Muslimische Profifußballer Erlaubnis zum Fastenbrechen

Ist das Fasten während des Ramadan mit den Anforderungen an einen Bundesligaspieler vereinbar? Der Zentralrat der Muslime in Deutschland erlaubt Profifußballern das Fastenbrechen - unter Berufung auf eine hohe islamische Instanz.

Von Johannes Aumüller

An seinen ersten Fastenmonat als Fußballer hat Mesut Özil keine guten Erinnerungen. Zu A-Jugend-Zeiten hielt sich der heutige Nationalspieler an das Gebot des Islam, während des 30 Tage dauernden Ramadan von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nichts zu essen und zu trinken. "Ich fühlte mich schlapp und bekam Kopfschmerzen", sagte Mesut Özil einmal - und ließ es mit dem Fasten fortan sein. Stuttgarts Serdar Tasci, wie Özil praktizierender Muslim, fand in den vergangenen Jahren wie viele andere Profis einen Mittelweg: Er fastete nur an spiel- und trainingsfreien Tagen. Doch insgesamt bereitete es vielen muslimischen Fußballern gewisse Sorgen, wie sie die Gebote ihrer Religion und ihren Leistungssport miteinander vereinbaren können.

Bayerns Mittelfeldspieler Franck Ribéry zählt zu den muslimischen Spielern, die bislang an spiel- und trainingsfreien Tagen fasteten.

(Foto: dpa)

Das soll sich nun ändern. Kurz bevor am 11. August der nächste Ramadan beginnt, haben Özil, Tasci & Co. eine wichtige Orientierungshilfe bekommen. In einer gemeinsamen Erklärung mit der Deutschen Fußball Liga und dem Deutschen Fußball-Bund bestätigte der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) am Mittwoch, dass Profifußballer während des Ramadan das Fastengebot brechen dürfen. Diese könnten nun "ohne falsche Schuldgefühle sowohl ihrem Beruf wie auch ihren religiösen Pflichten" nachgehen, sagte ZMD-Generalsekretär Aiman Mazyek.

Der Zentralrat spricht zwar nicht für alle in Deutschland lebenden Muslime, sondern ist einer von mehreren Dachverbänden, noch dazu einer der kleineren. Doch diese Haltung hat besonderes Gewicht, weil der ZMD dafür ein Rechtsgutachten beim religiösen Gutachterrat der ägyptischen Al-Azhar-Universität in Auftrag gegeben hatte - einer der wichtigsten Autoritäten in der islamischen Welt.

In dem Gutachten der Al-Azhar-Gelehrten heißt es, dass der Arbeitsvertrag zwischen dem Spieler und dem Verein den Spieler zu einer bestimmten Leistung zwinge. "Und wenn diese Arbeit seine einzige Einkommensquelle ist und er im Monat Ramadan Fußballspiele bestreiten muss und das Fasten Einfluss auf seine Leistung hat, dann darf er das Fasten brechen" - und es dafür in der spielfreien Zeit nachholen. Diese individuelle Verschiebung des Fastenmonats ist auch in anderen Ausnahmefällen, zum Beispiel bei Krankheit, üblich.

Dennoch ist dieser Ansatz innerhalb der islamischen Gemeinde umstritten. Nach gängiger Koran-Interpretation dürfen lediglich Schwangere, Kinder, Kranke, alte Menschen, Reisende und Schwerarbeitende das Fastengebot brechen. Profifußballer unter die Kategorie "Schwerarbeiter" zu fassen und von der Argumentationslogik her etwa in eine Reihe mit Arbeitern am Hochofen zu stellen, dürfte manchen schwerfallen. "Wir werden sicher auch Mindermeinungen hören", sagte Aiman Mazyek zu sueddeutsche.de.

Die Erklärung soll aber nicht nur den gläubigen Profis Gewissheit geben, sondern auch den Vereinen. Kurz nach dem vergangenen Ramadan hatte es rund um den Zweitligisten FSV Frankfurt viel Aufregung gegeben. Der Klub schickte drei Profis eine Abmahnung, weil sie nach Darstellung des Vereins mit unangemeldetem Fasten gegen den Arbeitsvertrag verstoßen hatten. Die FSV-Verantwortlichen hatten den DFL-Mustervertrag für Profispieler, der von den Spielern professionelle Lebensführung verlangt, um einen Passus ergänzt, nach dem die Spieler vor Diäten oder Fastenzeiten Rücksprache mit dem Verein halten sollten, um für eine sportmedizinisch sinnvolle Begleitung zu sorgen. Das war nach Klub-Angaben nicht erfolgt.

Sportmediziner atmen auf

In anderen deutschen Profiklubs kam es bisher nicht zu solchen Vorfällen. Dennoch dürften viele Trainer und Vereinsmediziner nun aufatmen. Denn dass Fasten Auswirkungen auf den Körper und die sportliche Leistungsfähigkeit haben kann, ist unter Ärzten unbestritten - zumal bei den hohen Temperaturen, die während des diesjährigen Ramadan (11. August bis 9. September) herrschen dürften.

Die Körper der Spieler regenerieren ohne regelmäßige Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme langsamer. Wer fastet, füllt seinen Glykogenspeicher nicht nach. Der Körper muss bei großer Anstrengung seine eigenen Fettreserven angreifen, die eigentlich für Notfälle vorgesehen sind. Vor allem der Verzicht auf Flüssigkeit während und nach dem Spiel ist aus medizinischer Sicht problematisch. Das kann zu Dehydrierungen, Kreislaufproblemen und Muskelverletzungen führen. Nun können sich die Klubs bei etwaigen Problemen auf das vorgelegte Gutachten berufen und auf mögliche Alternativen verweisen - zumal dort ja ausdrücklich vom Arbeitsvertrag die Rede ist.

Trotz des ZMD-Gutachtens könnte es aber in knapp zwei Wochen auch eine kleine Zahl an Profifußballern geben, die sich an die engen Fastenregeln halten wollen. Mittelfeldspieler Jawhar Mnari beispielsweise, der bis zum Sommer für Nürnberg spielte und nun ausgerechnet zum FSV Frankfurt wechselte, gehörte in den vergangenen Jahren zu denjenigen, die nicht wie Serdar Tasci gewisse Zwischenlösungen suchten, sondern tatsächlich von morgens bis abends nichts aßen. "Wenn du deine Leistungen bringst, gibt es keine Schwierigkeiten während des Ramadans", sagt Mnari.

Frankfurts Geschäftsführer Bernd Reisig erklärte auf Anfrage von sueddeutsche.de, dass er es natürlich akzeptiere, wenn sich ein Spieler fürs Fasten entscheidet. "Ich habe großen Respekt vor ihm, weil er ein sehr gläubiger Mensch ist. Wir haben vor kurzem miteinander gesprochen, auch über die Empfehlung des Zentralrats", sagte Reisig. "Wir haben abgemacht: Wenn er beim Fasten bleibt, muss er uns nur informieren."

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