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Nachruf:Trauer um den Heiligen Löwen

Pape Diouf

Mit 68 Jahren nun in Dakar gestorben: Pape Diouf.

(Foto: AP)

Pape Diouf, bei Olympique Marseille Europas erster schwarzer Klubpräsident, bereicherte den Fußball - nun starb er am Coronavirus.

Von Javier Cáceres

Die Ultras von Olympique Marseille gelten als die ersten, die einst den Antirassismus und linke Ideen auf die Stehplatztribünen trugen. Sie gelten auch als Inspirationsquelle für ideologisch verwandte Fankurven in ganz Europa, in Deutschland etwa beim FC St. Pauli. Und sie haben einen Ex-Präsidenten, den sie besonders verehren: Pape Diouf. Erst recht jetzt, da Pape Diouf, wie am Dienstagabend bekannt wurde, in Dakar verstorben ist. Nach einem Leben, das so ereignisreich war, dass es für zwei reichte.

Pape Diouf, der auf den Vornamen Mababa getauft wurde, kam 1951 im Tschad zur Welt, wuchs aber im Senegal auf. Der Vater hatte im Zweiten Weltkrieg als Soldat der französischen Armee gegen die Deutschen gekämpft, und er hatte für den Sohn einen Karriereplan als Militär vorgesehen. Er schickte ihn deshalb nach Marseille. Dass er dort nie bei den Streitkräften landete, sondern bei der Post, verheimlichte Pape Diouf dem Vater. Ebenso, dass sich in Marseille ein Weg in den Fußball auftat: Ein Post-Inspektor war freier Mitarbeiter der damals noch kommunistischen Zeitung La Marseillese. Seinen ersten namentlich gezeichneten Artikel verfasste Diouf 1974, über Frauenbasketball - und er bestach, heißt es, durch eine brillante Prosa.

Bald wurde er Olympique-Marseille-Reporter, vor allem aber Anlaufstelle für afrikanische Profis in Frankreich. Aus diesem Keim wuchs eine Karriere als Spielerberater, auf Anraten von Joseph-Antoine Belle, dem kamerunischen Torwart von Olympique Marseille. Belle war auch der erste Klient Dioufs, der zu seiner Zeit als Agent ein Pionier war, weil Rassismus im Fußball nicht thematisiert, sondern im Zweifel hingenommen wurde.

Über die Jahre kamen Spieler dazu, die eher in Frankreich Größen waren, aber auch weltbekannte Spieler wie Basile Boli, Marcel Desailly, Marc-Vivien Foé, der ehemalige 1860-Profi Abedi Pelé, Frédéric Kanouté - und vor allem den Ivorer Didier Drogba, der mit dem FC Chelsea gegen den FC Bayern 2012 in München Champions-League-Sieger wurde.

Ihnen allen war gemein, dass Pape Diouf jeden von ihnen "mein Sohn" nannte und dass er für sie ein väterlicher Freund und Lebensberater war. Verträge schloss er der Legende nach per Handschlag ab; dass er imstande war, einen zerbrochenen Besen als Turbostaubsauger zu verkaufen, kam ihm manches Mal zugute. Dann wechselte er die Seiten.

Im Jahr 2005 wurde Diouf erst Manager, dann Präsident bei Olympique, und auch wenn der Klub in seiner Amtszeit nie einen Titel holte, wurde ihm verziehen. Denn er legte den Grundstein für den Titelgewinn 2010. Vor allem aber hatte seine Ernennung durch den skandalumwitterten, früheren Adidas-Manager Robert Louis-Dreyfus Züge eines epochalen Ereignisses: Pape Diouf war der erste schwarze Präsident eines - auch noch großen - europäischen Fußballklubs. "Das ist eine Feststellung, die schmerzhaft ist", sagte er selbst. Jetzt, am Mittwoch, verneigte sich ganz Frankreich vor dem "Heiligen Löwen", wie ihn die Zeitung L'Équipe nannte. "Er war ein Monument unseres Fußballs", schrieb Kylian Mbappé, Stürmer bei Paris St. Germain.

Pape Diouf wurde 68 Jahre alt, und er erwies seinem Kontinent vielleicht einen letzten Dienst: Er starb in Dakar an einer Corona-Infektion. Das lenkt den Blick darauf, dass die Pandemie auch in Afrika um sich greift und Menschenleben kostet - ohne dass davon bisher groß Notiz genommen wird.

© SZ vom 02.04.2020
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