Süddeutsche Zeitung

Nationalmannschaft und der FC Bayern:Im Sanatorium

Die deutsche Nationalmannschaft hat den Charakter eines familiären Sportvereins. So gibt Bundestrainer Löw etwas von dem zurück, was ihm Louis van Gaal zur WM mitgegeben hatte. Die Bayern-Spieler bekommen im Nationalteam neues Selbstvertrauen.

P. Selldorf

Fotos aus der Kabine sind eigentlich tabu, die Kabine ist das Wohnzimmer der Mannschaft und somit Privatsphäre, aber in diesem Fall hat der Bundestrainer eine Ausnahme gemacht und dem Wunsch des Kanzleramtes entsprochen. Er hat das Foto zur Veröffentlichung freigegeben, das die Bundeskanzlerin beim Händeschütteln mit dem halbnackten Mesut Özil zeigt, "das ist ja unter dem politischen Aspekt der Integration fast ein historisches Dokument", heißt es beim DFB. Es gibt auch noch ein Bild, das Angela Merkel beim Händeschütteln mit dem halbnackten Manuel Neuer zeigt, und das außerdem beweist, dass die Nationalspieler noch nicht hatten aufräumen können, als Angela Merkel und ihr Sprecher Steffen Seibert sowie der Bundespräsident Christian Wulff und seine 16-jährige Tochter Annalena zum Gratulationsbesuch erschienen. In der Kabine herrschte wirklich wüste Unordnung.

Das bessere Dokument wäre allerdings das Foto gewesen, das die Begegnung zwischen Merkel und Tim Wiese nach dem Spiel bezeugt. Es ist ja eine noch größere Integrationsleistung des Nationalteams, den rheinländischen Torwart von Werder Bremen harmonisch eingereiht zu haben. Özil ist längst unentbehrlich, Wiese hat dagegen schon lange die schwierigste Rolle im Klub, er ist als Ersatzmann zur Untätigkeit verdammt. Die WM brachte ihm Frust, wie er bekannte, er langweilte sich und absolvierte Extra-Training, "um die Zeit totzuschlagen". Aber er kommt trotzdem gern wieder. Und er ist trotzdem keinem mit seiner Laune auf die Nerven gegangen, er wird für seine ehrliche, unverfälschte Art geschätzt, und er hat viele Freunde im Team: Khedira etwa, Özil und Marin.

Jetzt scheint Tim Wiese wohl doch noch eine tragende Rolle gefunden zu haben, und zu seinem Freundeskreis zählt inzwischen auch die Bundeskanzlerin. Als sie am Freitagabend mit ihren Gratulationen ans Team begann, setzte lautes Gejohle ein. "Wiese, Wiese", riefen die Nationalspieler, wie sie es damals in Kapstadt bereits getan hatten, als Angela Merkel nach dem 4:0 gegen Argentinien in der Kabine erschien. In Berlin unterbrach sie nun ihre Rede. "Ja, wo ist denn der Wiese?", sagte sie, und prompt tauchte der Ersatztorwart aus einem Nebenzimmer auf, in dem er sich hatte massieren lassen, um Angela Merkels Ansprache fortzusetzen. Er beglückwünschte die Mannschaft im Namen der Reservisten und dankte der Regierungschefin für ihre Glückwünsche. Augenzeugen sagen, es sei eine denkwürdige Szene gewesen.

Das deutsche Nationalteam ist zwar naturgemäß eine Ansammlung von Berufsfußballern und Multimillionären, aber es hat auch den Charakter eines familiären Sportvereins. Diese während der langen WM-Reise verfestigte Qualität gibt unter anderem die Antwort auf die Frage, warum all die Spieler, die in der Bundesliga ihre Probleme wälzen, zum Spiel gegen die Türken pünktlich in Form kamen und zwar nicht glanzvoll, aber effektiv und entschlossen einen großen Schritt zum nächsten Turnier unternahmen. Allen voran die mit Sorge empfangene Bayern-Fraktion.

Ball fällt auf Kloses "Helm"

Die Münchner Chefs Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge werden es vermutlich mit gemischten Gefühlen beobachtet haben, wie ihre Leute das deutsche Spiel steuerten und wie zielsicher Philipp Lahm, Thomas Müller und der Schütze Miroslav Klose das 1:0 fabrizierten. Klose empfand den Gegensatz zwischen Verein und Nationalelf ebenfalls als merkwürdig: "Hier habe ich den Lauf, den ich bei den Bayern ein bisschen vermisse", stellte er ratlos fest.

In München wäre der Ball bestimmt vom Pfosten ins Aus gesprungen, meint er, "hier fällt er mir direkt auf den Helm" - und zur Führung ins Netz. Auch Müller hält die Szene für "symptomatisch: Bei Bayern springt der Ball an den Pfosten, dann raus, hier springt er an den Pfosten und dann zu Miro". Dem Bundestrainer erscheint die Sache weniger mysteriös. Wegen der kurzen Vorbereitung nach dem WM-Turnier könne man den Spielern "nicht permanent Hochform" abverlangen. Doch für ein so hoch gehandeltes Länderspiel gelten eben andere Bedingungen, "dann können sie sich auf den Punkt konzentrieren".

Louis van Gaal wird solche Wahrheiten vielleicht nicht gern hören, aber vielleicht gibt ihm Joachim Löw gerade etwas zurück von dem, was ihm der Münchner Kollege zur WM mitgegeben hatte. In Südafrika profitierte Löw davon, dass van Gaal Müller entdeckte und Bastian Schweinsteiger das Spiel im defensiven Mittelfeld lernen ließ.

Diesmal - ein Erfolg in Kasachstan vorausgesetzt - könnte van Gaal der Beschenkte sein. Seine Spieler werden voraussichtlich mit frischem Selbstbewusstsein zurückkehren, nicht nur Klose, Lahm und Müller, sondern auch Holger Badstuber, der sein bestes Länderspiel bestritt, und Toni Kroos, der sich auf ungewohntem Posten bestens bewährte. Das Sanatorium Nationalelf macht es möglich.

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Quelle:
SZ vom 11.10.2010/segi
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