Nationalmannschaft Der Geburtstag einer neuen Elf

Die Neuen: Serge Gnabry (rechts), Leroy Sane (2.v.l.) und Nico Schulz in Amsterdam.

(Foto: dpa)

Die Trennung von seinen alten Gefährten Müller, Hummels und Boateng hat Bundestrainer Löw gutgetan - seine junge Mannschaft wird es 2019 aber noch schwer haben.

Kommentar von Philipp Selldorf, Amsterdam

Was sehr bedauerlich ist für die neue deutsche Nationalmannschaft: Soeben ist sie in den Wettbewerb eingestiegen - und schon ist er wieder vorbei. Richtig ist zwar, dass es den Deutschen mit drei Punkten allein nicht gelingen wird, sich für die nächste Europameisterschaft zu qualifizieren. Doch es wird in Anbetracht von Gegnern namens Weißrussland, Estland und Nordirland unter keinen Umständen bei jenen drei Punkten bleiben, die man jetzt in Amsterdam erbeutet hat.

Früher, als das EM-Turnier noch ein hochverdichteter Konkurrenzkampf mit 16 mehr oder weniger gleichwertigen Kombattanten war, hätte dieser Einstandserfolg lediglich einen Etappensieg in der Qualifikation bedeutet. In jenen seligen Zeiten (die bis 2012 dauerten) ergab der zweite Gruppenplatz noch keine Teilnahmegarantie, wie das heute der Fall ist, selbst die verwöhnten Deutschen mussten immer wieder um ihren Status fürchten. Andererseits: Wer will schon immer von früher reden?

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Löw hat die Trennung von den alten Gefährten gut getan

Der Bundestrainer jedenfalls nicht. Das alte Jahr habe er "abgearbeitet" und "abgehakt", erklärte er am Sonntagabend mit einer Beiläufigkeit, die anzeigen sollte, dass ihn dieses Thema wirklich nicht mehr interessierte. Bekanntlich war 2018 kein besonders gutes Fußballjahr für Joachim Löw, es war sogar das mit Abstand mieseste Jahr, seitdem er für die Nationalelf verantwortlich ist. Dennoch war seine Feststellung zur abgeschlossenen Vergangenheitsbewältigung kein Versuch, die Gunst der Stunde zu nutzen und der Nation eine vollständige Bundestrainer-Amnestie zu verordnen.

Nein, für Löw ist das wirklich so: Das Gedenken an die Begebenheiten des Jahres 2018 hat er - inklusive seiner eigenen Sünden und Fehleinschätzungen - mit dem Vermerk "erledigt" ins Archiv verschoben. Bevor er aber den Ballast von gestern loswerden konnte, musste er sich von einigen Gefährten aus der vorigen Zeit trennen. Das ist ihm schwergefallen, hat ihm aber gutgetan - und seiner Mannschaft, so hatte es den Anschein, auch.

Der Auftritt in Amsterdam sah ja tatsächlich wie der Geburtstag einer anderen Nationalelf aus. Aufs eigentliche Spiel hatten die unlängst ausgemusterten Weltmeister Hummels, Boateng und Müller spätestens seit der ersten Zeitenwende im vorigen Herbst zwar keinen großen Einfluss mehr, im inneren Gefüge - und in den Gedanken des Bundestrainers - blieben die alten Größen aber präsent. Jetzt mussten sich die jungen und weniger erfahrenen Spieler ohne Anlehnung an die Autoritäten selbst helfen, sie taten das mit Hingabe und einem Teamgeist, der sich mit dem Schwierigkeitsgrad der Prüfung steigerte.

Die Niederländer taten ihnen den Gefallen, ein starker Gegner zu sein. Ohne die Härtebedingungen, die ihr abverlangt wurden, hätte sich diese Nationalelf nicht so eindrucksvoll aufrichten können. Im Juni heißen die nächsten Gegner Weißrussland und Estland, da lässt sich der Ernstfall, den die neue Mannschaft für ihr Erwachsenwerden braucht, schwerlich simulieren.

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