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Nationalspieler:Götzes Aufstieg zum Weltstar ist vertagt

Bayern München - Hamburger SV

Wohin führt der Weg von Mario Götze?

(Foto: dpa)

Trotzig will Mario Götze seinen Vertrag beim FC Bayern erfüllen - vielleicht, weil ihm der Sinn für die Realitäten des Fußball-Geschäfts abhanden gekommen ist.

Kommentar von Freddie Röckenhaus

Würde man einen Arbeitsrechtler bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fragen, man würde vermutlich zu hören bekommen, dass der Berufsfußballer Mario Götze beim FC Bayern München doch einen gültigen Arbeitsvertrag bis 30. Juni 2017 habe. Also sei es nur sein gutes Recht, diesen Vertrag bis zum letzten Tag erfüllen zu wollen. Wenn sie bei Verdi Humor hätten, würden sie vielleicht noch anfügen: Was erlauben Rummenigge?

Nun hat man aber noch nie gehört, dass bei Verdi jemand Mitglied wäre, der geschätzte zwölf Millionen Euro im Jahr verdient, mehr als das Dreißigfache des Gehalts der Bundeskanzlerin. Im Profifußball hat sich deshalb ein ungeschriebenes Recht eingebürgert, mit dem sie bei Verdi sicher nichts anfangen können, weil man als normaler Angestellter halt nicht gegen Ablösesummen den Arbeitsplatz wechselt - und nach drei Arbeitsjahren auch nicht fürs Leben ausgesorgt hat. Paragraf 1 des ungeschriebenen Profifußball-Rechts lautet: Ein Jahr vor Vertragsende wird verlängert - oder man geht freiwillig, selbst wenn es nicht ganz so freiwillig geschieht.

WM-Held Mario Götze, dem 2014 als Einwechselspieler im Finale in Rio ein Treffer für die Ewigkeit gelang, hat dieser Tage gegen ein Gesetz der Klugheit verstoßen. Und damit den sonst eher diskreten Karl-Heinz Rummenigge offenbar provoziert. Nur notdürftig verklausuliert hat der Bayern-Chef Götze deshalb nun öffentlich bestätigt, dass Bayern ihn per sofort loswerden möchte, gegen eine hohe Ablösesumme. Götze wusste, wie der Klub die Dinge sieht und hat trotzdem Anfang der Woche keck verkündet, dass er unter dem neuen Trainer Carlo Ancelotti noch einmal angreifen wolle.

Götzes Stuhl wurde vor die Tür gesetzt

Selten hat sich ein prominenter und so begabter Spieler so öffentlich den Stuhl vor die Tür setzen lassen. Auch sein langjähriger Berater Volker Struth war an der Beratungs-Resistenz seines Klienten zuletzt verzweifelt; obwohl ein Klient wie Götze wie eine Gans ist, die goldene Eier legt, hat der Berater von sich aus aufgegeben, wie man hört. Jetzt soll ein Anwalt zusammen mit Götzes Vater, einem Professor für Elektrotechnik, die Geschäfte lenken. Fragt sich nur, ob Mario Götze sich auch lenken lässt.

Wäre er 30 und nicht 23 Jahre alt, wäre er ein mittelmäßiger Profi mit geringen Optionen, man könnte den taktischen Zug verstehen, einen auslaufenden Vertrag erfüllen zu wollen. Götze verdient in dem einen Jahr bis 2017 mehr als die meisten seiner Zuschauer im gesamten Berufsleben. Nur: Götze hätte sofort zu seinem Heimatverein Borussia Dortmund wechseln können - oder nach Liverpool, zum Klub seines Förderers Jürgen Klopp. Ohne allzu große finanzielle Verluste - und im Fall des BVB sogar zu einem der Top-Ten-Klubs in Europa, mit einer fast sicheren Einsatzchance.

Götze gibt stattdessen den naiven Trotzkopf, den aus dem Paradies Verstoßenen, der nicht wahrhaben will, dass sein Aufstieg zum Weltstar vertagt ist. Kein Topklub aus der Kategorie FC Bayern will im Moment den "deutschen Messi", zu dem sie ihn 2014 hochgejubelt haben. Wer es bisher noch nicht mitbekommen hatte, der ahnt es spätestens jetzt: Götze ist in München durchgefallen. Die Präambel des Leistungssports hat wenig mit Arbeitsrecht zu tun; sie lautet, dass man mit Niederlagen und Rückschlägen leben lernen muss. Der FC Bayern hat zudem durchaus die Macht, einem renitenten Profi zum Saisonbeginn den Trainingsplan der U23-Reserve hinzulegen.

"Super-Mario" hat so viel Talent mitbekommen, dass er es auch anderswo dem FC Bayern zeigen könnte. Im Moment aber scheint ihm der Sinn für die Realitäten des Fußball-Geschäfts abhanden gekommen zu sein. Das ist ein ganz schön großer Rucksack für die EM in Frankreich, bei der er glaubt, dem Rest der Welt auf einen Schlag beweisen zu können, dass Pep Guardiola, der derzeit höchst gehandelte Trainer der Welt, ihn drei Jahre lang nur verkannt hat. Sich vorher noch so öffentlich demütigen zu lassen, das hätte er sich allerdings ersparen können.

© SZ vom 27.05.2016/ebc
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