In der 77. Spielminute fordert Nadiem Amiri den Ball. Der Borussia Park singt, macht Lärm, wittert noch mal Morgenluft, nachdem drei Minuten zuvor der Gladbacher Außenverteidiger Stefan Lainer zum 1:2 abgestaubt hat. Aber Amiri, der die Mainzer Kapitänsbinde trägt, weil Jonny Burkardt bereits auf der Bank weilt, hat andere, hat große Pläne. Er will jetzt das Spiel entscheiden. Amiri bekommt also den Ball von seinem Mittelfeldkollegen Kaishu Sano, spielt schnell einen telepathischen Doppelpass mit Lee Jae-sung und schießt dann das 3:1 für Mainz. Mit dem Vollspann aus 18 Metern, vorbei an den Fingerspitzen von Torhüter Jonas Omlin, Kategorie Tor des Monats. Anschließend joggt Amiri zur Eckfahne, bleibt stehen, streckt die Arme nach oben – und lässt sich genüsslich von den Gladbacher Fans ausbuhen.
Der 1. FSV Mainz 05 spielt aktuell die erfolgreichste Saison seiner Klubgeschichte. Mit 44 Punkten nach 25 Spielen stehen die Rheinhessen auf einem direkten Champions-League-Platz. Noch genau vor einem Jahr, die alte Leier muss sein, standen sie auf einem direkten Abstiegsplatz. Man hatte sich in Mainz beinahe mit der zweiten Liga abgefunden, da heuerte am Rosenmontag ein neuer Trainer an: Der dänische Menschenfänger Bo Henriksen, 50, kam, grinste und wiederbelebte den „Karnevalsverein“, indem er einer verunsicherten Mannschaft erst den Glauben an sich und dann den Spaß am Fußball zurückgab. Und mit ihr am Ende der Saison souverän die Klasse hielt: Bei dieser viel zitierten Erfolgsgeschichte fällt manchmal unter den Tisch, dass nur zwei Wochen vor Henriksens Übernahme ein gewisser Nadiem Amiri im Winterschlussverkauf aus Leverkusen nach Mainz gewechselt war. Für eine lächerlich geringe Ablösesumme von einer Million Euro.
Weil Amiri in der Saison 2023/24 kaum Fußball gespielt hatte (82 Minuten in 19 Spielen), verzichtete der gebürtige Rheinland-Pfälzer auf seine erste (sehr absehbare) deutsche Meisterschaft und ging in die Landeshauptstadt in den Abstiegskampf. Mainz’ Sportdirektor Christian Heidel sprach damals von einem „kleinen Heimkommen“ für Amiri, dessen fußballerische Qualitäten unzweifelhaft auf höherem Level als auf Abstiegskampf-Niveau einzuordnen sind. Allerdings kommen sie erst dann zum Tragen, wenn er fußballerisch im Mittelpunkt steht und sich wohlfühlt – was in Mainz von Beginn an der Fall gewesen sein soll. O-Ton Amiri nach dem Spiel am Freitagabend: „Mir fehlen die Worte für die Truppe. Ich liebe diese Jungs, das ist Wahnsinn.“
„Wer viel investiert, wird belohnt“, sagt Amiri
Es gilt als gesichertes Verdienst von Bo Henriksen (Stichwort: Bo-Effekt), dass eigentlich alle Mainzer die beste Saison ihrer Karriere spielen. Stellvertretend sei Robin Zentner, 30, erwähnt, der prozentual die meisten Torschüsse aller Bundesligatorhüter hält, oder Danny da Costa, 31, der noch besser spielt als zu besten Frankfurter Zeiten. Dass aber in dieser Saison in Mainz nicht nur Fußball gearbeitet, sondern sogar selbstbewusst kombiniert wird, liegt unter anderem an Amiri, der nahezu jede Offensivaktion einleitet und das Spiel mit seinen Pässen gestaltet. Aber nicht nur das: Amiri wirft sich in Zweikämpfe und spult Kilometer für die Mannschaft ab. Etwas, das er vielleicht in der vergangenen Saison im Mainzer Abstiegskampf gelernt hat. „Wer viel investiert, wird auch belohnt“, so formulierte er es am Dazn-Mikrofon nach dem 3:1-Auswärtssieg bei Borussia Mönchengladbach.
Ist einer wie Amiri nicht viel zu gut für den kleinen FSV Mainz? Genau so dachten auch schon einige, als Amiri im Sommer 2024 kurz vor einem Wechsel zu Eintracht Frankfurt stand, sich dann aber dagegen entschied und seinen Vertrag in Mainz sogar bis 2028 verlängerte. Und eigentlich – noch so ein verbreiteter Gedanke – kann es ja nicht sein, dass Mainz 05 nächste Saison in der Champions League spielt. Und doch sieht es langsam ganz danach aus.


