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Deutsche Nationalmannschaft:Löws Neujahrsbotschaft im März

Bundestrainer Jogi Löw beim Spiel Eintracht Frankfurt gegen Bayern München

Neuerdings wieder häufiger in Fußballstadien zu sehen: Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Dürfen Müller, Boateng und Hummels auf ein DFB-Comeback hoffen? Der Bundestrainer äußert sich in zwei Interviews verbindlicher als bislang - und verschafft sich etwas Zeit.

Kommentar von Philipp Selldorf

Nachdem im Jahr 1994 das Bundesverfassungsgericht den sogenannten Cannabis-Beschluss getroffen hatte, erschien die Titelseite der liberalen Boulevardzeitung Express mit der nahezu seitengroßen Schlagzeile: "Alle dürfen Haschisch rauchen!" Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung hingegen stellte nach dem Urteil fest: "Besitz und Vertrieb von Cannabis bleiben strafbar".

Ähnlich verhält es sich jetzt mit dem Verständnis der Aussagen des Bundestrainers zur Frage der Reaktivierung von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller. Die einen entnehmen Jogi Löws wegweisenden Antworten in zwei Interviews die Botschaft, dass er das vor zwei Jahren in den Ruhestand verabschiedete Trio auch zum nächsten Länderspieltreffen im März nicht einladen wird. Die anderen hingegen interpretieren die Äußerungen des Bundestrainers als sensationelles Wendebekenntnis und sehen Hummels, Boateng und Müller bereits ins Aufgebot für die Europameisterschaft im Juni einrücken.

Auch höchstrichterliche Grundsatzbeschlüsse können also mehrere Wahrheiten enthalten. In dem ersten Fall hatten beide Zeitungsorgane auf ihre Weise recht: Das Gericht differenziert zwischen geringfügigem Gebrauch (muss nicht verfolgt werden) und gewerbsmäßigem Umgang (strafbar). Löw handhabt seine Sache vergleichbar: Der Zugang von Hummels, Boateng und Müller zum EM-Aufgebot ist im Sinne des öffentlichen Interesses prinzipiell zulässig, stellt jedoch mit Rücksicht auf die Entwicklung eines neuen, jüngeren Nationalteams nicht die gewünschte Lösung dar. Es könne "besondere Umstände geben, die mit Blick auf ein Turnier eine Unterbrechung des Umbruchs rechtfertigen", formulierte es der Bundestrainer und klang dabei, als trüge er die rote Robe des Rechtsgelehrten.

Löw stellt den "bestmöglichen Erfolg" in den Mittelpunkt

So fein er die Worte auch gewogen hat: Es lässt sich daraus geradewegs schlussfolgern, dass im Sommer der eine oder andere Weltmeister reaktiviert werden könnte. Bis Mai will sich Löw darüber im Klaren sein. "Dann stünden Sie als Umfaller da", gab der Kicker im Zwiegespräch mit dem Coach zu bedenken. "Das ist mir egal", erteilte Löw die passende Antwort. Er hätte allerdings auch darauf hinweisen können, dass er schon früher ein Comeback der alten Helden nicht kategorisch ausgeschlossen hatte. Neu ist lediglich, dass er sich jetzt, da das Turnier in Sichtweite kommt, deutlicher und verbindlicher ausdrückt: Löw stellt den "bestmöglichen Erfolg" in den Mittelpunkt der Unternehmung ("Nur darum geht es bei der EM"). Das Projekt Entwicklung müsse dafür in den Hintergrund treten.

Mit seiner im März verabreichten Neujahrsbotschaft hat sich der Bundestrainer ein bisschen Zeit verschafft. Niemand braucht ihn jetzt zu fragen, warum bei den nächsten Länderspielen keiner der alten Herren dabei ist. Bis Mai kann sich Löw in Ruhe überlegen, ob er sie als Eingreiftruppe hinzuzieht.

© SZ/chge
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