Regelmäßige Einsätze im Verein gelten als Voraussetzung für eine Berufung in die U21-Nationalmannschaft, Spielpraxis gilt als Schlüsselqualifikation. Tore in der Champions League wurden bislang zwar nicht abgefragt, aber sogar damit kann der erst 17 Jahre alte Münchner Flügelstürmer Lennart Karl schon punkten. Er ist seit seinem Treffer zum 1:0 beim 4:0 gegen Brügge der jüngste deutsche Torschütze in Europas Bestenliga, auch in der Bundesliga hat er bereits sehenswert getroffen.
Dass er diese Meriten als Ensemblemitglied beim tadellosen Tabellenführer FC Bayern erworben hat, hat dem U21-Trainer Antonio Di Salvo die Entscheidung leicht gemacht, den noch für die U17 (derzeit WM in Katar) einsatzberechtigten Karl erstmals in die älteste Nachwuchs-Nationalmannschaft zu berufen. Falls er eingesetzt wird an diesem Freitag im EM-Qualifikationsspiel in Fürth gegen Malta (18 Uhr, live in Sat 1), wäre Karl mit 17 Jahren, acht Monaten und 22 Tagen der fünftjüngste Spieler, der je in der deutschen U21 gespielt hat. Der jüngste war Youssoufa Moukoko (16 Jahre, neun Monate, 13 Tage), der zweitjüngste Florian Wirtz (17 Jahre, fünf Monate, sechs Tage).

DFB-Kader mit Saïd El Mala:Nagelsmanns Aktion Gamechanger
Der Bundestrainer überrascht auch mit dem letzten Aufgebot des Jahres wieder. Der Kölner Saïd El Mala ist neu dabei, Leroy Sané kehrt zurück – und genauso unerwartet fehlen ein paar WM-Kandidaten.
Bei Karl könnte man sich sogar fragen, warum er „nur“ für die U21 nominiert worden ist, wo er doch direkt den Sprung ins A-Team hätte schaffen können. Karl ist mit dem von Bundestrainer Julian Nagelsmann erstmals nominierten Kölner Saïd El Mala, 19, auf einem Level, beide teilen sich in der Bundesliga den Titel des Shootingstars. Nagelsmann aber hat sich für den Linksaußen El Mala statt für den Rechtsaußen Karl entschieden. El Mala ist eineinhalb Jahre älter, hat mit 385 Spielminuten in bislang zehn Einsätzen minimal mehr Erstliga-Erfahrung als Karl (227 Minuten) und ist mit vier Treffern und zwei Vorlagen etwas effektiver.
Nagelsmann gibt Karl einen konkreten Arbeitsauftrag mit
„Saïd und Lennart verkörpern Profile, die wir nicht allzu viel haben“, sagt Nagelsmann über die Emporkömmlinge: „Wir haben über den linken und den rechten Flügel nicht allzu viele klassische Außenstürmer, die sich da wohlfühlen und mit dem Ball am Fuß nach innen gehen.“ Das mache Karl bei Bayern bereits sehr gut, „auch wenn er natürlich noch nicht allzu viel Spielzeit hat“. Für Karl, der im Mai noch für die U17 bei der EM gespielt hat, kommt schon die U21-Berufung früh, ein Einsatz in der A-Elf hätte gar historische Dimensionen gehabt. Dann nämlich wäre Karl jünger gewesen als Spieler wie Uwe Seeler, Jamal Musiala, Florian Wirtz oder Mario Götze bei ihren Debüts.
„Er hat noch nicht mal ein U21-Länderspiel“, sagt Nagelsmann über Karl, „er soll sich erst mal dort beweisen.“ Der Bundestrainer gibt dem Bayern-Talent direkt einen konkreten Arbeitsauftrag mit in die beiden U21-EM-Qualifikationsspiele am Freitag gegen Malta und am Dienstag in Georgien: „Ich erwarte, dass er Toni Di Salvo zusammen mit seinen Mitspielern zwei Siege beschert, er kann auch da die prägende Rolle spielen, die ein Spieler von Bayern München beanspruchen kann – und dann auch erfüllen muss.“
Für Di Salvo ist es keine ganz einfache Zeit, denn sieben Monate vor der A-Weltmeisterschaft in Nordamerika wirft Nagelsmann ein scharfes Auge auf Di Salvos U21-Spieler. Er hat in dieser Woche nicht nur El Mala hochgezogen, sondern nach dem kurzfristigen Ausfall des Mainzers Nadiem Amiri mit dem 19-jährigen Leipziger Mittelfeldspieler Assan Ouedraogo einen weiteren jungen U21-Spieler nachnominiert.
„Es gibt mehrere Junge, die für uns interessant sind Richtung WM“, sagt Nagelsmann, „auch Lennart Karl.“ Auch den U21-Stürmer Nicolo Tresoldi, 21, vom FC Brügge nennt Nagelsmann ausdrücklich, vielleicht als Geste, weil der Angreifer derzeit auch vom italienischen Verband umworben wird. „Da sind viele Spieler in der Verlosung“, sagt der Bundestrainer: „Ich muss diese Spieler mal in der Gruppe sehen, spüren, wie sie sich hier bewegen und ob sie dann auch schon die Qualität haben, fürs Turnier infrage zu kommen.“ Der Frankfurter Abwehrspieler Nnamdi Collins, der kürzlich sein A-Debüt gegeben hat, ist zunächst in die U21 zurückgekehrt.
U21-Trainer Di Salvo, der alle diese Talente selbst gut gebrauchen kann, weil man sich in der Qualifikation zur U21-EM 2027 in Serbien und Albanien bereits eine Niederlage gegen Griechenland erlaubt hat, will sich über Nagelsmanns Interesse nicht beschweren. „Es ist mit die Hauptaufgabe eines U21-Trainers, Spieler zu entwickeln“, sagt er. Dass Nagelsmann gleich mehrere Kandidaten fürs A-Team sieht, zeige, „dass wir auf die richtigen Leute setzen und dazu beitragen, dass der Weg von der U21 in die A-Nationalmannschaft kürzer wird“.
Lennart Karl selbst befürchtet angesichts seines schnellen Aufstiegs offenbar keinen Höhenkoller. „Die Situation ist ähnlich wie im Verein“, sagt er im Interview mit dem Deutschen Fußball-Bund: „Beim FC Bayern habe ich den Sprung zu den Profis auch etwas früher geschafft – es passt also alles.“

