Im Moment der großen Enttäuschung war es schwierig, irgendwas Positives aufzuschnappen. Die Spieler der Munich Ravens standen in der Mitte des Rasens im Hachinger Sportpark, erst alle zusammen im Teamkreis, dann in kleineren Grüppchen. Ihren Grüppchen: Die Runningbacks, die Widereceiver, die Offensive-Linemen. Man umarmte sich, herzte sich, es flossen Tränen. Wenige Minuten zuvor hatten ein paar Spieler noch ein letztes Mal in die große Obstschale an der Bank gegriffen und sich die letzten Wassermelonenstücke rausgeholt. „Scheiße“ sei das, brachte Justin Rodney die Situation mit einem Wort auf den Punkt. Das Playoff-Aus kommt im American Football besonders abrupt, völlig unvermittelt: Eine Niederlage – und die Saison ist plötzlich vorbei. Die Meisterschaft sollte es sein, sagte Rodney, „weil Halbfinalisten interessieren später keinen mehr.“
Am Sonntag ist der Ravens-Traum vom Finaleinzug in der European League of Football (ELF) geplatzt. Die 13:27-Heimniederlage gegen die Stuttgart Surge beendete die Münchner Saison, die sich bis dahin so großartig gelesen hatte: Neun Siege in Serie hatte es zuvor gegeben, die Hauptrunde wurde mit einer Bilanz von 11:1 Siegen beendet, was den direkten Playoff-Halbfinaleinzug bedeutete. Und ein Heimspiel im Sportpark Unterhaching, in dem die Ravens seit mehr als zwei Jahren ungeschlagen waren. Doch die Stuttgarter, die ihnen bereits in der Hauptrunde die einzige Niederlage überhaupt zugefügt hatten, waren auch am Sonntagnachmittag abgeklärter – und erfüllten sich ihren Traum: den, das heimische Finale, am 7. September in Stuttgart, bestreiten zu können. Dort geht es dann gegen die Vienna Vikings.
Rodney sagt, so könne er seine Karriere nicht beenden: „Dann muss ich jetzt eben den Jungbrunnen suchen“
Eine positive Nachricht inmitten der Ravens-Tristesse lieferte Rodney selbst. Der Runningback hatte während der Saison mit dem Gedanken gespielt, es könnte seine letzte sein. Diesen verwarf er nach dem bitteren Halbfinal-Aus aber sofort. Auf gar keinen Fall könne er so aufhören, betonte der 29-Jährige, und fügte lächelnd an: „Dann muss ich jetzt eben den Jungbrunnen suchen.“ Seine persönlichen Leistungen waren sowieso über jeden Zweifel erhaben, er knackte die 1000-Yards-Marke und erlief die meisten aller ELF-Spieler. Gesundheitlich gehe es ihm nach den 13 Saisonspielen auch noch super, erzählte er – weshalb er sich gleich ein neues persönliches Ziel für die nächste Spielzeit setzte: „Vielleicht 1200 Yards“, statt der 1000, die er in dieser Saison angepeilt hatte. Und er verwies auf die „24-Stunden-Regel“, die es im Team gebe. So lange darf jeder Spieler oder Trainer nach einer Niederlage traurig, in diesem Fall des Ausscheidens sogar „etwas depressiv“ sein, aber danach gehe es wieder weiter. Nach der Saison, bemüßigte Rodney eine alte Sportweisheit, sei vor der Saison.
In welchem Liga-Konstrukt Rodney und die Ravens kommende Saison antreten werden, steht allerdings in den Sternen. Im Sommer hatte der zum Saisonende angekündigte Rückzug von ELF-Commissioner Patrick Esume nicht nur für Aufsehen gesorgt, sondern auch klargemacht, dass es große Fragezeichen rund um diese Liga gibt. Mittlerweile haben sich elf der 16 ELF-Teams zu der noch recht losen European Football Alliance (EFA) zusammengeschlossen. Diese drohte, aus dem ELF-Projekt auszusteigen.
„Wir haben es ja nicht in der Hand. Was Aktionäre und Funktionäre machen, ist deren Sache.“
Bei den Ravens, einem Gründungsmitglied der ELF, das noch nicht der EFA beigetreten ist, geht man davon aus, dass man auch in der nächsten Spielzeit hochklassiges europäisches American Football spielen wird. „Es wird weitergehen“, sagte Thomas Krohne, Mitgesellschafter der ELF und Besitzer der Ravens, im August. „Wir haben das als Mannschaft relativ gut ignoriert“, sagte Rodney zu den anhaltenden Liga-Diskussionen. Klar habe es in der Kabine darüber Gespräche gegeben, aber der Spieler-Fokus lag auf den sportlichen Belangen. „Wir haben es ja nicht in der Hand. Was Aktionäre und Funktionäre machen, ist deren Sache.“ Rodney ist „super dankbar“, auf der ELF-Bühne spielen zu können, er findet, die Liga habe „sehr viel für den Sport in Deutschland gemacht“, ihn professionalisiert, auch wenn „vielleicht Fehler gemacht wurden“.
Er hofft, dass das wackelige Liga-Konstrukt „in Zukunft nicht in zu viele Teile zerbricht“. Verhältnisse wie im Boxsport, wo es mehrere Verbände gibt, wären nicht gut, das sei einfach nicht attraktiv, sagte Rodney. Er selbst möchte jetzt erst einmal den Kopf etwas frei kriegen – und ein Monat lang nur „zum Spaß“ im Fitnessstudio trainieren.
