1860 München Tradition und Leidenschaft

In einem rassigen Abendspiel setzt sich 1860 München 2:0 gegen Energie Cottbus durch. Nach dem zweiten Heimsieg der jungen Saison klettert der TSV auf Platz drei - wenigstens für eine Nacht.

Von Johannes Kirchmeier

Der Mann, der gegen Energie Cottbus auf fünf Tore und fünf Vorlagen zurückblickt, war am Freitag gerade so zum Anpfiff auf seinem Platz angekommen. Er machte sich bereit für die 90 Minuten. Was in diesem speziellen Fall allerdings eine gute Nachricht für den Gast im Grünwalder Stadion war: Denn Benjamin Lauth, verdienter Mittelstürmer des TSV 1860 München, erwartete zwar einen seiner Lieblingsgegner im Sechzigerstadion, doch Fußball spielt er schon seit drei Jahren nicht mehr. Der 37-Jährige saß hoch oben in einer Kommentatoren-Box für den übertragenden Sender Telekom.

Er hatte viel zu erzählen, denn das letzte TSV-Heimspiel vor der Wiesn zwischen den beiden früheren Erst- und Zweitliga-Kontrahenten war ein äußerst attraktives, ein Stück Spektakel in dieser dritten Fußball-Liga. Am Ende setzte sich der TSV 1860 2:0 (1:0) gegen die Cottbuser durch. Mit zehn Punkten aus sechs Spielen und der ersten Partie ohne Gegentreffer können die Giesinger durchaus zufrieden sein mit ihrem Start. "Wir merken, dass wir von Woche zu Woche mehr Überzeugung haben, auch in der Art und Weise, wie wir Fußball spielen", sagte Trainer Daniel Bierofka bereits zuvor. Langsam darf sich der Aufsteiger oben in der Tabelle einordnen, zumindest für eine weiß-blaue Nacht steht er auf Rang drei.

Gleich nach der Pause verletzt sich Torhüter Hendrik Bonmann am Knie und muss raus

Lauth war nicht der einzige torhungrige Angreifer mit Löwen-Herz, der sich setzen musste beim Anstoß. Auch auf den als Startelfkandidaten angekündigten Sascha Mölders verzichtete Bierofka - zumindest bis zur Halbzeit, als der Stürmer für Alessandro Abruscia kam. Nicht spielen durfte auch der neue, alte Sechser der Sechziger: Romuald Lacazette liehen die Löwen erst am Freitag für ein Jahr kostenfrei vom SV Darmstadt 98. Der Cousin des FC-Arsenal-Stürmers Alexandre Lacazette stand bereits von 2015 bis 2017 in Giesing unter Vertrag. "Er ist ein guter Typ, passt charakterlich sehr gut in die Mannschaft", sagt Bierofka.

Das hieß auch: Der Coach blieb seinem System treu, Abruscia spielte wieder als Zehner hinter Adriano Grimaldi. Vor einer Woche kam 1860 in diesem System beim 4:1 in Aalen in Fahrt, nun wollten die Cottbuser ähnliches verhindern. Bereits in der vierten Minute senste Fabio Viteritti den Sechziger Marius Willsch mit voller Wucht um, die erste von sieben gelben Karten.

Ihre Leidenschaft haben sich die beiden Traditionsklubs und ihre Anhänger also in den Jahren des Niedergangs erhalten können. Das gilt zudem für ihre spielerische Klasse, wie sich zeigen sollte: Sechzigs Rechtsverteidiger Herbert Paul startete durch, legte sich den Ball in den Strafraum und schoss ihn an die Latte (15.). Grimaldi entwischte anschließend nach einem Pass in die Tiefe allen Gegnern und legte den Ball an der Strafraumkante am Energie-Torwart Avdo Spahic, allerdings auch am Tor vorbei (28.). Was sich fast gerächt hätte: Der Cottbuser Marcelo Freitas zimmerte kurz darauf einen Freistoß an die Oberkante der Latte (32.). Die Teams näherten sich langsam dem Tor an - und so erstaunte es auch nicht, dass die Löwen anschließend in Führung gingen, wobei ein Cottbuser traf. Fabian Graudenz lenkte einen Freistoß von Philipp Steinhart mit seinem Schienbein inseigene Tor.

Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz hatte vor dem Spiel noch von der Standardstärke des TSV 1860 gewarnt, der aber trotzdem zum siebten Mal nach einem ruhenden Ball erfolgreich war.

Es war eine verdiente Halbzeitführung der aktiveren Löwen, doch gleich nach der Pause verletzte sich Torhüter Hendrik Bonmann nach einer Ecke am Knie, er machte einige Minuten weiter, nur um dann auf dem kalten Rasen sitzend mit seinen Händen auf diesen einzudreschen. "Ich konnte nicht mehr schießen", sagte er. Ein MRT soll an diesem Samstag Gewissheit über die Verletzung bringen. "Normalerweise würde ich mich nur mit einem offenen Wadenbeinbruch auswechseln lassen", grummelte er später. Marco Hiller ersetzte ihn trotzdem (56.), bald danach musste auch der Mittelfeldspieler Daniel Wein angeschlagen vom Platz. "Wir mussten richtig leiden für die drei Punkte", fand Bierofka.

Womit die schlechten Nachrichten der Löwen abgehandelt sind, denn nur drei Minuten nach Bonmanns Aus rannte Nico Karger auf seiner linken Seite allein in den Strafraum und schloss lässig ins kurze Eck ab zum 2:0 (59.). Es war die Entscheidung, denn die Partie entwickelte sich im Anschluss wieder zu ihrem Ausgangsschema zurück: Statt Torchancen mussten die Zuschauer böse Fouls mitansehen. Nur Mölders kam noch zu einer guten Gelegenheit. Allerdings grätschte er den Ball aus fünf Metern neben das Tor (84.). Der Kommentator hoch droben wusste: Normalerweise macht er den. Nur ist Cottbus nicht Mölders', sondern Lauths Lieblingsgegner.