Botschaft der deutschen Nationalelf:Eine Initiative mit Charme

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Korrekt aufgereiht: Die deutschen Fußballer senden vor der WM-Qualifikation eine wichige Botschaft. (Foto: Wolfgang Rattay/Reuters)

Die Nationalelf sendet mit selbst gestalteten T-Shirts eine wichtige Botschaft. Das goldene Zeitalter der mündigen Fußballprofis ist deshalb nicht angebrochen - aber man darf die Sache einfach mal stehen und gut sein lassen.

Kommentar von Philipp Selldorf

Für das bestmögliche Mannschaftsfoto ist darauf zu achten, dass die Spieler keine zu breite Reihe ergeben, maximal sechs, sieben sollten es sein. Wenn nötig, zwei oder drei Reihen bilden, der eine Teil geht in die Hocke, der mittlere steht gebückt, der dritte aufrecht dahinter. Bitte auch nach Körpergrößen sortieren, damit die Symmetrie gewahrt bleibt.

Eingedenk dieser Grundregeln hat die Nationalelf ein schlimmes Bild abgegeben, als sie sich vor ihrem Spiel in Duisburg zum Teamfoto formierte. Alle Mann standen kreuz und quer nebeneinander, der relativ kleine Joshua Kimmich zwischen den langen Kerlen Lukas Klostermann und Antonio Rüdiger, Ilkay Gündogan (1,80 Meter) neben Matthias Ginter (1,91). Obendrein hatten die deutschen Spieler ihre schwarzen Oberteile mit riesengroßen weißen Buchstaben bepinselt, der Kontrast wirkte mindestens irritierend.

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Mannschaftsfotos gehören obligatorisch zu Länderspielen wie die Nationalhymne, üblicherweise wandern sie dann aber gleich ins Archiv. Dieses unordentliche Foto der Deutschen aber wurde sofort überall gedruckt, gesendet und herumgereicht. Am nächsten Tag sah sich der Weltverband zur Reaktion genötigt: Man glaube "an die Meinungsfreiheit und die Kraft des Fußballs, den positiven Wandel voranzutreiben". Damit begründete die Fifa ihren Entscheid, die deutsche T-Shirt-Aktion nicht zu bestrafen, obwohl die Statuten die Verbreitung politischer Botschaften nicht erlauben.

Goretzka hat den Adressaten Katar nicht genannt und trotzdem klar bezeichnet

Die Mitteilung der Spieler besagte "Human Rights", Menschenrechte, nicht mehr und nicht weniger. Den Kontext sollte sich jeder selbst denken, aber der Bezug zur WM 2022 in Katar ist nicht bloß naheliegend, sondern eindeutig, und damit auch der Bezug zum Umgang der Kataris mit den Menschenrechten der Millionen Gastarbeiter in ihrem Land. Die Idee, eine WM in dem winzigen Wüstenstaat auszutragen, mag manchem immer noch wie eine geistige Fata Morgana vorkommen, doch der Tag, an dem das Hirngespinst Wirklichkeit wird, rückt näher. Mit den Qualifikationsspielen hat der Prolog begonnen.

Auch für die Fußballer kommt jetzt die Zeit, um sich mit der politischen und sozialen Realität im Veranstalterland auseinanderzusetzen. Die Norweger haben es vorgemacht, die Deutschen sind nun gefolgt, ohne dabei den Eindruck zu machen, sie hätten sich einer modischen Bewegung angeschlossen. Die Stellungnahme der DFB-Spieler ist auf den ersten Blick von nahezu unpolitischer Unverbindlichkeit, aber bei näherem Hinsehen stellt sie ein relevantes Statement dar: Sie zeigen, dass sie Interesse an der Debatte haben und ihre exponierte Rolle zur Einflussnahme nutzen wollen. Auch künftig wolle die Mannschaft "klarmachen, welche Bedingungen da herrschen müssen", hat der Wortführer Leon Goretzka erklärt. Er hat den Adressaten Katar nicht genannt und trotzdem klar bezeichnet.

Wie die Spieler ihren Plan in die Tat umsetzten, verleiht der Initiative einen gewissen Charme. Weder stand der ums Verbandsimage bemühte Präsident Pate noch half der Marketing-Experte Oliver Bierhoff nach. Die Beratungen fanden im Mannschaftskreis statt, die T-Shirts wurden dann im Do-it-yourself-Verfahren bemalt. Man muss deshalb nicht so tun, als sei nun das goldene Zeitalter der mündigen Fußballprofis angebrochen, man darf die Sache aber auch einfach mal stehen und gut sein lassen.

Mit der Protestnote aus Deutschland kann Katar gut leben. Dass der DFB und seine Spieler das Turnier boykottieren könnten, wie es bei den Norwegern bereits diskutiert wird, brauchen die Veranstalter vorerst nicht zu befürchten. Aber sie müssen erwarten, dass die Gäste beim neuralgischen Thema Menschenrechte keine Ruhe mehr geben werden. Ein Anfang ist gemacht mit diesem hervorragend gelungenen Mannschaftsfoto, bei dem von Leroy Sané (H) bis Manuel Neuer (S) jeder Spieler und Buchstabe richtig aufgereiht war.

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