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Nach dem Anschlag in Dortmund:Der erbarmungslose Sport

  • Nur knapp 24 Stunden nach der Attacke auf die Mannschaft von Borussia Dortmund ist an diesem Abend die Partie gegen Monaco neu angesetzt.
  • Der Fußball verfährt nach dem Motto: Es muss immer weitergehen - das liegt auch daran, dass es um so viel Geld geht.
  • Was das mit den Protagonisten macht, rückt in den Hintergrund.

Das Dortmunder Fußballstadion wird an diesem Mittwochabend mehr denn je zu einer Kathedrale werden. 65 800 Menschen und dazu ein paar Millionen vor dem Fernseher werden an einer Messe teilnehmen, in der Menschen gegen den Terror predigen und gegen Gewalt aufstehen. Ein Fußballspiel wird zum Symbol.

Nicht zum ersten Mal übernimmt der Sport die Aufgabe der Trauer- und Schockbewältigung. Gerade der Fußball als mit Abstand größte Unterhaltungsindustrie der Welt darf nach Ansicht vieler keinesfalls stoppen, wenn Kriminelle die Werte der Gesellschaft angreifen. Legendär und bis heute richtungsweisend ist der Ausspruch von Avery Brundage bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Bei einer Geiselnahme von palästinensischen Terroristen waren elf israelische Sportler gestorben, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees erklärte tags darauf: "The Games must go on!" Die Spiele müssen weitergehen. Daraufhin rannten und kämpften die Athleten wieder um Gold und Ruhm (nur die Delegation Israels flog nach Hause). Ob das damals richtig war, darüber gab und gibt es sehr unterschiedliche Meinungen.

Brundages Worte sind die Leitlinie bis heute. The show must go on. Um 18.45 Uhr an diesem Mittwochnachmittag wird Schiedsrichter Daniele Orsato das Champions-League-Viertelfinale Borussia Dortmund gegen AS Monaco anpfeifen. Es werden dann beim BVB elf junge Männer auf dem Rasen stehen, die keine 24 Stunden vorher einen Anschlag auf ihr Leben körperlich heil überstanden haben. Drei Bomben waren in der Nähe des Mannschaftsbusses auf dem Weg zum Stadion explodiert, eine verstärkte Glasscheibe ging zu Bruch. Verteidiger Marc Bartra musste noch in der Nacht wegen Verletzungen am Arm operiert werden.

Anschlag auf BVB-Bus "Wer sagt denn, dass die BVB-Profis das Trauma in drei Tagen besser verarbeiten?"
Interview mit Sportpsychologen

"Wer sagt denn, dass die BVB-Profis das Trauma in drei Tagen besser verarbeiten?"

Der Sportpsychologe Martin Meichelbeck erklärt im SZ-Interview, warum Borussia Dortmund es den Spielern überlassen sollte, ob sie gegen den AS Monaco antreten.   Interview von Matthias Schmid

Dieses Mal gab Reinhard Rauball, Präsident des BVB, der Deutschen Fußball-Liga und Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes, die Linie vor: Nur gut eine Stunde nach dem Anschlag sagte er beim TV-Sender Sky: "Die Spieler sind Profis und ich bin der Auffassung, dass sie das wegstecken werden, und dass sie in der Lage sind, morgen ihre Leistung abrufen zu können."

Die Frage stellt sich: Kann Herr Rauball eine Stunde nach dem Anschlag so sicher sein? Er konnte noch nicht wissen, was alle Spieler, die Trainer und Betreuer fühlten und dachten.

Der Profisport entpuppt sich in diesen Momenten als erbarmungslose Leistungsmühle. Die Gladiatoren müssen wieder raus - weiter, immer weiter. "Das wäre ja das allerschlechteste, wenn diejenigen auch noch Erfolg haben, die Mannschaft sich dadurch beeinflussen lässt und das Spiel nicht so bestreitet, wie sie das gerne möchte", führte Rauball aus. Die muskelgestählten, hochbezahlten Männer müssen das Vorbild abgeben für eine Gesellschaft, die stark und unnachgiebig die westlichen Werte verteidigt.