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DFB-Elf:Welchen Plan hat Jogi Löw?

Mit Kimmich rechts oder zentral? Oder mit trotzigen Überraschungen? Egal, wie die Aufstellung aussieht: Priorität haben gegen Frankreich Gefahrenbewusstsein und Defensivarbeit.

Von Philipp Selldorf

Der Ursprung der Weisheit, die vom besonderen Wert des ersten Spiels bei großen Fußballturnieren erzählt, liegt in Zeiten, in denen der Tonfilm, die eiserne Lunge und der bemannte Hubschrauber erfunden wurden. Sie ist ungefähr so alt wie die Wettbewerbe selbst. Auf den Einstieg in Turniere hat sich Joachim Löw in all den Jahren als Bundestrainer immer gut verstanden. Probleme hatten seine Mannschaften dafür oft in der nächsten Partie: Bei der EM 2008 gab es im zweiten Gruppenspiel eine Niederlage gegen Kroatien, bei der WM 2010 eine Niederlage gegen Serbien, bei der WM 2014 ein wildes 2:2 gegen Ghana, bei der EM 2016 ein überaus dünnes Unentschieden gegen Polen - jedes Mal ging es danach im dritten Vorrundenspiel um Sein oder Nichtsein.

Die WM 2018 bildete die Ausnahme von der Jogi-startet-gut-Regel. Im ersten Spiel verlor Deutschland gegen Mexiko 0:1, und der mexikanische Trainer Juan Carlos Osorio erklärte anschließend, er habe im Wissen um die deutsche Strategie seinen Spielplan "schon vor sechs Monaten aufgestellt". Für Osorios deutschen Kollegen war das eine Enthüllung, die noch peinlicher war als manches Fernsehbild, das Löw bei seltsamen körpernahen Übersprungshandlungen während des Spiels bloßstellte.

Gern macht Löw es ganz anders, als alle von ihm erwarten

Nun kehrt Löw zum Turnierstart der EM an jenen Ort zurück, an dem er einst als Jürgen Klinsmanns Assistent und strategischer Berater das Auftaktspiel zur WM 2006 erlebte. Philipp Lahms 1:0 hatte damals nach allgemein gültiger Geschichtsschreibung magische emotionale Bedeutung für den gesamten deutschen Turnierauftritt - allerdings hieß der Gegner beim 4:2-Sieg Costa Rica. Es ist dennoch nicht ausgeschlossen, dass auch am Dienstagabend gegen den Weltmeister Frankreich der Linksverteidiger (als der Lahm damals noch fungierte) in die Mitte ziehen und ins Toreck treffen wird (wobei Robin Gosens lieber mit links abzieht, statt mit rechts zu schlenzen). Derlei forsche offensive Exkursionen stehen aber auf der aktuellen Prioritätenliste nicht unbedingt obenan. Das "Maß aller Dinge" für die DFB-Elf sei "die Defensivarbeit", so hat es Löw schon vor ein paar Tagen kundgetan: "Gegen die Franzosen müssen wir vor allem gucken, wie wir die vom eigenen Tor weghalten."

Sollte Deutschland trotzdem ein Tor mehr schießen als Frankreich, könnte Löw - im Stile des mexikanischen Kollegen vor drei Jahren - hinterher sagen, er habe seinen Matchplan schon Wochen zuvor aufgestellt. Denn es ist ja kein Geheimnis, wie der französische Trainer Didier Deschamps seine Elf formieren und instruieren wird. Der Grundsatz seiner bevorzugt defensiven Dispositionen (trotz erstklassiger Offensivbesetzung) taugt zum politischen Wahlkampfslogan: Nur Stabilität und Sicherheit führen zum Erfolg. Den Part des Unberechenbaren spielt also diesmal der Bundestrainer. Zwar erwarten viele ständige Beobachter, dass Löws Startelf beim jüngsten 7:1 gegen Lettland gleichfalls die Startelf für das Spiel gegen Frankreich sein wird. Doch sendete Löw auch Zeichen für einen anderen Plan. Auch eine Trotzreaktion ist jederzeit möglich - gern macht Löw es ganz anders, als alle von ihm erwarten.

Es ist tatsächlich eine Glaubens- und Gewissensfrage, ob Joshua Kimmich der richtige Mann für die rechte Außenbahn ist, oder ob nicht doch der Sprinter Lukas Klostermann die bessere Wahl wäre, um dem Sprinter Kylian Mbappé zu begegnen. Kimmich könnte dann im Mittelfeld mehr Einfluss auf die defensive Disziplin nehmen, wenngleich der Bundestrainer in dieser Beziehung bereits hinreichend gepredigt hat: "Jeder muss Defensivarbeit leisten, das ist von niemandem zu vernachlässigen", appellierte er. Die Frage ist, ob Toni Kroos und Ilkay Gündogan im Zentrum neben dem verlangten Eifer auch die nötige Schlagkraft mitbringen - wenn denn überhaupt Platz für beide ist, falls Kimmich ins Mittelfeld zieht.

Die Losung für die gewünschten Umgangsformen der Mitspieler hat bereits Antonio Rüdiger formuliert: "Nicht immer alles lieb-lieb-lieb oder spielerisch schön-schön-schön versuchen." Das klingt nach der typischen Sicht eines Innenverteidigers, aber auch die erklärten Ästheten im Team raten zu erhöhtem Gefahrenbewusstsein. "Das Spiel ist keines zum Reinkommen", mahnt Toni Kroos, volle Funktionstüchtigkeit von Anfang an seien gefragt - "sonst ist das Turnier für uns nicht lang".

© SZ/mok/sonn
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