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Nach Klitschkos Karriereende:Im deutschen Boxen glänzt nichts mehr

Wladimir Klitschko

Nach dem Rücktritt von Wladimir Klitschko steht dem deutschen Boxen eine schwere Zeit bevor.

(Foto: dpa)

Nach Wladimir Klitschkos Rücktritt gibt es weiterhin Profiboxer, die die Menschen begeistern. Sie kommen nur nicht aus Deutschland - weil Eitelkeiten die Szene bestimmen.

Kommentar von Benedikt Warmbrunn

Die besten Geschichten im Boxen beginnen ganz unten, und so fingen auch die letzten guten Jahre des deutschen Boxens an. September 2005, die Boardwalk Hall in Atlantic City, Runde zehn: Wladimir Klitschko kniet am Ringboden, stützt sich mit einer Faust ab, zum dritten Mal an diesem Abend hat ihn sein Gegner, Samuel Peter, niedergeschlagen. Klitschko steht auf. Er wankt. Er bleibt stehen. Er gewinnt.

Dass der Ukrainer diese zehnte Runde gegen Peter überstanden hat, rettete seine Karriere, es gab ihm das Selbstvertrauen, um für ein Jahrzehnt die unüberwindbare Figur des Schwergewichts zu werden. Dass Klitschko zum dritten Mal in dieser Nacht aufstand, rettete jedoch auch die gesamte deutsche Boxbranche.

Nach Klitschkos Rücktritt am Donnerstag gibt es weiterhin Profiboxer, für die sich die Menschen begeistern. Sie kommen aus den USA, Lateinamerika oder aus Großbritannien, wo sie in Klitschko-Bezwinger Anthony Joshua einen neuen Schwergewichtshelden gefunden haben. Nur aus Deutschland kommen sie nicht.

Das deutsche Boxen scheiterte an der eigenen Eitelkeit

Die großen deutschen Namen sind in den vergangenen zwölf Jahren die gleichen geblieben, nur haben sie jegliche Größe verboxt. Arthur Abraham? Hat zu viele seiner Duelle gegen international geachtete Gegner verloren. Felix Sturm? Kämpfte wegen einer positiven Dopingprobe zuletzt nur noch mit der Staatsanwaltschaft. Marco Huck? Wer war noch einmal Marco Huck?

In den Jahren des Klitschko-Glanzes hatte es das deutsche Boxen versäumt, sich auf die Zeit nach den beiden Brüdern vorzubereiten. Betreuten die Manager einen Schwergewichtsboxer, lärmten sie so lange herum, bis dieser schließlich gegen einen der Klitschkos boxen durfte. Es folgte ein klarer Klitschko-Sieg, und schon war es wieder leise. Abraham und Sturm gingen sich so lange aus dem Weg, bis sich keiner mehr für sie interessierte. Zu oft schützten fragwürdige Punkturteile den deutschen Athleten. Der traurige Tiefpunkt war erreicht, als der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) im vergangenen Jahr darauf verzichtete, sich nach Sturms positiver A-Probe von diesem zu distanzieren. Und so sank die Glaubwürdigkeit des deutschen Boxens fast von Kampfabend zu Kampfabend.

Das Bittere an diesem Niedergang ist, dass er einer voller verpasster Chancen ist. Die Profis und die Amateure waren sich jahrelang in herzlicher Ablehnung verbunden. Die einen, die Amateure, wollten ihre besten Boxer nicht abgeben. Die anderen, die Profis, behaupteten lange, es ohnehin besser zu wissen. Manchem Talent wurde in diesem Klima der Feindseligkeiten der Übergang zu den Profis unmöglich gemacht. Kam doch einmal ein junger Boxer, priesen ihn die Manager stets als die Zukunft des Sports. Doch diese Zukunft meisterte oft schon die erste Hürde nicht.

Vor allem aber scheiterten die Verantwortlichkeiten an Eitelkeiten. Der Kasache Gennadi Golowkin bestritt seine ersten Profikämpfe in Deutschland, er lebte jahrelang in Stuttgart, war bei einem deutschen Boxteam unter Vertrag. Dort aber verbauten sie ihm viele Möglichkeiten, weil sie die altgedienten Boxer nicht durch ein ehrgeiziges Talent verunsichern wollten. Inzwischen ist Golowkin einer der beliebtesten Boxer in den USA, ein Millionenpublikum schaltet bei seinen Kämpfen ein, Mitte September trifft er im wichtigsten Duell des Jahres auf den Mexikaner Saúl Álvarez.

Golowkins Potenzial hatte übrigens schon vor mehreren Jahren die Firma K2 Promotions erkannt, sie betreut ihn bis heute. Gegründet wurde diese einst von den Klitschko-Brüdern.

© SZ vom 05.08.2017

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