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Nationalmannschaft:Wie der DFB beim Problem Aserbaidschan wegschaut

German Football Association designated president Grindel presents independent report on 2006 World Cup in Frankfurt

DFB-Präsident Reinhard Grindel sagt wenig zum Thema Aserbaidschan.

(Foto: REUTERS)
  • Vor dem DFB-Länderspiel (Sonntag, 18 Uhr) ist die Menschenrechtslage in Aserbaidschan nach wie vor miserabel.
  • Immer mehr Sportevents finden in dem Land statt.
  • Vom DFB gibt es nur knappe Antworten.

Ein äußerst schickes Stadion haben sich die Herrscher von Aserbaidschan vor Kurzem in Baku bauen lassen. Platz für fast 70 000 Zuschauer, Baukosten von geschätzt einer halben Milliarde Euro, es glänzt und glitzert, wie so viele der neuen Bauten in der Kapitale. Doch wenn die deutsche Nationalelf am Sonntag ihr WM-Qualifikationsspiel in Baku bestreitet, sieht sie die funkelnde Spielstätte nur aus der Ferne. Dort laufen schon die Vorbereitungen für die "Islamischen Spiele der Solidarität", eine Art Mini-Olympia für die islamisch geprägten Länder der Welt. Und deswegen ist das Spiel verlegt worden ins alte Tofiq-Bachramow-Stadion - benannt nach dem Linienrichter des WM-Finales von 1966, der damals beim Schuss von Geoff Hurst ein Tor erkannte und der noch immer als berühmtester Protagonist Aserbaidschans in der Fußball-Geschichte gelten darf.

Rein sportlich dürfte das Spiel der deutschen Mannschaft nur wenig Außergewöhnliches bescheren. Die Aserbaidschaner schlagen sich unter ihrem Trainer Robert Prosinecki in der Qualifikation zwar recht ordentlich, und die Qualität ist auch etwas angestiegen seit den bisher letzten deutsch-aserbaidschanischen Aufeinandertreffen in den Jahren 2010 und 2011, als den Gegner noch ein gewisser Berti Vogts trainierte. Teammanager Oliver Bierhoff gab auch die Warnung ab, Aserbaidschan sei "kein Selbstläufer mehr". Aber wirklich heftiger Widerstand ist nicht zu erwarten von einer Mannschaft, in der Kapitän Raschad Sadigow von Qarabag Agdam als wichtigster Spieler gilt und die beiden Bundesliga-Profis Dimitrij Nasarow (Erzgebirge Aue) sowie Renat Dadaschow (Eintracht Frankfurt) zum Einsatz kommen könnten.

Die Zahl der inhaftierten Menschenrechtler und Journalisten ist immens

Abseits des bloßen Sports jedoch ist dieses Spiel durchaus ungewöhnlich. Denn es führt die DFB-Elf in ein Land mit einer katastrophalen Menschenrechtslage. In der Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenzen landet Aserbaidschan wegen seiner mangelnden Presse- und Meinungsfreiheit so weit hinten wie kein anderes Land, das an der EM-Qualifikation teilnimmt - noch hinter Weißrussland, dessen Herrscher Alexander Lukascheko vor nicht allzu langer Zeit im Westen den Titel "Europas letzter Diktator" verliehen bekam. Die Zahl der inhaftierten Menschenrechtler und Journalisten ist immens, unabhängige Medien existieren quasi nicht mehr beziehungsweise agieren nur noch aus dem Exil heraus. Und wer die Entwicklung verfolgt, der kann nur zu dem Schluss kommen, dass sich die Zustände in den vergangenen Jahren noch weiter verschlimmert haben.

Der DFB ignoriert das aber weitgehend. Erst kürzlich hatte dessen Präsident Reinhard Grindel mit Blick auf die WM 2018 in Russland angemerkt, dass dort auch Themen wie Menschen- und Freiheitsrechte vorzubringen seien. Das klang gut, doch das WM-Turnier ist erst in eineinhalb Jahren, das Spiel in Aserbaidschan ist konkret jetzt - und da kommt vom Verband und seinem Präsidenten nahezu nichts. Wer sich erkundigt, ob und wie Grindel die Menschenrechtslage in Aserbaidschan kommentiert oder ob die Delegation des Verbandes das Thema Menschenrechte in ihren Besuch einbettet, erhält nur eine knappe Antwort: einen Verweis auf eine kürzlich getätigte Aussage von Außenminister Sigmar Gabriel, dass Deutschland die Bemühungen Aserbaidschans um die demokratische Entwicklung auch weiterhin unterstützen werde.

Dabei spielt für die autoritäre Herrscherclique des Präsidenten Ilham Alijew gerade der Sport eine zentrale Rolle, so stark wie in keiner anderen früheren Sowjetrepublik außer Russland. 2015 war Baku Premieren-Veranstalter der Europa-Spiele. Im vergangenen Jahr gastierte dort erstmals die Formel 1, der Vertrag läuft gleich über eine ganze Dekade. Im Rahmen der europaweit stattfindenden EM 2020 ist Baku Gastgeber von drei Gruppen- sowie einem Viertelfinalspiel. Und auch der Wunsch nach der Austragung von Olympischen Spielen blitzt immer mal wieder hervor.

Aber längst reicht die Einflussnahme auch über die Landesgrenzen hinaus. Vor einigen Jahren stieg Aserbaidschan beim spanischen Top-Klub Atlético Madrid als Trikotsponsor ein. Bei der EM 2016 in Frankreich war der staatseigene Energiekonzern Socar, dessen Chef Rownag Abdullajew passenderweise auch als Präsident des nationalen Fußballverbandes firmiert, erstmals als Sponsor bei einem großen internationalen Turnier vertreten.

Die Islamspiele werden 100 Millionen Dollar kosten

Auch die Islamspiele, die nun das neue Stadion blockieren, sind in diesem Kontext zu sehen. Das ist zwar ein sportlich eher unbedeutendes Treffen, aber der Regierung scheint es wichtig zu sein. Mehr als 3000 Athleten aus knapp 50 Ländern kommen Mitte Mai, auf 100 Millionen Dollar wird das Budget beziffert. Der offenkundige Plan: Wegen der Entwicklung des Ölpreises ist das rohstoffreiche Land in eine schwierige wirtschaftliche Lage geraten und will das nun etwa durch mehr arabische Touristen auffangen. Die Kritiker hingegen weisen ob der ökonomischen Situation darauf hin, dass es doch sinnvollere Ausgaben gebe als die vielen Millionen für den Sport, für Islamische Spiele, Stadien und das Privileg, Spiele der EM 2020 auszutragen.

© SZ vom 25.03.2017/ebc
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