holländischen Abwehrreihe, deren zentrale Stützen Matthijs de Ligt und Virgil van Dijk nicht ohne Grund hoch gehandelt werden.

"Das ist eine Frage der fehlenden Chancenverwertung", sagte Mats Hummels nach dem Spiel. Man habe ein Spiel verloren, "das wir eigentlich gewinnen müssen". Er habe "tausend Situationen" gesehen, die zum Tor hätten führen müssen. Doch die Probleme der deutschen Mannschaft lagen nicht nur im (einstweilen torlosen) Angriff, "das war's natürlich nicht alleine", sagte auch Löw. Die Probleme lagen auch in der defensiven Ordnung und im Spielaufbau. Für letzteren schien sich Joshua Kimmich immer wieder allein zuständig zu fühlen. Während sich sein Nebenmann, der Rückkehrer Emre Can, wie Uth unvermittelt in die erste Elf gelangt, häufig im Verborgenen aufhielt, artete Kimmichs Eifer gelegentlich in einen ehrenwerten, aber gefährlichen Übereifer aus. Kimmich kämpfte nicht wie ein Löwe, sondern wie ein ganzes Löwenrudel, aber seine Gegenwart im Zentrum ist immer noch gewöhnungsbedürftig. Manchmal denkt man, er hätte sich verlaufen, und hin und wieder scheint es ihm selbst so zu gehen. Das sind dann die Momente, in denen er seinen Posten sucht oder das Timing für Abspiele oder Alleingänge verliert.

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Aber wenn es um verpasstes Timing geht, dann führt an der deutschen Kernverteidigung erst recht kein Weg vorbei. Jérôme Boateng hatte in Amsterdam einen Tag erwischt, bei dem seine Vorgesetzten in München das Gruseln kriegen konnten. Auch Mats Hummels und Manuel Neuer machten nicht den Anschein, als seien sie im Nationaltrikot von der Bayern-Krise genesen. Hummels und Neuer sowie Jonas Hector waren dann auch die Akteure, die im Mittelpunkt standen, als Holland in Führung ging (30.). Während Neuer ein Rauskommen andeutete, dann aber davon abließ, schafften es die vereinten Hector und Hummels nicht, Ryan Babel am Kopfball zu hindern. Den von der Latte abprallenden Ball beförderte van Dijk ins Tor.

Mit Draxler und Sané für Can und Müller wird Deutschland besser

Es kam die Phase, in der nicht nur das Bayern-Trio in der Abwehrmitte, sondern die ganze deutsche Mannschaft alt aussah. Lediglich eine präzise berechnete Rutscheinlage von Matthias Ginter bewahrte das DFB-Team vor dem 0:2 (34.), wieder war Babel schon zur Stelle.

Die zweite Halbzeit würde Löws Elf besser spielen müssen, um dieses physisch starke und an den neuralgischen Stellen schnell handelnde holländische Team zu besiegen, so viel stand fest. Doch es dauerte bis zum Doppelwechsel in der 61. Minute, bis die Hausherren den Druck der Deutschen ernsthaft spürten. Julian Draxler und Leroy Sané ersetzten Can und Müller - endlich, dürfte mancher Zuschauer gemeint haben. Mit Sané kam sofort Tempo und Torgefahr ins Spiel, auch Draxler bemühte sich effektiv ums Auffallen. In der 65. Minute bereitete sich die deutsche Trainerbank schon auf den Torjubel vor, doch Sané, von Kimmich perfekt freigespielt, schoss am riesengroßen Tor vorbei. Die Deutschen waren jetzt überlegen, das schon, aber sie gingen gegen eine massiv verteidigende Elftal zunehmend kopflos vor. Und es kam, was kommen musste.

Ein Konter nach dem anderen rollte Richtung Neuer, und nachdem Wijnaldum eine erstklassige Chance noch ausgelassen hatte, machte es Depay in der 87. Minute besser und erzielte das spielentscheidende 2:0, dem Wijnaldum gegen eine komplett zerbrochene deutsche Deckung in der Nachspielzeit noch das 3:0 folgen ließ.

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