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Abwehr der DFB-Elf:Im Kohler-Land herrscht Notstand

Nationalmannschaft: Jogi Löw und Niklas Süle beim Confederations Cup 2017

Den Abwehrspieler Süle (links) hätte Bundestrainer Löw (rechts) bei der EM gerne dabei. Fraglich ist, ob der Münchner rechtzeitig fit wird.

(Foto: REUTERS)
  • Mit welchen Abwehrspielern er ins EM-Turnier gehen kann, weiß Bundestrainer Joachim Löw noch nicht.
  • Manche sind verletzt, anderen sind außer Form - noch ganz andere hat er selbst aus dem DFB-Team komplementiert.
  • Dabei konnten sich DFB-Teams in vergangenen Jahren auf ihre Abwehr stets besonders verlassen.

In diesem Moment war klar, dass die deutsche Nationalelf bei diesem Turnier nicht mehr viel gewinnen konnte. Diese Erkenntnis war ein bisschen gemein, weil das Turnier doch gerade erst begonnen hatte, gerade mal 14 Minuten waren im deutschen Auftaktspiel gespielt. Dann fiel der tschechische Stürmer Pavel Kuka dem deutschen Abwehrspieler Jürgen Kohler unabgesprochen aufs Knie, und nach dem Spiel kam aus dem deutschen Lager die Kunde: Das Turnier sei für Kohler vorbei. Ohne Kohler hatte Deutschland keine Chance, da waren sich alle einig, und zwar so lange, bis Deutschland drei Wochen später Europameister geworden war.

Ob das Jogi Löw tröstet? Löw kennt sich gut aus in deutscher Fußballgeschichte, die Europameister-Elf von 1972 kann er auswendig runtersagen. Aber deshalb weiß Löw auch: 1996 war eine Ausnahme. Zum Titel schafften es die Deutschen damals, weil Kohlers Ausfall durch drei andere überragende Defensivspieler aufgefangen wurde: durch den Torwart Andy Köpke, den Libero Matthias Sammer und den Bremer Mittelfeldmann Dieter Eilts, der zum Beispiel dem Engländer Paul Gascoigne das Spiel verdarb. Eilts habe den Rivalen mit "moin, moin, Gascoigne" begrüßt, wurde später erzählt, was sich leider als erfunden herausstellte (allerdings ist diese Erfindung so schön, dass man einfach beschließen sollte, sie für wahr zu halten).

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Im Vergleich mit Berti Vogts, dem Kollegen von 1996, hat Jogi Löw einen Vor- und einen Nachteil. Der Vorteil ist, dass er sich darauf einstellen kann, dass ihm sein bester Abwehrspieler beim EM-Turnier vermutlich ausfallen wird. Niklas Süle - Kreuzbandriss im linken Knie, dazu eine Meniskusverletzung - könnte höchstens im allerletzten Moment gesund werden, aber ob dieser große und schwere Mensch dann gleich wieder tauglich wäre für die Hochleistungsshow auf größter Bühne?

Mit Boateng steht der Bundestrainer in engem Kontakt

Und jetzt kommt der Nachteil: Löw kann sich keineswegs sicher sein, dass drei andere Weltklassespieler dann halt für Süle mitverteidigen. Klar, Manuel Neuer geht als Weltklasse durch, aber dann? In der Innenverteidigung stehen Matthias Ginter, Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Thilo Kehrer, Niklas Stark und Robin Koch bereit, alle zusammen würden in der Innenverteidigung sicher tadellos die Räume verdichten - aber wenn satzungsgemäß nur zwei von ihnen spielen? Und der Spielertyp Eilts ist eher ausgestorben, auf der Position vor der Abwehr haben sich heute künstlerisch veranlagte Typen wie Toni Kroos, Ilkay Gündogan und Joshua Kimmich etabliert. Moin, moin sagt von denen keiner mehr.

Das ist die Frage, die Löw weit über das letzte Qualifikationsspiel gegen Nordirland hinaus begleiten wird: Reicht diese Defensive, wenn bei der EM die Franzosen Mbappé und Griezmann angesprintet kommen oder die Spanier, Belgier, Engländer?

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Die erfolgreichsten deutschen Turnierteams waren stets von hinten nach vorne gebaut, hinten wachten Liebrich und Eckel (1954), Beckenbauer und Schwarzenbeck (1974), Augenthaler und Kohler (1990). Und 2014, beim bislang letzten WM-Sieg in Brasilien, hat Löw seine Abwehr vorübergehend mit lauter Innenverteidigern vollgestopft, Boateng, Mertesacker, Hummels und Höwedes kickten und köpften alles weg, was ihnen den sehr verdienten Kosenamen "Ochsenabwehr" einbrachte.

Der Fußball verherrlicht seine Artisten und Schöpfergeister, aber die bisher letzten großen Titel dieses Sports wurden an Mannschaften vergeben, deren Artisten sich auf ihr Netz und ihren doppelten Boden verlassen konnten. Weltmeister Frankreich kopierte die Ochsen-Idee der Deutschen und baute auf vier Innenverteidiger (Pavard, Varane, Umtiti, Hernandez); und der FC Liverpool gab über 80 Millionen Euro für den Verteidiger Virgil van Dijk aus, der Jürgen Klopps Elf dann von hinten heraus zum Champions-League-Titel führte.