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Münchener Schachclub 1836:Wie damals im Café Größenwahn

Unzicker, Wolfgang - Schachspieler, D/ undatiert

Wolfgang Unzicker, hier im Jahr 1953, führte den MSC in die goldenen Zeiten. Er galt als der beste Amateur-Schachspieler der Welt.

(Foto: ullstein bild/Getty Images)

Der Münchener Schachclub 1836 ist der älteste Sportverein Bayerns - und kämpft sich gerade wieder nach oben. Mit dem erst 16-jährigen Alireza Firouzja, der schon Magnus Carlsen herausgefordert hat.

Eine Reportage von Thomas Gröbner

Wo beginnt man diese Geschichte über den ältesten Sportverein Bayerns? Vielleicht am tiefsten Punkt, als der Münchner Schachclub 40 Jahre nach seiner Gründung über seine Auflösung abstimmen wollte, aber nicht beschlussfähig war, weil nur vier Mitglieder erschienen? Beginnt man am Höhepunkt, in den goldenen Jahren, als München kurz der Nabel der Schachwelt war? Oder fängt man im Hier und Jetzt an, im Pfarrsaal "Zu den heiligen Zwölf Aposteln", wo unter einer schweren Jesusfigur erstaunlich viele junge Menschen versuchen, einen iranischen Großmeister zu besiegen?

"Start the engine", sagt Michael Reiß und ruft damit die nächste Runde aus. Es wird Blitzschach gespielt, zum "Runterkommen", wie meistens nach einem Liga-Wettkampf am Wochenende. Reiß, 61, ist Vorstand des altehrwürdigen Münchener Schachclubs von 1836, er ist Bewahrer des Vereins und Unterhalter an diesem Abend im Februar. Es klappert, zwei, drei Sekunden vergehen zwischen den Zügen, dann schlagen die Hände der Spieler auf eine Uhr; Blitzschach ist eine atemlose Angelegenheit. An den Brettern sitzen 24 Spieler, 19 bis 78 Jahre alt, mehr junge als alte, darunter eine Frau, Preisgeld: 50 Euro. Zuschauer: keine. Der Münchner Schachclub, gegründet 1836, ist der älteste existierende Sportverein in Bayern, "älter ist nur die katholische Kirche", scherzt Reiß. Er knabbert Nüsse. Dazwischen versucht er Antworten zu finden auf die Frage, wie es gelingt, so lange eine Gemeinschaft am Leben zu halten.

"Das war wie Boris Becker fürs Tennis"

Viele Vereine sind verschwunden, aber der MSC ist immer noch da. "Eine Menge Glück" sei nötig, um sich so lange zu halten. Egal wie tief der Sturz, "wir fallen immer wieder auf die Füße", sagt Reiß. "Es wird sich immer jemand kümmern, um den Verein zu restaurieren", glaubt er, so wie Reiß es selbst getan hat. Er hat die Vergangenheit mitgebracht, zwei Hefte liegen neben ihm, die Chroniken.

Die ältesten Sportvereine Bayerns

1. Münchner Schachclub 1836 01.01.1836

2. ASV Marktschorgast 01.01.1837

3. TSV 1846 Nürnberg 25.10.1846

4. TV Augsburg 1847 25.12.1846

5. TS Lichtenfels 26.12.1846

6. TSV 1847 Weilheim 26.12.1846

7. TSV Lohr 28.12.1846

8. TSG Füssen 30.12.1846

9. TSV 1847 Schwaben Augsburg 01.01.1847

10. TSV Weißenhorn 26.10.1847

Alles fing an im Café Kastner im Heiliggeistgässchen am Viktualienmarkt, beim "Schachkränzchen"; eine honorige Gesellschaft aus Offizieren, Kaufleuten und Beamten spielten das Spiel der Könige im Königreich Bayern, es war eine elitäre Angelegenheit. Der MSC hatte mal sieben, mal 42 Mitglieder. Man blieb unter sich, bis sich das Schachspiel in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts öffnete: "Der Zweck sei doch der, die Arbeiter vom Biertrinken und Kartenspielen abzulenken und zum Nachdenken anzuregen", hieß es bei der Gründungsversammlung des Deutschen Arbeiter-Schachbundes 1903. Für einen Boom sorgte das Duell um die WM-Krone zwischen den deutschen Schachgrößen Emanuel Lasker und Siegbert Tarrasch, Lasker siegte und blieb 27 Jahre Weltmeister. "Das war wie Boris Becker fürs Tennis", sagt Reiß. Tatsächlich folgte die Blütezeit des Schachvereins: 1925 hatte der Klub 235 Mitglieder, heute sind es weniger als die Hälfte.

Der Verein residierte damals im Zentrum des intellektuellen Zirkels Münchens, im Künstlerlokal Café Stefanie. Es war der Treffpunkt der Münchner Bohème, die Passanten drückten sich die Nase platt an der Spiegelscheibe des Lokals, das im Volksmund damals Café "Größenwahn" hieß. "Massenhaft Maler, Schriftsteller und Genieanwärter jeder Art", was die Münchener dieser Zeit unter dem Begriff "Schlawiner" zusammenfassen, hielt der Autor Erich Mühsam damals fest. Kurt Eisner, Gustav Landauer, Paul Klee, Alfred Kubin, Heinrich Mann und Frank Wedekind waren unter den Stammgästen. Im Schatten des aufziehenden Nationalsozialismus richtete der Verein 1936 die Schacholympiade in München aus, ein 100. Geburtstag unter dunklen Vorzeichen. Viele Spieler kehrten nicht mehr zurück aus dem Krieg. Die Vereine wurden verboten.

Doch in der Nachkriegszeit gelang es wieder, den versprengten Schachspielern und Kriegsheimkehrern eine Heimat zu geben. Wolfgang Unzicker führte den MSC in die goldenen Zeiten, zu acht deutschen Meisterschaften zwischen 1951 und 1965. Unzicker galt als bester Amateurspieler der Welt, er forderte Koryphäen wie Bobby Fischer oder Boris Spasski heraus.

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