Münchner Sportpolitik:Die Wolpertinger-Halle

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Münchner Sportpolitik: Hier könnten ihre Olympiasportler trainieren: Die bayerischen Landesverbände für Hockey und Tischtennis würden anstelle der verfallenden Hans-Fleitmann-Halle gerne ein gemeinsames Leistungszentrum betreiben.

Hier könnten ihre Olympiasportler trainieren: Die bayerischen Landesverbände für Hockey und Tischtennis würden anstelle der verfallenden Hans-Fleitmann-Halle gerne ein gemeinsames Leistungszentrum betreiben.

(Foto: Andreas Liebmann)

In der bayerischen Landeshauptstadt verfällt eine ehemalige Sporthalle zur gefährlichen Ruine - seit 16 Jahren schon. Zwei Landesverbände würden hier gerne ihre heimatlosen Stützpunkte unterbringen - doch es geht einfach nichts vorwärts.

Von Andreas Liebmann

Journalistische Preisfrage: Wie schlägt man einen eleganten Bogen von Dimitrij Ovtcharovs olympischem Traum zu einer einsturzgefährdeten Sporthallenruine im Münchner Norden? Von jenen epischen Ballwechseln seines Tischtennis-Halbfinals von Tokio gegen den Chinesen Ma Long, das im vergangenen Juli Millionen Deutsche an den Bildschirmen faszinierte, zu diesem tristen grauen Ungetüm?

Es kann darauf eigentlich nur eine seriöse Antwort geben: am besten gar nicht.

Bis zu 30 Prozent Marktanteile hatten ARD und ZDF während der olympischen Tischtennisübertragungen gemeldet, bei denen Ovtcharov im Einzel auf spektakuläre Art Bronze gewann und im Team mit Timo Boll und Patrick Franziska Silber. Eine dieser medialen Randsportarten, die fast nur während Olympischer Spiele Beachtung finden, war mal wieder groß rausgekommen. Ein Dreivierteljahr später hat Carsten Matthias, der Geschäftsführer des Bayerischen Tischtennis-Verbands (BTTV), einen Tipp mitgegeben für die Ruinenbesichtigung: Nur nicht laut husten dort! Nicht dass die Hütte einstürzt.

Vielleicht muss man den gewagten Bogen trotz allem versuchen. Weil genau hier, wo nun Michael Nahr gerade auf der Suche nach einem Schlüssel für das große Vorhängeschloss zur verfallenden Halle ist, so viele lose Enden einer mindestens kuriosen, wenn nicht skurrilen Geschichte zusammenlaufen; oder besser: darauf warten, endlich miteinander verknüpft zu werden. Eines der vielen Enden hat entfernt mit Ovtcharov zu tun, ein anderes mit den deutschen Hockey-Nationalteams, die diesmal in Tokio leer ausgingen, sonst aber immer zur Stelle sind, wenn Deutschland Olympiamedaillen zählt. Michael Nahr übrigens ist Vorsitzender des Münchner Sport-Clubs, auf dessen Erbpachtgelände im Stadtteil Lerchenau nicht nur diese Ruine steht, sondern auch Tennis und Bundesliga-Hockey gespielt wird. 40 Hockeyteams hat der MSC.

Alles begann mit dem Unglück in Bad Reichenhall, wo 2006 beim Einsturz der Eishalle 15 Menschen ums Leben kamen

Das ganze Problem besteht seit 16 Jahren, und an Lösungsideen mangelte es nie. Trotzdem steht nun in München, wo Bauland knapp und unbezahlbar ist, wo quer über das Stadtgebiet Sportflächen fehlen, diese doppelte Dreifachhalle leer, die man leicht abreißen und neu bauen könnte, für die es das Baurecht gibt und die Infrastruktur - doch es passiert einfach nichts.

Alles begann mit dem Unglück in Bad Reichenhall, wo 2006 beim Einsturz der Eishalle 15 Menschen ums Leben kamen. Alle ähnlich konstruierten Bauwerke wurden danach überprüft, dabei stellte man auch an der Leimbinderkonstruktion der Münchner Hans-Fleitmann-Halle Baumängel fest. Die Halle wurde geschlossen.

Münchner Sportpolitik: Landschaft zu Besuch: Erdhügel haben eine Außenwand der ehemaligen Tennishalle eingedrückt.

Landschaft zu Besuch: Erdhügel haben eine Außenwand der ehemaligen Tennishalle eingedrückt.

(Foto: Andreas Liebmann)

Zuletzt habe der Prüfstatiker gesagt, dass er das Bauwerk nur noch mit Helm betrete, erzählt Nahr. Von außen zeigt er eingedrückte Wände und hohe, 4000 Euro teure Zäune, mit denen der Verein die Ruine abgesichert hat. "Hier ist Gefahr in Verzug", sagt er. Niemand weiß, wie lange das Bauwerk der Schwerkraft noch trotzt. Und ob die Politik schneller oder langsamer ist als der Zerfall.

Ganz am Anfang deutete wenig darauf hin, dass sich diese Geschichte ins Unendliche ziehen könnte. Die Stadt regte damals die Errichtung eines Hockey-Leistungszentrums an, der MSC investierte 18 000 Euro in die Planung, dann sprang der Bayerische Hockeyverband (BHV) auf, damit es Zuschüsse gibt von Bund und Land. Bis das Sportamt 2016 überraschend die Notbremse zog, weil diese Zuschüsse geringer ausfielen als angenommen. Das Neubauprojekt krachte in sich zusammen. Das Problem: Hockey ist zwar olympisch, aber nur als Sommervariante auf dem Feld - und hier ging es um eine Halle. Dass Sommersportler auch im Winter trainieren müssen - nun ja...

Der Tischtennis-Bundesstützpunkt schlüpft im täglichen Wechsel bei Vereinen im Umland unter - "für das Gesamtsystem ist das peinlich"

Dabei brauche man den Münchner Stützpunkt dringend, betont BHV-Präsident Harry Schenavsky seit Jahren, sonst gäbe es "südlich von Mannheim gar nichts mehr". Dazu gehört eine Halle, dazu gehören Plätze. Wenige hundert Meter vom MSC-Gelände entfernt steht eine Eliteschule des Sports, die dortigen Hockey-Schüler müssen zum Training auf die MSC-Plätze ausweichen; der MSC wiederum okkupiert im Winter mit seinen Teams notgedrungen andere Hallen. München rühmt sich zwar als Sportstadt, kann mit der Arena in Fröttmaning punkten, auch für die anstehenden European Championships zeugt ihr Slogan "Back to the roofs" vom Stolz auf den schmucken Olympiapark und dessen weltbekannte Zeltdächer - aber in der Breite des Sports hat die Stadt Probleme.

So führt diese Geschichte auch in die Kellerräume des TSV Milbertshofen. Hier absolviert der Tischtennis-Bundesstützpunkt seit Jahren seine Vormittagseinheiten. Nachmittags schlüpft er im täglichen Wechsel bei Vereinen im Umland unter wie ein Wanderzirkus. Nach der Zahl seiner Vereine ist der BTTV der größte Tischtennis-Landesverband. Ende 2021 gewann Deutschland Bronze bei der Jugend-WM - mit einer rein bayerischen Mannschaft. Der Kader in München wird unter anderem von Krisztina Toth trainiert, einer siebenmaligen Europameisterin. Doch auch er hat keine eigene Trainingsstätte. "Für das Gesamtsystem ist das peinlich", sagt BTTV-Geschäftsführer Matthias. Seine Verbandstrainer sollten sich eigentlich darum kümmern, Toptalente an die Spitze zu führen, in die Fußstapfen von Boll und Ovtcharov - und nicht darum, wer wann mit welchem Fahrzeug zu welcher Ausweichhalle gelangt.

Münchner Sportpolitik: Ein Fundstück erinnert an vergangene Zeiten - und symbolisiert zugleich den möglichen Weg in die Zukunft: Michael Nahr mit dem alten Wolpertinger-Pokal.

Ein Fundstück erinnert an vergangene Zeiten - und symbolisiert zugleich den möglichen Weg in die Zukunft: Michael Nahr mit dem alten Wolpertinger-Pokal.

(Foto: Andreas Liebmann)

Am Gründonnerstag vor zwei Jahren hat Carsten Matthias einen 100-seitigen Antrag beim bayerischen Innenministerium eingeworfen. Die beiden Verbände hatten sich zusammengetan, einen Plan für ein gemeinsames Zentrum anstelle der alten Halle entworfen. Geschätzte Baukosten damals: zehn bis zwölf Millionen Euro, von denen die weitgehend mittellosen Verbände als Betreiber zehn Prozent aufbringen, je 30 kämen von Stadt, Land und Bund. Die Stadt hat sich klar positioniert, mit einem Beschluss über 6,4 Millionen Euro Förderung, der Freistaat wäre auch dabei - doch alles hängt am Bund. Ende 2020 wurde der erste Antrag verschoben. Ende 2021 auch der zweite - jeweils wegen Corona. Über den dritten Anlauf werde nicht vor Ende 2023 entschieden, weiß Matthias. Ein Baubeginn wäre frühestens 2024 möglich. Er will nun weiter Lobbyarbeit betreiben.

Drinnen in den beiden Hallenteilen sieht es wüst auf, zwischen Schimmel und Asbest türmt sich Gerümpel auf, Stützstangen biegen sich. Es knistert. Im ehemaligen Tennisbereich fehlen Teile der Außenwand. Im Hockeyteil habe er selbst noch gespielt, erzählt Nahr. Inzwischen habe er Angst, dass dieses Projekt ein zweites Mal beerdigt werden könnte, dass wieder "alle mit den Schultern zucken". Plötzlich entdeckt er zwischen dem Müll eine Holzkiste, in der ein Wolpertinger sitzt. Das sei damals der Wanderpokal für ein Jugendturnier gewesen, erzählt er melancholisch. "1981" steht auf einer Plakette. Der Wolpertinger ist ein bayerisches Fabelwesen, das viele Tiere in sich vereint, oft mit Schwimmhäuten, Fell, Flügeln und Geweih. Einen ähnlich kreativen Mix haben die Verbände hier geplant. Aus beiden Sportarten sollten hier die Stützpunkte, das Training mehrerer Vereine, Breiten- und Schulsport Platz finden. Eine Win-win-win-Situation, wie Matthias immer sagt. Nur wie erklärt man in Berlin den Reiz eines Wolpertingers?

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