Süddeutsche Zeitung

Nachwuchs-Fußball:Das Geschäft mit den Fußballtalenten

  • Im Profifußball wird der Kampf um Talente immer intensiver, teilweise werden Zwölfjährige gescoutet.
  • "Es ist ein enormes finanzielles Rad, das da heute gedreht wird", sagt etwa Armin Kraaz, der Leiter des Jugendzentrums bei Eintracht Frankfurt.
  • In der U-19-Bundesliga ist von Gehältern bis zu 10 000 Euro pro Monat die Rede.

Zweiundzwanzig Tore in 16 Spielen. Youssoufa Moukoko hat bei Borussia Dortmund in seinem ersten Halbjahr ordentlich Eindruck gemacht. Er ist schnell, schießt mit links, schießt mit rechts. In der U 15 des Vereins ist er einer der Größeren und Stärkeren. "Wenn man den Jungen sieht - er könnte in der U 17 spielen", sagt Lars Ricken, der Leiter des Dortmunder Nachwuchsleistungszentrums. Das darf der Stürmer aber nicht. Er ist erst 13 Jahre alt.

Als Youssoufa Moukoko noch Zwölf war, spielte er beim FC St. Pauli in Hamburg, für die dortige U 15 schoss er 23 Tore. Der Stürmer hatte da bereits einen Berater, die Firma Sports United plant die Karriere des allseits so bezeichneten "Wunderkindes". Sports United glaubte offenbar, St. Pauli sei zu klein für den Jungen. So kam er nach Dortmund. "Im Zuge seiner Entwicklung suchten sie einen Verein mit einem ruhigen, guten Umfeld", sagt Lars Ricken. Und weil man bereits in anderen Fällen gut zusammengearbeitet habe, einigten sich die Parteien im vergangenen Sommer auf einen Umzug des zwölfjährigen Fußballers. Statt in Hamburg bei seiner Familie mit den Eltern aus Kamerun und den vier Geschwistern wohnt er nun in Dortmund bei einer Gastfamilie.

Ist das nun der berüchtigte Talente-Klau im Fußball-Business? Die unverantwortliche Verpflanzung junger und immer jüngerer Spieler in der Hoffnung auf spätere Rendite, sowohl sportliche wie auch finanzielle? Oder handelt es sich in Fällen wie Youssoufa Moukoko im Gegenteil darum, ein hochbegabtes Kind optimal zu fördern und ihm die Chance zu geben, es einmal weit zu bringen? Die Meinungen darüber gehen selbst innerhalb der Branche auseinander. Während die Öffentlichkeit zumeist sehr eindeutig urteilt. Transfers von Minderjährigen? Geht gar nicht!

"Es ist ein enormes finanzielles Rad, das heute gedreht wird"

Der Fußball kennt dieses Urteil und nimmt deshalb bei dem Thema eine Abwehrhaltung ein. Ricken sagt, die Sache mit Moukoko habe eigentlich "nicht unserer Philosophie entsprochen". Der Klub habe sich auch gar nicht aktiv um den Spieler bemüht, erst nach Absprache mit der Familie habe man zugestimmt. "Das wird eine komplette Ausnahme sein, in der Altersklasse jemanden aus Hamburg nach Dortmund zu holen." Die Agentur Sports United möchte sich auf Nachfrage nicht äußern. Überhaupt ist auffällig, wie viele Klubs beim Thema Jugendtransfers lieber schweigen.

Youssoufa Moukoko ist zwar aufgrund seines Alters und der Entfernung seines neuen Lebensortes ein Extremfall. Abgesehen davon aber ist er nur einer unter vielen. Der FC Bayern holte einmal den zehnjährigen Kenan Yildiz aus Regensburg samt Familie nach München, Yildiz spielt jetzt in der U 12. Die Zahl von Jugendtransfers quer durch die Republik wird nirgends dokumentiert, doch eines ist sicher: Sie ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen und wird weiter steigen. Auch im Ausland sichten die Scouts der Klubs nach Talenten.

Borussia Dortmund ist einer der umtriebigsten Klubs. Aber längst nicht der einzige. RB Leipzig lotst seit einigen Jahren gute Jugendspieler aus dem ganzen Land in sein Leistungszentrum, auch der VfL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim sind besonders aktiv. Angestoßen vom Deutschen Fußball-Bund, der Anfang der Nuller-Jahre die Profiklubs zwang, Jugendleistungszentren zu bauen, lockt inzwischen der Win-Win-Traum. Da ist zunächst der Imagegewinn: Wenn Spieler aus der eigenen Jugend im Männerbereich ankommen, sind das oft Identifikationsfiguren für Fans und Sponsoren. Und natürlich ist da der Geldfaktor: Bisweilen refinanziert sich das Engagement für den Nachwuchs später bereits mit einem Transfer.

FC Bayern beglückt mit einem neuen Bau

Beispiel Hoffenheim: Mit der Einsetzung des früheren Jugendtrainers Julian Nagelsmann als Chefcoach kam Schwung in die Jugendlichkeit. Sieben Spieler stehen derzeit beim Tabellenfünften im Kader, die das örtliche Nachwuchszentrum besucht haben. Das kommt gut an, und es hilft nebenbei, den Klub unabhängiger von Mäzen Dietmar Hopp zu machen. Für Verteidiger Niklas Süle erhält Hoffenheim im Sommer kolportierte 20 Millionen Euro vom FC Bayern. Für Mittelfeldspieler Nadiem Amiri dürften irgendwann noch mehr Millionen fließen. Die Investitionen lohnen sich endlich, Hoffenheim leistet sich schon seit 2006 sein teures Nachwuchszentrum in Zuzenhausen.

Andere zogen nach. "Es ist ein enormes finanzielles Rad, das da heute gedreht wird", sagt Armin Kraaz, der Leiter des Jugendzentrums bei Eintracht Frankfurt. Der Deutschen Fußball-Liga DFL zufolge steckten die 18 Vereine der Bundesliga in der vergangenen Saison 110 Millionen Euro in ihre Jugendarbeit, fast 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Wer da nicht mitmacht, dem wird vorgeworfen, die Entwicklung zu verschlafen. Dem Hamburger SV zum Beispiel. Der hat 2014 den früheren Hockey-Nationaltrainer Bernhard Peters engagiert, um den Missstand zu beheben. Peters hatte zuvor das Konzept in Hoffenheim maßgeblich gestaltet und arbeitet nun daran, die HSV-Jugend nach vorne zu bringen. Und in München wird das Jugendfußballland bald mit einem neuen Bau der Superlative beglückt.

Bei den Beratern herrscht Goldgräberstimmung

Für 70 Millionen Euro baut der FC Bayern im Norden der Stadt ein neues Klubgelände, ein wichtiger Teil wird das neue Nachwuchszentrum sein. Da der Klub wie immer und überall die Nummer eins sein will, ist alles vom Feinsten. Restaurant, Räume für Vorträge wie für Behandlungen, eine Arztpraxis, ein Schwimmbecken, außerdem 35 Apartments für Jugendspieler, die von außerhalb kommen. Bislang verfügte der FC Bayern "nur" über 15 Plätze (zum Vergleich: Borussia Dortmund hat 22, RB Leipzig 50). Es stehen Partnerschulen bereit, Sozialpädagogen, Sportpsychologen, Athletiktrainer, Physiotherapeuten. Auch einen Chef haben die Münchner nun gefunden - Herrmann Gerland. Und auch wenn der selbst nicht mehr der Jüngste ist: Den Vereinen kann man nicht vorwerfen, dass sie sich nicht um ihre Jugendlichen kümmern würden. Im Gegenteil.

Dafür müssen die Kids das Leben führen, das man von ihnen erwartet: leistungsorientiert und diszipliniert. Und sie sollten gut Fußball spielen. Besser als die Konkurrenten. Sonst müssen sie den Klub sowie ihr Apartment wieder verlassen.

Durch dieses Aufrüsten ist im Jugendbereich ein regelrechter Transfermarkt entstanden - in dem die Preise wie bei den Erwachsenen ständig nach oben gehen. Im Sommer überwies der FC Bayern 500 000 Euro für den 16-jährigen Timothy Tillman an die SpVgg Greuther Fürth. Mit ihm kamen der jüngere Bruder und die Mutter nach München. Inzwischen baggern Real Madrid und der FC Barcelona an dem Spieler. Zuletzt wechselte der 17-jährige Antonio Tograncic von den Bayern zu Ajax Amsterdam. Offenbar kam er in der starken U 17 des Klubs nicht mehr zurecht und suchte eine neue Herausforderung, wie das im Amts-Fußballdeutsch heißt.

In der U-19-Bundesliga ist von Gehältern bis zu 10 000 Euro pro Monat die Rede, in der U 17 verdienen die Besten nicht viel weniger. Armin Kraaz erklärt, dass die Eintracht da finanziell weder mitspielen kann noch will: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es gut ist, wenn ein 17- oder 18-Jähriger das Doppelte oder Dreifache seines Vaters verdient."

Engländer stöbern auf dem deutschen Jugendmarkt

Der Deutsche Fußball-Bund sieht die Entwicklung nicht grundsätzlich kritisch. Dass in der A- oder B-Jugend die Topspieler zu den Topklubs wechseln, sei sogar "nachvollziehbar und auch wünschenswert", erklärt der zuständige Verbandsdirektor Ulf Schott. Dagegen sehe er überregionale Wechsel von jüngeren Kindern und Jugendlichen höchst kritisch. Weil eine Prognose der späteren Leistungsfähigkeit schwer möglich und "die Entwurzelung aus dem gewohnten Umfeld mit Familie, Freunden und Schule häufig problematisch" sei. Eine echte Handhabe dagegen hat der DFB nicht. Der Weltverband Fifa versucht den Markt zu regeln, indem er Auslandstransfers von Minderjährigen nur unter Bedingungen zulässt. Innerhalb der EU gilt das für alle unter 16. Weil sich der FC Barcelona in mehreren Fällen nicht daran hielt, wurde der Klub im Jahr 2015 mit einer Transfersperre bestraft.

Die Klubs versuchen dennoch früh, ihre Vorhersagen zu optimieren. So führen in Deutschland einige bei den Torhütern der U 13 Handwurzelmessungen durch, um zu sehen, ob der Junge auch mal groß genug wird für einen Bundesliga-Torwart.

In dem immer heißeren Markt droht schon mittelständischen Bundesligaklubs wie Freiburg, Mainz, Köln oder eben Frankfurt der ständige Abwerbeversuch, wenn mal ein Jugendspieler richtig gut ist. Im Sommer 2015 verlor die Eintracht je einen Spieler nach Dortmund und Leipzig, sowie die hochgelobten Itter-Zwillinge Gian- Luca und Davide-Jerome nach Wolfsburg. Niklas Süle wurde einst in Frankfurt geboren und kam über Darmstadt als 14-Jähriger zur TSG Hoffenheim.

Da die Klubs mit ihren Jugendlichen erst an deren 15. Geburtstag Verträge abschließen dürfen, können sie Wechsel zuvor nicht verhindern. "Deshalb verlagert sich das große Scouting, die große Jagd immer tiefer, zu den Zwölf-, 13- und 14-Jährigen. Da kann man die Spieler noch problemlos vom Verein wegholen", erzählt Kraaz. Wenn die U 13 oder U 14 der Eintracht spielt, stehen neben dem Platz die Scouts der Großklubs.

Spätestens bei der U 16 mischen dann auch einige Topvereine aus der englischen Premier League mit, denen Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge kürzlich plakativ "Kidnapping" von jungen Spielern vorwarf. Lars Ricken sagt dazu: "Wenn wir national um Spieler konkurrieren, sind in der Regel auch die Engländer involviert. Sie beschäftigen in Deutschland viele Scouts."

Daneben tummeln sich die Spielerberater, für die im Jugendbereich die große Goldgräberstimmung herrscht. Armin Kraaz berichtet, dass bei der Eintracht alle U 19-Spieler einen Karriereplaner an ihrer Seite haben, auch schon die besten 13-Jährigen. "Die Spieler sind heiß umworben", sagt er. Und das, obwohl die Vergütung von Beratern im Jugendbereich verboten ist, wie der DFB mitteilt. Es ist die große Wette auf die Zukunft. Wenn so ein Jugendlicher später im Millionen-Business Fußball landet, wird auch der Berater reich.

Wo das alles hinführen soll? Lars Ricken ist sich sicher: Die Konkurrenz um die besten Jugendspieler werde immer größer, doch "weil bei ganz vielen Vereinen erstklassige Arbeit geleistet wird, wird auch die Anzahl der guten Spieler immer größer". Oder wie es Armin Kraaz ausdrückt: "Das Rad wird sich weiter beschleunigen."

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Quelle:
SZ vom 22.02.2017/jbe
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